Überblick: Bildung und Wissenschaft

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DAAD-Regionalinformationen

Die folgende Einführung in das Hochschulsystem, ergänzt durch ein Kapitel zum Thema "Internationalisierung und Bildungskooperationen" sowie den DAAD-Aktivitäten in Brasilien, finden Sie im DAAD-Ländersachstand. Eine umfangreichere Analyse des brasilianischen Hochschulsystems bietet die DAAD-Bildungssystemanalyse, eine kompakte Datenzusammenstellung auf einer Seite das DAAD-Datenblatt.

Alle verfügbaren DAAD-Ländersachstände, DAAD-Bildungssystemanalysen und DAAD-Datenblätter alphabetisch nach Ländern sortiert finden Sie unter
www.daad.de/regionalinformationen.

Nach den letzten Erhebungen von 2017 verfügt Brasilien über 2.407 Hochschulen, davon sind 296 öffentlich. 2.111 Hochschuleinrichtungen sind privaten Trägern unterstellt. Von den öffentlichen Hochschulen sind 107 sogenannte Bundeshochschulen (Universidades Federais), deren Haushalt sich aus Bundesmitteln speist; 123 sind von den einzelnen Bundesstaaten finanzierte Hochschulen (Universidades Estaduais). Dazu kommen 66 gemeinnützige, meist von Kirchen oder konfessionellen Gruppen getragene Hochschulen (Universidades Comunitárias). Die Qualität der öffentlichen Universitäten ist durch regelmäßige Evaluierungen der CAPES (s.u.) und das jährliche Ranking der Folha de São Paulo (RUF) gut dokumentiert.

88 Prozent der brasilianischen Hochschulen sind gewinnorientierte oder gemeinnützige private Bildungseinrichtungen. Unter den privaten Hochschulen zeichnen sich die sieben forschungsstarken katholischen Universitäten (PUCs) aus. Sie bilden mit hohen Qualitätsstandards und guten internationalen Kontakten die Ausnahme unter den privat finanzierten Universitäten.
Im Land gab es 2016 ca. 8 Millionen Studierende, davon sind 6 Millionen an privaten Hochschulen eingeschrieben. Das ist nur möglich, weil staatliche Studienkredite auch für das Studium an privaten Hochschulen vergeben werden.
2016 stieg die Zahl der Einschreibungen an öffentlichen Hochschulen im Vergleich zu 2015 um knapp 2 Prozent, während die Immatrikulationen an privaten Einrichtungen um 0,2 Prozent sank. Diese Tendenz hat sich seit 2017 umgekehrt. Aufgrund der Wirtschaftskrise verzeichneten einzelne Hochschulen bis zu 40 Prozent weniger Einschreibungen. Offizielle Daten für 2017 liegen derzeit (Stand Juni 2018) noch nicht vor. Mit etwas mehr als 96.000 (2016) eingeschriebenen Studierenden und sieben Campi im Bundesstaat São Paulo ist die Universidade de São Paulo (USP), die aus Landesmitteln finanziert wird, die größte und international bekannteste brasilianische Universität.

Alle öffentlichen brasilianischen Hochschulen verwenden mittlerweile ein Quotensystem, um Studierenden aus bildungsfernen, armen Bevölkerungsteilen, die ihren Schulabschluss an einer öffentlichen Schule gemacht haben, den Zugang zum Studium zu ermöglichen. Ein entsprechendes Gesetz ist seit 2012 in Kraft.
Trotz eines – jedenfalls bis zum Krisenjahr 2015 – breiten Angebots an Stipendien weichen viele Brasilianer auf ein Abendstudium aus, damit sie tagsüber arbeiten können. An den privaten Universitäten beträgt der Anteil der Studierenden in Abendkursen 73 Prozent. Die Wissenschaftskrise ist vermutlich einer der Gründe, weshalb die Zahl der Studienabbrecher weiter steigt. 2014 lag die Abbruchrate bei Studierenden der Erziehungswissenschaften bei knapp 40 Prozent. In den Naturwissenschaften brechen sogar über 50 Prozent der Studierenden das Studium ab.

Studienangebote

Die über 2.400 Hochschulen im Land bieten mehr als 34.000 Studiengänge an, die meisten davon im grundständigen Bereich (fast 60 Prozent):

1. Graduação: Nach drei bis fünf Jahren Studium wird der erste akademische Grad verliehen. Bei der kürzeren Studienzeit erwirbt man ein berufsqualifizierendes Diplom. Bei den fünfjährigen Studiengängen Bacharelado oder Licenciatura (Lehramt) erwirbt man Abschlüsse, die den Zugang zu einem postgradualen Studium ermöglichen. In den Ingenieurwissenschaften und der Medizin verlängert sich das Studium durch Praktika (Estágio Profissional) bzw. Famulaturen (Residência) auf sechs Jahre. Die beliebtesten Undergraduate-Studiengänge in Brasilien sind: Jura (ca. 882.000 Studierende), Betriebswirtschaftlehre (710.000 Studierende), gefolgt von Erziehungswissenschaften (679.000 Studierende) und Bauingenieurwesen (380.000 Studierende). Graduierte können sich in über 6.300 Master- und Promotionsstudiengängen weiterqualifizieren.

