Erfahrungsberichte von Menschen vor Ort

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Christiane Schlottmann über den Aufbruch in Afghanistan

Kabul im Juni 2002: Zwei Drittel der Stadt sind zerstört, besonders im Norden gleichen ganze Stadtteile einer Ruinen-Wüste. Im Zentrum herrscht dagegen reges Handeltreiben, Ströme weiß-gelber Taxis drängen sich durch Straßen voller Schlaglöcher, dazwischen Fahrräder und die weißen Jeeps der Internationalen; Hitze, Staub, Sandstürme und kaum Wasser …

Auch der Campus der Universität ist schwer getroffen: die meisten Gebäude ohne Fenster und Türen, Einschlaglöcher in Decken und Wänden, kein Wasser, kein Strom, nur vereinzelt ein paar Tische und Stühle. Allen äußeren Widrigkeiten zum Trotz findet Unterricht statt. Ich hospitiere in Veranstaltungen und bin zutiefst beeindruckt von der intensiven Arbeitsatmosphäre. Vor allem die Studentinnen sind in ihrem Lerneifer kaum zu bremsen. Sie sind glücklich, nach Jahren der häuslichen Isolation endlich wieder studieren zu dürfen. Wie ihre männlichen Kommilitonen sind sie entschlossen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Die Aufbruchsstimmung ist allgegenwärtig, auf dem Campus, in den Schulen, auf den Straßen. Sie steckt uns alle an, die wir vor Ort tätig sind, und löst in uns eine Euphorie aus, die – wie wir später erkennen – leider auch den Blick für manche politische Fehlentwicklung getrübt hat.

Im Rektorat der Universität Kabul herrscht in jenen Tagen hektisches Treiben. Der Rektor Professor Akbar Popal empfängt einen ausländischen Besucher nach dem anderen. Mit internationaler Hilfe hofft er, den Wiederaufbau seiner Universität schnellstmöglich vorantreiben zu können. Nicht alle Besucher lassen ihren Worten auch die versprochenen Taten folgen.

Aber wir Deutschen gelten als verlässlich, und Popal ist überglücklich, als ich ihm unser Angebot unterbreite, noch im gleichen Jahr maßgeschneiderte Sommer- und Winterakademien für mehr als 150 seiner Dozenten an Partnerhochschulen in Deutschland durchzuführen. Nicht im Geringsten ahnend, welche logistische Meisterleistung es erfordern wird, im Nachkriegs-Kabul des Jahres 2002 Pässe, Visa und Tickets in solcher Zahl zu beschaffen, machen wir uns an die Arbeit. Rektorat und Hochschulministerium kümmern sich um die Pässe, ich mich um Visa und Flugtickets. Die ersten 90 Visa müssen noch über die Botschaft in Islamabad beantragt und die Pässe mit den Visa-Anträgen von mir persönlich dorthin gebracht und wieder abgeholt werden. Reservierung und Kauf der Flugtickets erfordern viel Zeit, Geduld und Überredungskünste. Aber wir schaffen es. Bereits am 3. August verlassen die ersten 14 Dozenten Kabul in Richtung Deutschland. Die restlichen 140 folgen in den nächsten Monaten.

Mit den Sommer- und Winterakademien wurde der Grundstein für unsere Aufbauarbeit gelegt. Seitdem haben wir viel erreicht, aber der Weg ist noch lang und steinig. Unsere Arbeit vor Ort ist durch die verschlechterte Sicherheitslage schwieriger geworden. Der von den meisten Afghanen so lang ersehnte innere Frieden lässt noch immer auf sich warten. Doch der Aufbruchswille der Jugend ist ungebrochen. Er ist das wertvollste Kapital, das die Afghanen in den Wiederaufbau ihres Landes einbringen können. Ihn zu fördern und zu unterstützen, wird auch weiterhin eine unserer wichtigsten Aufgaben sein.

Christiane Schlottmann war als Vertreterin des DAAD und als Kulturreferentin der deutschen Botschaft von 2002 bis 2005 in Kabul tätig. Anschließend war sie bis 2008 in der Bonner DAAD-Zentrale für Afghanistan zuständig.

Khesrau Arsalai Über die Arbeit im DAAD-Koordinierungsbüro in Kabul

„Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis“, beschreibt Khesrau Arsalai, Leiter des DAAD-Koordinierungsbüros in Kabul, seine Beziehung zum afghanischen Minister für Hochschulbildung Mohammad Azam Dadfar. Das Koordinierungsbüro ist im Ministerium untergebracht, nahe der Universität. So begegnet man sich oft auf dem Flur und trinkt ab und zu Tee miteinander.

