Überblick: Bildung und Wissenschaft

Yaoleilei unter CC BY-SA 3.0 / Wikimedia Commons

DAAD-Regionalinformationen

Die folgende Einführung in das Hochschulsystem, ergänzt durch ein Kapitel zum Thema "Internationalisierung und Bildungskooperationen" sowie den DAAD-Aktivitäten in China, finden Sie im DAAD-Ländersachstand. Eine umfangreichere Analyse des chinesischen Hochschulsystems bietet die DAAD-Bildungssystemanalyse, eine kompakte Datenzusammenstellung auf einer Seite das DAAD-Datenblatt.

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Die ersten Hochschulen wurden in China Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, in der letzten Phase der sich bereits dem Ende nähernden Qing-Dynastie. In den meisten Fällen spielten Ausländer bei der Gründung und in den Aufbaujahren eine wichtige Rolle. Als Folge der chaotischen Geschichte Chinas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es allerdings erst nach der Gründung der Volksrepublik China zur Ausbildung eines nationalen Hochschulsystems. Damals wurde das sowjetische Wissenschaftssystem übernommen mit zahlreichen Spartenhochschulen, die überwiegend Lehranstalten waren und der Akademie der Wissenschaften und ihren Instituten, denen die Forschung zufiel. Beginnend in den 1980er Jahren wurde das System grundlegend reformiert. Als Leitmodell gilt seitdem die Einheit von Lehre und Forschung in Hochschulen, die über ein breites Fächerspektrum verfügen, das häufig sowohl Technik-, Naturwissenschaften als auch Geistes- und Sozialwissenschaften umfasst.

Das chinesische Hochschulwesen ist seit Mitte der 1990er Jahre stark gewachsen: Die Anzahl der regulären staatlichen Hochschulen (Regular Higher Education Institutions HEI) hat sich von 1.020 im Jahr 1997 auf 2.631 im Jahr 2017 erhöht. Die Zahl der HEIs besteht etwa zur Hälfte aus Hochschulen mit regulärem Studienangebot und zur Hälfte aus berufsbildenden Hochschulen (Vocational Colleges). Das Angebot wird durch rund 280 Institutionen für die Erwachsenenbildung und über 800 nicht-staatliche Bildungseinrichtungen ergänzt. Die tertiäre Bildungsbeteiligung (GER) in China stieg von rund 7,6 Prozent im Jahr 2000 steil auf über 48 Prozent im Jahr 2016 (im Vergleich: Deutschland 66 Prozent). Im Jahr 2016 waren fast 27 Millionen Studierende für grundständige Studiengänge an regulären Hochschulen des Landes eingeschrieben und fast 2 Millionen für ein weiterführendes Studium. Insgesamt werden 43,37 Millionen Personen an tertiären Bildungseinrichtungen ausgebildet.

Die rasche Entwicklung wurde im Rahmen mehrerer Fünfjahrespläne mit umfangreichen Investitionen der chinesischen Zentral- und Provinzregierungen realisiert. Sie hat aber auch ihre Schattenseiten. Das Hochschulsystem ist durch das schnelle Wachstum überdehnt und hat mit Qualitätsproblemen zu kämpfen. Hörsaalkapazitäten lassen sich durch Investitionsprogramme in kurzer Zeit vervielfachen, die Zahl der qualifizierten Hochschullehrer nicht. Auch ist der Arbeitsmarkt für Akademiker nicht in demselben Tempo gewachsen, so dass es verbreitet Probleme beim Übergang von der Hochschule ins Berufsleben gibt.

Im Vergleich zum deutschen Hochschulsystem fällt die große Heterogenität der chinesischen Hochschulen auf, die von einigen Top-Universitäten, die in internationalen Rankings in der Spitzengruppe zu finden sind, bis zu Einrichtungen reicht, deren Ausbildungsqualität deutschen Maßstäben an eine Hochschulausbildung nicht gerecht wird.
Das chinesische Hochschulsystem ist zweigliedrig und besteht aus allgemeinbildenden Hochschulen, die mindestens vierjährige Bachelorstudiengänge anbieten dürfen und berufsbildende Hochschulen, die ausschließlich (zwei- bis) dreijährige Studiengänge anbieten dürfen. Bisher konzentrierten sich die Anstrengungen zum Ausbau des Hochschulsystems ganz überwiegend auf die allgemeinbildenden Hochschulen. Die berufsbildenden Hochschulen, zu denen es in Deutschland keine Entsprechung gibt und deren Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt werden, leiden unter schlechter Ausstattung und dem Ruf, nur für die Schüler da zu sein, die die Aufnahme an eine allgemeinbildende Bachelorhochschule verpasst haben. Dies soll sich nach dem Willen der chinesischen Regierung in Zukunft ändern.