2. Mestrado: Der erste postgraduale Abschluss ist der Mestrado (Master). Er wird in der Regel nach zwei Jahren erworben. Im Mestrado muss mindestens ein Studienjahr absolviert werden, um zu den Masterprüfungen zugelassen zu werden. Danach kann die Masterarbeit angefertigt werden. Eine Alternative zum zweijährigen Mestrado-Studiengang ist eine einjährige Spezialisierung (Especialização).

3. Doutorado: Der höchste akademische Grad, der in Brasilien verliehen wird, ist der Doktortitel. Ein Promotionsstudium dauert in der Regel vier Jahre und wird mit der erfolgreichen Verteidigung der Doktorarbeit abgeschlossen. Für die Einschreibung als Doktorand ist normalerweise ein Masterabschluss notwendig. In Einzelfällen lassen Universitäten auch Doktoranden mit einem niedrigeren Abschluss zu. Die Qualität der angebotenen Master- und Promotionsstudiengänge ist von Universität zu Universität sehr unterschiedlich. Die Coordenação de Aperfeiçoamento de Pessoal de Nível Superior (CAPES) nimmt als nationale Koordinierungsstelle für die akademische Ausbildung regelmäßig die Bewertung der Postgraduierten-Kurse vor. Grundsätzlich sind alle Angebote, die auf der Plattform Sucupira mit den Noten 5, 6 oder mit der Höchstnote 7 bewertet sind, ohne Einschränkung zu empfehlen. Neu eingerichtete Studiengänge erhalten automatisch eine niedrige Note. Hier kann die Qualität durchaus besser sein, als die Note vermuten lässt. Die erste eigentliche Evaluierung erfolgt erst nach vier Jahren. Informationen über alle brasilianischen Hochschullehrer und Forscher findet sich auf der Plattform Lattes.

Hochschulzugang

In den letzten Jahren hat sich das Exame Nacional de Estudantes de Ensino Médio (ENEM) als Hochschuleingangsprüfung durchgesetzt, obwohl verschiedene Hochschulen weiterhin dezentral eine eigene Aufnahmeprüfung (Vestibular) durchführen. Zum Erfolg des ENEM hat beigetragen, dass praktisch alle staatlichen Stipendien an den Nachweis dieser Prüfung gebunden sind. Diese Bedingung gilt auch für Musiker und Künstler, unabhängig von der jeweiligen Aufnahmeprüfung.
Seit 2017 erlaubt eine bestandene ENEM-Prüfung Brasilianern auch den Zugang zu Universitäten in Portugal. Die Nachfrage nach Studienplätzen dort ist seither exponentiell gestiegen.

Studienanfänger aus dem Ausland müssen wie Brasilianer entweder am brasilienweiten ENEM im Oktober teilnehmen oder eine Eingangsprüfung (Vestibular) an der gewünschten Hochschule ablegen, bei der auch Portugiesisch-Kenntnisse verlangt werden (s.u. Sprachvoraussetzungen). Voraussetzung für das Ablegen beider Prüfungen ist die Anerkennung des deutschen Sekundar-schulabschlusses/Hochschulreife durch den Staatlichen Ausbildungsrat (Conselho Estadual de Educação), die über das Kultusministerium des Bundesstaates, in dem studiert werden soll, einzuholen ist. Studienfortsetzer können direkt zugelassen werden. Sie beantragen die Studienberechtigung und die Anerkennung der bisherigen Studienleistungen direkt bei der jeweiligen brasilianischen Hochschule. Die Immatrikulation erfolgt in einzelnen Kursen (matérias isoladas). Ausländische Graduierte müssen muss die Anerkennung ihres Hochschulabschlusses über die jeweilige brasilianische Hochschule beim nationalen Erziehungsrat (Conselho Nacional de Educação) beantragen.

Sprachvoraussetzungen

Bereits vor Aufnahme des Studiums sollten die portugiesischen Sprachkenntnisse so gut sein, dass ein ausreichender Wortschatz an Fachbegriffen eine mühelose Teilnahme an den Lehrveranstaltungen ermöglicht. Die Veranstaltungen werden – mit wenigen Ausnahmen im Master und Promotionsbereich – ausschließlich in portugiesischer Sprache abgehalten und ein bestandener Sprachtest gehört zu den Zulassungsvoraussetzungen. Immer mehr brasilianische Hochschulen bieten vorbereitende Sprachkurse an. Die nationale Sprachprüfung heißt CELPE-BRAS.

Studiengebühren

An privaten Hochschulen werden generell Studiengebühren erhoben. Die Höhe ist direkt bei den entsprechenden Einrichtungen zu erfragen. Die staatlichen und von den Bundesstaaten getragenen Hochschulen erheben lediglich eine geringe Einschreibegebühr.
 

Verfasserin: Dr. Martina Schulze, Leiterin der DAAD-Außenstelle Rio de Janeiro

Der DAAD ist in Brasilien mit einem Informationszentrum in São Paulo und einer Außenstelle in Rio de Janeiro vertreten. Darüber hinaus sind neun Lektorate über das Land verteilt.
 

Für Weitere Informationen

Studieren und leben in Brasilien