Überblick: Bildung und Wissenschaft

by Mheidegger [Public domain] via Wikimedia Commons

DAAD-Regionalinformationen

Die folgende Einführung in das Hochschulsystem, ergänzt durch ein Kapitel zum Thema "Internationalisierung und Bildungskooperationen" sowie den DAAD-Aktivitäten in Kasachstan, finden Sie im Ländersachstand Kasachstan (2018). Eine umfangreichere Analyse des kasachischen Hochschulsystems bietet die Bildungssystemanalyse Kasachstan (2018), eine kompakte Datenzusammenstellung auf einer Seite das Datenblatt Kasachstan (2019).

Alle verfügbaren DAAD-Ländersachstände, DAAD-Bildungssystemanalysen und DAAD-Datenblätter alphabetisch nach Ländern sortiert finden Sie unter
www.daad.de/regionalinformationen.


In Kasachstan gibt es 126 Hochschulen. Universitäten sollen wissenschaftlich-methodologische Zentren darstellen, Forschung betreiben und B.A.-, Master- und PhD-Abschlüsse in mindestens drei Fächern anbieten. Die Begriffe Akademie und Institut werden daneben für kleinere Hochschulen mit eingeschränktem beziehungsweise spezialisiertem Fächerangebot (zum Beispiel Medizinische Aka-demien) gebraucht.

Eine Reihe von großen Hochschulen des Landes wurde zu Forschungsuniversitäten und dann zu „Nationalen Universitäten“ erklärt. Diese derzeit neun Universitäten sollen mit Hilfe von fünfjährigen Entwicklungsplänen zielstrebig zu Wissens- und Forschungszentren ausgebaut werden und weitgehende Hochschulautonomie erhalten. Die Nazarbayev-Universität (NU) in Nur-Sultan kommt zu dieser besonderen Gruppe von Hochschulen noch dazu. Sie hat bei der Entwicklung des Hochschulwesens Vorbildfunktion und gilt als nationale Hochschulinstitution mit eigenem Status. Die Sonderstellung dieses Prestigeobjekts der nationalen Bildungspolitik wird durch ein eigenes Gesetz abgesichert. An der NU wurden auch diverse unabhängige Forschungszentren eingerichtet. Die NU besteht allerdings erst seit 2009, ihre weitere Entwicklung und die Zukunft ihres Verhältnisses zu dem Konsortium angloamerikanischer Partneruniversitäten, von dem sie in der Gründungsphase getra-gen wurde, sind noch ungewiss.

Unbestritten ist die Führungsrolle der Nationalen Al-Farabi-Universität/ Almaty in zahlreichen Forschungsbereichen. Weitere wichtige in der Forschung aktive Universitäten sind die Nationale Technische Satpayev-Universität, die Kasachisch-Britische Technische Universität, die Technologische Universität in Almaty, sowie die Staatliche Buketov-Universität und die Staatliche Technische Universität in Karaganda. Hinzu kommt die Eurasische Nationale Gumilev Universität in Nur-Sultan. Bei den Privathochschulen genießt allen voran die KIMEP eine hohe Reputation. Verstärkt – auch in puncto Kooperation mit deutschen Hochschulen – etabliert sich die AlmaU. Sie ist, wie auch die KIMEP, eine Hochschule für Management. Letztere veranstaltet auch in regelmäßigen Abständen Forschungskonferenzen.

Mit dem Gesetz über Wissenschaft von 2007 hat man sich auf ein dreistufiges System mit Bachelor, Master, PhD festgelegt. Für den postgraduierten Bereich existiert weiterhin der Titel „Kandidat Nauk“ als Äquivalent zum PhD. Mittelfristig soll jedoch nur noch der Titel PhD verliehen werden. Dies ist an den größten Universitäten bereits der Fall. Im staatlichen Hochschulwesen hatten 2017 genau
8,6 Prozent der Dozenten einen Doktortitel, 38,8 Prozent führten den Titel „Kandidat Nauk“ (candidate of science), für die privaten Hochschulen lauten die entsprechenden Zahlen 9,6 Prozent beziehungsweise 40,5 Prozent. Nach Angaben des Nationalen Zentrums für Bildungsstandards hatten 2017 rund 9 Prozent des beschäftigten Lehrpersonals einen Doktortitel, 9,4 Prozent waren Doktoranden.

Nach wie vor erfolgt die Zulassung zum Studium obligatorisch auf Basis der Ergebnisse im landesweiten Unified National Test (UNT beziehungsweise ENT), der im Juni zeitgleich für alle Absolventen der höheren Schulen durchgeführt wird. Bewerber anderer Kategorien (zum Beispiel Absolventen von Berufsschulen, Schulen im Ausland) legen den ähnlichen Comprehensive Test (CT) ab. Der ENT dauert drei Stunden und 50 Minuten, worin drei Fächer obligatorisch abgeprüft werden: Lesekompetenz (Russisch/ Kasachisch), Geschichte Kasachstans und Mathematik. Zwei Prüfungsfächer kann man frei wählen, wobei sich diese auf das später gewünschte Studium beziehen sollten.

