Erfahrungsberichte von Menschen vor Ort

By JaredWiltshire [CC-BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons

Schilderungen von Stipendiaten und Mitarbeitern, die für einige Zeit vor Ort leben, studieren und arbeiten vermitteln einen lebhaften Einblick in das Land.

Marion Sandner

Von der Gelassenheit der Inselbewohner lernen

Palmen, Sandstrand und Meer. Klingt nach Urlaub vom Werbeplakat? Ist aber ein Praktikum mit dem DAAD. Und zwar auf den Fidschi Inseln. Dort hat Marion Sandner beim UN-Hochkommissariat für Menschenrechte reingeschnuppert.

Stand: 24.11.2015 |Bildnachweis

Marion Sandner auf den Fidschi-Inseln | Bild: Marion Sandner

Im Januar 2013 ging es für mich dorthin, wo man rauskommt, wenn man einmal durch den Erdball bohrt, nach Fidschi, genauer: die Hauptinsel Viti Levu.

Ein gutes Team: Marion hat sich in ihrer Arbeit gleich wohl gefühlt.

Dort verbrachte ich als Carlo-Schmid-Stipendiatin sechs Monate beim UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR). Ich hatte mich dort eigeninitiativ beworben, nachdem ich bei einem Seminar zu Minderheitenrechten im Rahmen meines Master-Studiums auf die strukturellen Menschenrechtsprobleme dort aufmerksam geworden war und meine Masterarbeit die ethnische Diskriminierung in Fidschi behandelte.

Der Blick aus dem Büro des UN-Hochkommissariats. So macht Arbeit Spaß!

Das Inselleben ist sehr beschaulich, was sich auch im Arbeitsalltag äußerte: Das Regionalbüro des OHCHR (zuständig für 16 Pazifikstaaten) bestand aus drei Personen; barfuß herum zu laufen und die Marktfrauen mit allerlei Leckereien mittags im Büro vorzufinden war keine Seltenheit. Die kleine Größe des Teams fand ich besonders bereichernd: Ich durfte so an vielen Themen mitarbeiten und zum Teil auch bei den Reisen und sogenannten „Trainings“ dabei sein – Besprechungen mit Interessierten,  NGO´s und Vertretern anderer Regierungen. Erst dort wurde mir bewusst, wie weit entfernt die UN doch häufig von der lokalen Bevölkerung ist. Nur durch die (leider wenigen) Trainings kam das Regionalbüro in direkten Kontakt mit diesen Menschen,

Im Büro waren aber auch die Interaktionen und Dynamiken zwischen den verschiedenen UN-Einheiten und mit anderen internationalen oder regionalen Akteuren spannend zu beobachten.

Marions Gastfamilie nahm sie herzlich auf.

Mindestens genauso viel wie von der Arbeit nahm ich aus meiner freien Zeit mit: Ohne bei der Ankunft jemanden zu kennen, landete ich innerhalb einer Woche bei einer fantastischen indo-fidschianischen Gastfamilie, bei der ich ein Zimmer mietete und sofort in das Familienleben eingebunden wurde.

"An den Wochenenden war ich sehr viel unterwegs, zum Beispiel bei Ausflügen auf die unzähligen Inseln mit Wandertouren und Flussdurchquerungen"

Viele Abenteuern erlebte ich bei den sogenannten „Kava-Runden“ in den umliegenden Dörfern. Kava (auch Grog genannt) bedarf wahrscheinlich einer kleinen Erläuterung: Obwohl die Fidschianer auch kein schlechtes Bier haben, ist das Nationalgetränk definitiv dieses Kavawurzel-Wasser-Gemisch, das einer braunen Suppe gleicht und entspannend wirkt. Man trinkt es stets in einer Gruppe im Kreis, in der die mit Kava gefüllte Kokosnusshälfte herumgereicht wird. Auch wenn ich mich mit dem Geschmack bis zum Ende nicht ganz anfreunden konnte, so waren es doch genau diese Tage und Nächte, die mir am besten und schönsten in Erinnerung geblieben sind. Das Gemeinschaftsgefühl war aus europäischer Perspektive absolut einmalig.

Zwei Fidschianer bei der Herstellung von Kava, eine Art Grog

Es gab einige gesellschaftliche Normen, die man beachten musste: Wenn man etwa mit seinem Boot bei einem Ausflug auf einer kleinen (bewohnten) Insel Rast macht oder sich die Wanderung bis in die Nacht hinein zieht, sodass man in einem unbekannten Dorf Unterschlupf sucht, so sind stets strenge Vorschriften, etwa die Bitte um Eintritt beim Dorfältesten mit Gastgeschenk (in Form einer Kavawurzel) und die anschließende stundenlange Willkommenszeremonie (selbstverständlich mit Kava) einzuhalten und mitzumachen. Diese umständlichen, langatmigen Prozeduren passen nicht immer ins Programm, sind aber ein absolutes Muss.

"Ich lernte nie aus über die kulturellen Gepflogenheiten, an die es sich anzupassen galt."

Ein Schild warnt vor herabfallenden Kokosnüssen.

Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist eine Dienstreise nach Vanuatu: Im Anschluss an einen Workshop mit Regierungsvertretern fand ich mich den restlichen Nachmittag und Abend unter einem großen Mangobaum auf dem Hügel hinter Port Vila (der Hauptstadt), auf welchem sich das „Regierungsviertel“ befindet, wieder, wo sich sämtliche Regierungsmitglieder und Staatsbeamte nach der Arbeit zur Kava-Zeremonie zu versammeln schienen – um Politik zu machen! Ich bin mir nicht sicher, was genau zu den Arbeitszeiten geschieht, aber die wichtigen Verhandlungen und Entscheidungen fanden definitiv danach im trauten Kava-Kreis statt. Das ist wohl das Geheimnis des gelassenen, friedlichen Insellebens!

Gleichzeitig möchte ich aber nicht die weniger schönen Seiten des Insellebens ignorieren: Sämtliche Pazifikinsel sehen sich massiven Herausforderungen durch den Klimawandel gegenüber; unverhältnismäßige Gewaltanwendung durch Sicherheitskräfte ist ein großes Problem; und ethnische Diskriminierung ist noch immer verbreitet – selbst in Wohnungsannoncen in der Zeitung.

"Neben den ethnischen Diskriminierungen, die es leider immer noch gibt, sprühen die Einwohner auf der anderen Seite vor Gemeinschaftssinn, Gelassenheit, Frohsinn und Spiritualität."

Zuletzt möchte ich meinen bleibenden Eindruck, mein persönliches „Mitbringsel“, aus diesen wunderbaren acht Monaten im Südpazifik teilen: Noch steht das Materielle relativ weit hinten auf der Prioritätenliste insbesondere der indigenen Bevölkerungen der Inseln; Wenn jedoch weiterhin internationale Investoren, Touristen und auch Entwicklungshilfe die Länder unreguliert überschwemmen und Politiker diktieren, so werden auch hier materielle Bedürfnisse vieles übertrumpfen und damit Identitäten und traditionelle, nachhaltigere Lebensweisen bedrohen.

Weitere Erfahrungsberichte aus anderen Ländern finden Sie bei BR alpha.

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