Überblick: Bildung und Wissenschaft

By Allan Karuga Wayne [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

DAAD-Regionalinformationen

Die folgende Einführung in das Hochschulsystem, ergänzt durch ein Kapitel zum Thema "Internationalisierung und Bildungskooperationen" sowie den DAAD-Aktivitäten in Kenia, finden Sie im DAAD-Ländersachstand. Eine umfangreichere Analyse des kenianischen Hochschulsystems bietet die DAAD-Bildungssystemanalyse, eine kompakte Datenzusammenstellung auf einer Seite das DAAD-Datenblatt.

Alle verfügbaren DAAD-Ländersachstände, DAAD-Bildungssystemanalysen und DAAD-Datenblätter alphabetisch nach Ländern sortiert finden Sie unter
www.daad.de/regionalinformationen.

Die Bildungs- und Hochschullandschaft in Kenia befindet sich in einer rasanten Wachstumsphase: Die Bruttobeteiligungsrate in den achtjährigen Primarschulen lag 2013 wegen Nachholeffekten bei 119,6%, im Sekundarschulbereich bei 56,2%. Im Hochschulbereich lag die Beteiligung bislang nur bei 4,1% (2011), hier findet jedoch ein schneller Nachholprozess statt: Die Einschreibungszahlen an kenianischen Universitäten sind in den letzten Jahren massiv gestiegen. Waren im Jahr 2000 noch 41.000 Studierende eingeschrieben, waren es in 2015 ca. 440.000, der Großteil davon (ca. 360.000 Studierende) an den öffentlichen Hochschulen. Allein zwischen 2012 und 2013 ist die Einschreibezahl um 41% gestiegen. Aufgrund der Kombination aus Bevölkerungswachstum, höheren Übergangsraten zur Sekundarschule und einer massiv wachsenden Nachfrage für eine Hochschulausbildung ist auch in den kommenden Jahren mit einem starken Anstieg der Studieninteressierten zu rechnen.

Parallel zu diesem Trend wächst die Anzahl der Hochschulen in Kenia sprunghaft: 2009 gab es 18 akkreditierte Hochschulen, inzwischen sind es bereits 67. Sie lassen sich in fünf verschiedene Hochschultypen einteilen:

  1. Öffentliche Hochschulen (22) sind vom Staat eingerichtete Hochschulen, die staatliche Infrastrukturzuweisungen und Zuschüsse für die Aufnahme einer bestimmten Zahl Studierender erhalten. Der Anteil zusätzlicher Selbstzahler steigt stetig an. Forschungsmittel sind überwiegend Drittmittel, meist aus internationalen Quellen. Der staatliche Finanzierungsanteil sinkt kontinuierlich und liegt bei forschungsintensiven Hochschulen inzwischen bei unter 50%. Die öffentlichen Hochschulen erhielten 2013 erstmals eine „Charter“ und werden durch die Commission for University Education (CUE) stetig überprüft.
  2. „Constituent Colleges“ öffentlicher oder privater Hochschulen (14) sind in der Regel kleinere, teilautonome Tochterhochschulen mit Management- und Finanzautonomie in der Übergangsphase zur vollen Unabhängigkeit. Curricula und Abschlüsse müssen vom akademischen Senat der Mutteruniversität genehmigt werden.
  3. Akkreditierte private Hochschulen (17) sind von der CUE nach einem mehrstufigen Akkreditierungsverfahren voll anerkannte Hochschulen, die oft in Trägerschaft religiöser Institutionen sind. Sie bieten nur wenige Masterkurse und kaum Promotionsmöglichkeiten an.
  4. Universities with Letter of Interim Authority (13) sind von der CUE unter Auflagen nur vorläufig anerkannte, meist neu gegründete Hochschulen. Sie bieten nahezu ausschließlich Bachelorabschlüsse an und gehören oft privaten Investoren.
  5. Registrierte private Hochschulen (1) sind Hochschulen, die vor Einrichtung der Regulierungsbehörden eine staatliche Registrierung erhielten.

Grundvoraussetzung für ein Studium ist das KCSE (Kenya Certificate of Secondary Education), das den erfolgreichen Abschluss der weiterführenden Schulbildung bescheinigt. Das KCSE reicht für eine Studienzulassung an deutschen Hochschulen nicht aus. Neben den entsprechenden Deutschkenntnissen ist dafür ein studienvorbereitender Kurs (Studienkolleg) oder ein einjähriges erfolgreiches Studium in Kenia erforderlich.