Für die Zulassung an den Nationalen Universitäten werden mindestens 65 der insgesamt 140 Punkte benötigt, für die übrigen Hochschulen mindestens 60. Absolventen mit mindestens 30 Punkten können sich an technischen und berufsbildenden Colleges bewerben. Auf Basis der ENT-Punktzahlen wird von staatlichen und universitären Kommissionen über die Zulassung zu Studiengängen und vor allem über die Vergabe von staatlichen Stipendien, beziehungsweise einer Studiengebührenbefreiung entschieden. Es gibt Kritik am Testformat, das pures Auswendiglernen fördert, und an der Verzerrung der Testergebnisse durch die starke Gewichtung der sprachlichen Fertigkeiten und der Geschichte Kasachstans.

Die staatlichen Universitäten werden durch Zuwendungen der öffentlichen Hand (Bildungsausgaben 3,65 Prozent des BIP pro Jahr, Daten von 2016) und Studiengebühren finanziert. Die Höhe der letzteren ist unterschiedlich, je nach Prestige des Fachs und teilweise auch der Hochschule. Einige Beispiele: Die billigsten Studiengänge gibt es in den Fächern Geschichte, Geografie, Philosophie, Mathematik und Lehramt, hier sind etwa 200.000 bis 500.000 kasachische Tenge (KZT) pro Jahr zu bezahlen. Am teuersten ist das Studium der Medizin, in Almaty 875.000 KZT, in Karaganda 621.500 KZT, oder auch das populäre Fach „Internationale Beziehungen“, zum Beispiel an der Al-Farabi-Universität in Almaty 635.800 KZT (1 Euro = 382 KZT).

Bildung wird in Kasachstan als sehr wichtiges Thema betrachtet, sie wird oft auf Hochschulbildung verengt, obwohl es in letzter Zeit vonseiten staatlicher Stellen ein verstärktes Interesse an beruflicher Bildung bis hin zum dualen Studium gibt. Auch das bereits genannte „Bolaschak“-Programm sieht für eine Reihe von Bewerbergruppen Stipendien für beruflich-praktische Fortbildung im Ausland vor. Im Bereich der akademischen Bildung ist eine Immatrikulationsquote von 45 Prozent zu verzeichnen, der Frauenanteil an den Studierenden beträgt 53,5 Prozent. Auf Bildungsmessen und bei ähnlichen Gelegenheiten kann man den Eindruck gewinnen, dass eigentlich jeder studieren will. Die Qualität des Hochschulwesens in Kasachstan wird oft (und mitunter auch recht pauschal) angezweifelt, ein Studium im Ausland erscheint demgegenüber als höchst attraktiv. Gebührenfreiheit des Studiums in Ländern wie Deutschland hat dabei noch nicht einmal die stärkste Anziehungskraft. Wichtiger sind vereinfachte Zulassungsverfahren und die Qualität der ausländischen Hochschulen. Häufig wird betont, dass man nur „an den besten Universitäten“ studieren wolle, was zu einem oft naiven Glauben an generelle Rankings führt. Parallel dazu streben die Universitäten und Hochschulen Kasachstans nach verstärkter Kooperation mit dem Ausland, die auch von den übergeordneten staatlichen Stellen eingefordert wird. Aus all dem könnten sich besondere Chancen für deutsche Hochschulen ergeben: In Kasachstan gibt es einen dynamischen Bildungsmarkt, in dem großes Interesse an Studienangeboten deutscher Universitäten besteht, zugleich sind Kooperationen mit deutschen Hochschulen höchst erwünscht. Herausforderungen für deutsche Hochschulen bestehen in Sprachbarrieren, den eigenen Vorbehalten gegenüber Kasachstan, das in Deutschland beklagenswert wenig bekannt ist, und auf kasachischer Seite in der ungenügenden fachlichen Fundierung der Kooperationswünsche (oft strebt man nach einem eher allgemeinen MoU).

Nichtsdestotrotz ist es aufgrund steigender Bemühungen beiderseits gelungen, vermehrt Kooperationen zwischen deutschen und kasachischen Hochschulen anzubahnen. Der DAAD leistet hierbei in Form seines Informationszentrums eine wichtige Brückenfunktion. Gerade für Hochschulen mit angewandter Wissenschaft bietet Kasachstan durchaus interessante Anknüpfungspunkte. Hervorzuheben wären hierbei die Agrarwissenschaften, technische Studiengänge mit Schwerpunkt Rohstoffförderung und –verarbeitung sowie Sozialwissenschaften, aufgrund der geopolitischen und kulturellen Bedeutung des Landes in Zentralasien. Auch die offizielle Dreisprachenpolitik mit Kasachisch, Russisch und Englisch kann als ein interessantes Forschungsfeld für Philologen wie auch Sozialwissenschaftler angesehen werden, da die Vermittlung der Sprachen auch stark von der jeweiligen Sprachenpolitik abhängig ist.


Verfasser:  Bartholomäus Minkowski, Leiter des Informationszentrums Almaty

Der DAAD ist in Kasachstan mit einem Informationszentrum in Almaty an der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU) vertreten. Zudem gibt es je ein Lektorat an der Nationalen Al-Farabi-Universität, der Technologischen Universität Almaty, der Deutsch-Kasachischen Universität sowie ein Fachlektorat Jura an der Kasachischen Geisteswissenschaftlich-Juristischen Universität in Nur-Sultan.
 

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