Im Jahr 2016 boten 576 reguläre Hochschulen und 217 Forschungsinstitute neben dem grundständigen Studium auch weiterführende Studiengänge an.
Die Regelstudienzeit beträgt für ein Bachelorstudium vier Jahre, für ein Masterstudium zwei bis drei Jahre (je nach Fachrichtung) und für eine Promotion drei Jahre.
Der Hochschulzugang wird durch eine zentrale Hochschulaufnahmeprüfung (gaokao 高考) geregelt, die jährlich in der ersten Juniwoche in ganz China stattfindet und für die berufliche Zukunft der Chinesen von entscheidender Bedeutung ist. Etwa 75 Prozent der Bewerber werden aufgenommen, wobei es aber darauf ankommt, von einer möglichst guten Universität zugelassen zu werden. Der Zugang zu den Top-Universitäten des Landes ist entsprechend kompetitiv. 76 der regulären staatlichen Hochschulen sind direkt dem chinesischen Bildungsministerium (MoE) unterstellt und weitere 42 Hochschulen unterstehen anderen Stellen der Zentralregierung (zum Beispiel Akademie der Wissenschaften, Verteidigungsministerium, Staatliche Kommission für nationale Minderheiten, Zivile Luftfahrtbehörde und andere). Das MoE bestimmt die nationale Hochschulpolitik und ist für akademische Qualitätssicherung zuständig, die Provinzen sind mit der Implementierung befasst, wobei der Gestaltungsspielraum der Provinzen in den letzten 20 Jahren erheblich zugenommen hat.

Das wesentliche Funktionsmerkmal des chinesischen Hochschul- (und Forschungs-) Systems ist das Top-down-Prinzip, das dafür sorgt, dass die besten Hochschulen die meisten Ressourcen erhalten und die besten Hochschullehrer rekrutieren können, um die landesweit besten Studierenden auszubilden. Die Möglichkeiten in einem solchen von der Regierung durch finanzielle Zuwendungen zementierten hierarchischen System auf- oder abzusteigen sind begrenzt.
Wichtige Impulse in der Hochschulentwicklung der letzten 20 Jahre wurden durch zwei Hochschulstrukturprogramme der chinesischen Regierung gesetzt, dem „211-Projekt“ und dem „985-Projekt“. Das 211-Projekt wurde mit dem 9. Fünfjahresplan (1996 – 2001) ins Leben gerufen. Der Name steht dafür, 100 Hochschulen nach internationalem Maßstab fit für das 21. Jahrhundert zu machen. Gefördert wird primär der Ausbau der Lehr- und Forschungsinfrastruktur. Zurzeit werden im Rahmen des Programms 112 Hochschulen gefördert. Aus Gründen der Kohäsion ist jede Provinz mit mindestens einer Hochschule vertreten.
Die 39 Hochschulen, die im Rahmen des „985-Projekts“ unterstützt werden, stellen eine Untergruppe der 211-Hochschulen dar. Das Programm ist nach einer Grundsatzrede des damaligen Staats- und Parteichefs Jiang Zemin zur Hochschulentwicklung aus Anlass des 100. Geburtstags der Peking-Universität im Mai 1998 benannt (98-5). Es gilt als chinesisches Exzellenzprogramm und fördert den gezielten Ausbau von forschungsstarken Bereichen der Universitäten. Ziel ist der Aufbau der Hochschulen zu internationalen Spitzenhochschulen.

Beide Programme laufen aus und werden durch das Doppelexzellenz Programm (Shuang Yi Liu 双一流) ersetzt. In diesem Programm wurden 42 Hochschulen ausgewählt, die institutionell gefördert werden, diese sind identisch mit den ehemals 985er Hochschulen plus drei weiteren Hochschulen. Es handelt sich um die Zhengzhou Universität (Provinz Henan), die Yunnan Universität und die Xinjiang Universität. Bei weiteren 95 Hochschulen wurden Fachrichtungen ausgewählt, die besondere Förderung erhalten. Diese ehemaligen 211 Hochschulen haben damit ihren Charakter als besonders geförderte Hochschulen verloren, sind aber bei den geförderten Fachbereichen vertreten.


Verfasser: Dominik Andre Gerland, Informationszentrum Guangzhou, Sakine Weikert, Informationszentrum Shanghai und Dr. Siegbert Klee, Informationszentrum Hongkong

Der DAAD unterhält derzeit in China jeweils ein Informationszentrum in Guangzhou, Shanghai und Hongkong, eine Außenstelle in Peking sowie weitere 29 Lektorate, die innerhalb des Landes verteilt sind.