Der Minister fragt dann jedes Mal, warum er so selten bei ihm vorbeikomme, erzählt Khesrau Arsalai. „Das ist eine typische Höflichkeitsfloskel. Sie macht deutlich, wie die Dinge in Afghanistan laufen.“ Hier muss man sich Zeit nehmen, immer wieder die gleichen Leute treffen, mit ihnen über den Alltag und die Familie reden. „Wenn das Vertrauensverhältnis erst einmal aufgebaut ist, lassen sich Anliegen schnell klären“, sagt der DAAD-Vertreter. Der Deutsche mit afghanischen Wurzeln weiß, wie wichtig die Gespräche beim Tee sind. Seit März 2009 lebt er in Kabul, wo er neben der Büroleitung auch an der Germanistischen Abteilung und der Wirtschaftsfakultät der Universität unterrichtet. Er spricht fließend die beiden Landessprachen Paschtu und Dari.

Die ständige Präsenz des DAAD in Kabul besteht bereits seit 2002. Im Koordinierungsbüro laufen die Fäden zusammen; es bildet die stabile Brücke zwischen den afghanischen und deutschen Partnern des akademischen Aufbaus. Rektoren und Dozenten gehören zu Arsalais ständigen Gesprächspartnern. Sie informieren sich über das Förderangebot des DAAD und die Möglichkeit von Sachspenden oder Hochschulprojekten. Sämtliche Anträge werden von Fachkoordinatoren in Deutschland begutachtet. Mit ihnen, der deutschen Botschaft in Kabul und der DAAD-Zentrale in Bonn hält Arsalai enge Verbindung.

Eine weitere wichtige Aufgabe des Büros ist die Beratung von Studierenden. Junge Afghanen aus allen Landesteilen erkundigen sich nach Studienmöglichkeiten in Deutschland – per E-Mail oder persönlich. „Über ein Stipendium für ein Masterstudium in Deutschland entscheiden aber weder ich noch der DAAD in Bonn, sondern die Professoren in unseren Auswahlkommissionen“, erklärt Khesrau Arsalai den Bewerbern immer wieder. Er selbst organisiert die Auswahlsitzungen im Kabuler Büro, zu denen die Professoren aus Deutschland anreisen, um die besten Kandidaten zu interviewen.

Ein Studium in Deutschland bedeutet viel für den akademischen Nachwuchs. „Es macht mich glücklich, eine Zusage auszusprechen“, sagt der DAAD-Vertreter. Auch die Lehre an der Universität Kabul motiviert den Wirtschaftswissenschaftler. „Die Studierenden sind so wissbegierig und engagiert. Sie beschweren sich sogar, wenn sie nicht genug Hausaufgaben bekommen.“

Die Arbeit in Kabul ist gefährlich, aber darauf verzichten möchte Khesrau Arsalai nicht. „Mit dem akademischen Aufbau leisten wir einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung des Landes. Erst Ausbildung auf hohem Niveau befähigt die Afghanen, die Geschicke ihres Staates selbst in die Hand zu nehmen – dafür engagiere ich mich gern.“

Khesrau Arsalai war Leiter des Koordinierungsbüro von 2009 bis 2011.

Fragen an Dr. Dieter Ortmeyer, Leiter des DAAD-Koordinierungsbüros

Welche Schwerpunkte kennzeichnen Ihre Arbeit in Kabul?

Das DAAD-Koordinierungsbüro ist der Dreh- und Angelpunkt zwischen afghanischen und deutschen Einrichtungen, die am akademischen Aufbau beteiligt sind. Ich bin vor Ort Ansprechpartner für deutsche Hochschulen, Langzeitdozenten, Lektoren und Fachkoordinatoren, die regelmäßig nach Afghanistan reisen, um gemeinsam mit afghanischen Partnern Lehre und Forschung an den Universitäten zu verbessern. Ich koordiniere die gesamte Programmarbeit des DAAD in Afghanistan. Besonders liegt es mir am Herzen, junge Afghaninnen und Afghanen, die sich für ein Studium an einer deutschen Hochschule interessieren, fachlich zu beraten und zu betreuen. In Deutschland stehen fast 13.000 Studiengänge zur Wahl, sodass nahezu jede gewünschte Spezialisierung möglich ist. Jährlich bewerben sich einige Hundert afghanische Hochschulabsolventen beim DAAD um ein Stipendium für ein Master- oder Promotionsstudium. Ob sie es erhalten, entscheiden aber weder ich noch der DAAD, sondern die Professoren in unseren Auswahlkommissionen.

Welche Rolle spielt es, dass das DAAD-Koordinierungsbüro im afghanischen Ministry of Higher Education angesiedelt ist?