Seit Anfang 2014 wird der Hochschulzugang der grundständigen Studiengänge durch die neue zentrale Vergabestelle „Kenya Universities and Colleges Central Placement Service“ geregelt. Seitdem werden auch Studienplätze an privaten Hochschulen zentral vergeben und mit öffentlichen Mitteln unterstützt.

Die Studiengebühren an staatlichen Institutionen unterscheiden sich je nach belegten Studienkursen , betragen durchschnittlich jedoch etwa 1.750 Euro, mindestens jedoch etwa 1.000 Euro , an privaten etwa 1.400 bis 5.600 Euro pro Studienjahr. Einem Weltbank-Bericht zufolge, gehören die kenianischen Hochschulen zu den teuersten in der Region.  Staatliche finanzielle Unterstützung erhalten Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit sehr guten Noten – bis September 2016 ausschließlich für ein Studium an einer staatlichen, seitdem jedoch auch für eines an einer privaten Hochschule.   Die Mehrzahl der kenianischen Studierenden muss ihr Studium jedoch selbstständig finanzieren und die höheren Gebühren zahlen.

Die zentralen Akteure des kenianischen Hochschul- und Wissenschaftssystems sind neben den Hochschulen selber die „Commission for University Education“ (CUE) und die „National Commission for Science, Technology and Innovation“ (NACOSTI). CUE ist eine dem Ministry of Education, Science and Technology unterstehende Einrichtung („Regulierungsbehörde“) zur Qualitätssicherung. Es setzt und überwacht Mindeststandards in Lehre und Forschung und akkreditiert Hochschulen. NACOSTI ist die staatliche Forschungsagentur. Ihr untersteht auch der im Frühjahr 2015 ins Leben gerufene „National Research Fund“ (NRF), der in einem wettbewerbsorientierten Verfahren Forschungsmittel an Individuen und Institutionen vergibt. NACOSTI finanziert auch Auslandsstipendien für kenianische Studierende (u. a. ein gemeinsames Stipendienprogramm mit dem DAAD).

Die Staaten der East African Community (Burundi, Kenia, Ruanda, Tansania und Uganda) streben die Bildung eines gemeinsamen ostafrikanischen Hochschulraums („common higher education area”) an. Kenia, Uganda und Ruanda haben sich bereits 2014 darauf geeinigt, dass Studierende aus einem dieser Länder in den jeweils anderen Ländern dieselben Studiengebühren zahlen wie Einheimische.  Bis 2017 soll ein funktionierendes Credit-System eingeführt werden, das Studierenden erlaubt, Leistungsnachweise aus einem Land in den beiden anderen Ländern anerkennen zu lassen. Auch sollen Abschlüsse der verschiedenen Länder in Profil, Art und Studiendauer aneinander angeglichen werden (s. auch DIES-Aktivitäten unter III.B).  Ob dies allerdings tatsächlich ein Schritt zur Vereinheitlichung der Hochschulstrukturen in der EAC ist, sehen Beobachter mit Skepsis.

Zu den größten Herausforderungen der kenianischen Hochschulen, und damit auch zu den Arbeitsschwerpunkten des DAAD in Kenia, gehören:

  • Die Entwicklung und Sicherung der Qualität universitärer Lehre: Hier spielt die staatliche Commission for University Education eine Schlüsselrolle. Sie ist „Reformmotor“ und Qualitätssicherungsagentur zugleich und hat – zuletzt 2014 – Regularien festgelegt, die Qualitätskriterien für die Akkreditierung von Institutionen und Programme im Sinne von Mindeststandards rechtsverbindlich festlegen. Zu diesen gehören die im Rahmen des DIES-Programms von DAAD/HRK und dem Inter University Council of East Africa erarbeiteten Standards und Verfahren der Qualitätssicherung, die für die gesamte Ostafrikanische Union Geltung gewonnen haben. Diskutiert wird derzeit in der CUE die Einführung eines nationalen Hochschulrankings (nach dem „multidimensionalen“ Modell des deutschen Zentrums für Hochschulentwicklung) als Orientierungshilfe für Studienbewerber. Eine Herausforderung ist es auch, bei der stark gestiegenen Anzahl von Satelliten-Campi die Qualität aufrecht zu erhalten.  
  • Die personelle und strukturelle Anpassung an die steigenden Studierendenzahlen: Die Expansion der Einschreibungszahlen kann vom kenianischen Hochschulsystem aktuell nicht aufgefangen werden. So gibt es zum einen strukturelle Engpässe, als da nicht genügend Studienplätze für die entsprechende Nachfrage zur Verfügung stehen. Zum anderen gibt es nach Schätzungen des DAAD in Kenia derzeit ca. 9.500 Hochschullehrer, von denen nur rund ein Drittel promoviert ist. Hierunter leidet entsprechend die Qualität von Lehre und Wissenschaft. Das Bildungsministerium hat vor diesem Hintergrund letztes Jahr eine Direktive mit fünfjähriger Umsetzungsfrist erlassen, nach der entgegen der bisherigen Praxis nur noch promovierte Akademiker als Hochschullehrer arbeiten dürfen. Das setzt entsprechende Investitionen in die Ausbildung von Doktoranden voraus. Mit seinen Stipendienprogrammen leistet der DAAD einen beachteten Beitrag zur Ausbildung von Hochschullehrernachwuchs: Nach Deutschland gehen jährlich ca. 25 kenianische Doktoranden. Der größere Teil von ihnen wird im Rahmen eines Stipendienprogramms gefördert, welches von DAAD und kenianischer Regierung (National Commission for Science and Technology – NACOSTI) gemeinsam finanziert wird. Eine ebenso wichtige Rolle spielen die Stipendien, die der DAAD an kenianische Bewerber für Master- und Promotionsprogramme in Kenia bzw. anderen afrikanischen Ländern vergibt.
  • Die Steigerung von Relevanz, Praxisbezug und Arbeitsmarktorientierung des Studiums: Da sich Kenia weiter zum zentralen Finanz-, Telekommunikations- und Verkehrszentrum der ostafrikanischen Gemeinschaft entwickelt, gibt es hier nicht nur besonders viele studierfähige und -willige junge Leute, sondern auch eine zunehmende Nachfrage von Seiten der Wirtschaft. Kenianische Universitäten bilden jeoch am Bedarf vorbei aus – Natur- und Ingenieurwissenschaften, von strategischer Bedeutung für die Entwicklung des Landes, führen im Hinblick auf Studieninteressenten und Qualität von Lehre und Forschung ein Schattendasein. Die Wirtschaft klagt über „unbrauchbare“ Universitätsabsolventen. In Kooperationsprojekten kenianischer und deutscher Hochschulen unterstützt der DAAD die Entwicklung anwendungsorientierter Studienangebote und die Verzahnung von Hochschule und Industrie. In Vorbereitung ist ein Projekt mit deutschen Fachhochschulen, das praxisorientierte Studiengänge für den Bedarf der schnell wachsenden kenianischen Rohstoffwirtschaft entwickeln soll.
  • Die Stärkung der Hochschulforschung: Im April 2015 wurde unter Federführung von NACOSTI ein National Research Fund (NRF) ins Leben gerufen, der in einem auf Wettbewerb und Peer Review basierenden Verfahren Forschungsmittel vergibt. Damit soll die Hochschulforschung, die sich bisher im Wesentlichen auf die Mittel internationaler Geber stützen musste, eine größere Nachhaltigkeit und verbesserte Planbarkeit erreichen. Erstklassige Forschung auf internationalem Niveau und mit internationaler Finanzierung findet in Kenia vor allem im Bereich Agrarwissenschaften statt. Der DAAD bemüht sich um eine institutionelle Verankerung der Forschung insbesondere in Zusammenhang mit der Doktorandenausbildung durch die Unterstützung von Fach- und Exzellenzzentren und regionalen Forschungsnetzwerken durch Vergabe von Stipendien und Förderung einer entsprechenden Kooperation mit deutschen Partnerhochschulen.

Deutsche Hochschulen sind in Kenia begehrte Partner – ein in seiner Dichte weltweit einzigartiges, gut organisiertes Netzwerk der DAAD-Alumni sorgt dafür, dass an allen wichtigen kenianischen Universitäten Ansprechpartner mit Deutschlandbezug vorhanden sind. Kenia bietet sich als Partnerland für deutsche Hochschulen an, die spezifische Forschungsinteressen in der Region verfolgen oder sich im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit (und darauf bezogener Lehre und Forschung) profilieren wollen. Ein großer Bedarf besteht an der Einführung anwendungsorientierter naturwissenschaftlich-technischer Studiengänge mit „dualen“ Kooperationsmodellen Hochschule – Industrie. Hier bieten sich insbesondere für deutsche Fachhochschulen interessante Kooperationsmöglichkeiten – in einer Region, die sich durch große wirtschaftliche Dynamik und damit interessante Zukunftsperspektiven auszeichnet.
 

Verfasser: Dr. Helmut Blumbach, Leiter der Außenstelle Nairobi

Der DAAD ist in Kenia mit einer Außenstelle in Nairobi mit derzeit 10 Mitarbeiter/innen vertreten, zudem gibt es je ein Lektorat an der University of Nairobi und an der Kenyatta University.