Seit 2002 ist der DAAD mit einer Vertretung in Kabul präsent, seit 2006 im Gebäude des Ministry of Higher Education (MoHE). Dies hat mehr als symbolischen Wert: Die Arbeit des DAAD ist kein deutscher Alleingang, sondern erfolgt in enger Abstimmung mit der afghanischen Regierung. Die langjährige Zusammenarbeit mit dem Ministerium hat gegenseitiges Vertrauen geschaffen, es sind Freundschaften entstanden. Persönliche Beziehungen sind in Afghanistan ein wichtiger Faktor, wenn man etwas erreichen will. Der DAAD ist als die weltweit größte Förderorganisation für den internationalen Austausch von Studierenden und Wissenschaftlern ein sehr gern gesehener Partner.

Wo steht die Hochschulbildung in Afghanistan?

Die Studienbedingungen haben sich kontinuierlich verbessert, es gibt wesentlich mehr Studienplätze. Das MoHE hat sich in seinem National Higher Education Plan 2010 bis 2014 vorgenommen, die Qualität der Lehre weiter zu steigern und die Nachfrage nach Hochschulbildung zu befriedigen – eine gewaltige Aufgabe: Gab es Anfang 2002 rund 4.000 Studierende, waren es 2011 schon mehr als 81.000. Für 2013 hat sich das MoHE als Zielmarke 115.000 Studienplätze gesetzt, was die Nachfrage immer noch nicht deckt. Die afghanische Regierung steht vor der großen Herausforderung, ausreichend Seminarräume, Ausstattung und angemessen bezahlte Dozenturen bereitzustellen. Das ist auch ein finanzieller Kraftakt.

Über welchen Abschluss verfügen afghanische Hochschuldozenten heute?

Dank des DAAD ist die Anzahl der auf höchstem Niveau ausgebildeten afghanischen Dozenten stetig gestiegen. Zwischen 2002 und 2011 hat der DAAD rund 3.000 afghanische Akademiker weiterqualifiziert. Die Master und PhD-Absolventen sind wichtige Multiplikatoren an ihren Heimathochschulen. Deshalb werden wir hochqualifizierte Nachwuchswissenschaftler weiterhin fördern. Übrigens ist der Frauenanteil unter den Studierenden deutlich angestiegen. Landesweit beträgt er rund 20 Prozent, im Fach Informatik sogar 35 Prozent.

Was hat die Förderung der Hochschulen durch den DAAD bisher gebracht?

Schwerpunktmäßig fördert der DAAD die Fächer Deutsch, Informatik, Good Governance sowie Natur-, Geo- und Wirtschaftswissenschaften. Deutsche Fachkoordinatoren und ihre afghanischen Kollegen haben unter anderem moderne Bachelor-Curricula mit Modellcharakter entwickelt, die schon seit Jahren erfolgreich laufen. Vielerorts wird zurzeit an anschließenden Master-Curricula gearbeitet. Der DAAD hat deutsche Gastdozenten in Afghanistan und Studienaufenthalte afghanischer Dozenten in Deutschland gefördert; es gab Fortbildungen vor Ort, Sachspenden sowie Master- und Promotionsstipendien. Es sind Vorzeigestudiengänge und -fakultäten entstanden, deren Beispiel ausstrahlt, und es wurden ganze Labore eingerichtet. Dekane aller Fakultäten aus ganz Afghanistan treffen sich regelmäßig im Ministry of Higher Education. Dort tauschen wir Ideen und Konzepte aus – das bringt Bewegung in die Strukturen und es entsteht ein Dialog auf gleicher Augenhöhe.

Was reizt Sie an Ihrer Aufgabe in Afghanistan?

Bildung ist in meinen Augen die Grundlage für eine gerechte und zukunftsfähige Entwicklung. Dafür setze ich mich ein. Es macht mich stolz, in Afghanistan arbeiten zu dürfen, seit 2004 kenne ich das Land sehr gut. Die Vielfalt an Sprachen und Ethnien, die unterschiedliche Landschaft – das begeistert mich. Afghanistan ist ein junges und lebendiges Land: 42 Prozent der Afghanen sind jünger als 15! Das Land verändert sich äußerst dynamisch, die Menschen haben einen unglaublichen Aufbruchswillen. Sie zu unterstützen, ist eine sehr große Motivation für mich.

Wie lange wird der DAAD in Afghanistan bleiben?

Wenn Sie damit das Koordinierungsbüro in Kabul meinen, lautet die Antwort, dass das Ende offen ist. Aber unabhängig von diesem Büro wird sich der DAAD dauerhaft – auch nach Übergabe der Sicherheitsverantwortung 2014 – in Afghanistan engagieren. Seit den 1960er Jahren fördert der DAAD den akademischen Austausch mit Afghanistan und unterstützt die Hochschulen. Daran wird sich künftig nichts ändern. Mein Traum ist es, dass in naher Zukunft auch deutsche Studierende an afghanischen Hochschulen studieren, um dort Auslandserfahrung zu sammeln.

Dr. Dieter Ortmeyer war Leiter des DAAD-Koordinierungsbüros von 2011-2013.