Überblick: Bildung und Wissenschaft

Bamse unter CC BY-SA 3.0 / Wikimedia Commons

DAAD-Regionalinformationen

Die folgende Einführung in das Hochschulsystem, ergänzt durch ein Kapitel zum Thema "Internationalisierung und Bildungskooperationen" sowie den DAAD-Aktivitäten in Äthiopien, finden Sie im DAAD-Ländersachstand. Eine umfangreichere Analyse des äthiopischen Hochschulsystems bietet die DAAD-Bildungssystemanalyse, eine kompakte Datenzusammenstellung auf einer Seite das DAAD-Datenblatt.

Alle verfügbaren DAAD-Ländersachstände, DAAD-Bildungssystemanalysen und DAAD-Datenblätter alphabetisch nach Ländern sortiert finden Sie unter
www.daad.de/regionalinformationen.

Über die letzten zwei Jahrzehnte hat Äthiopien eine enorme Expansion seiner Hochschullandschaft erlebt. Während es 1995 – dem Gründungsjahr der Demokratischen Bundesrepublik Äthiopien – nur zwei staatliche Hochschulen in Äthiopien gab, ist diese Zahl inzwischen auf 37 (2015) angestiegen, die Einrichtung von 11 weiteren bis 2020 ist in Vorbereitung. Auch die Anzahl der eingeschriebenen Studierenden ist von 35.000 in 1995 auf mehr als 757.000 in 2014 um ein Vielfaches gestiegen. Die Bildungspolitik der Regierung priorisiert mit 70 Prozent die ingenieurwissenschaftlichen und technischen Fächer, da diese als Motor für die Entwicklung zu einem Land mittleren Einkommens bis 2025 angesehen werden. Es wurden zwei technische Hochschulen gegründet sowie 12 halbautonome Technologie-Institute. Neben den staatlichen Universitäten existieren inzwischen auch 59 private Institutionen der tertiären Bildung. In der Region Afrika Subsahara ist Äthiopien Vorreiter bei der Verbesserung von Bildung und der Expansion von Bildungseinrichtungen. Dies schließt Schulbildung, Berufsbildung und Hochschulbildung ein.

Es existiert ein deutsch-äthiopischer EZ-Schwerpunkt „Arbeitsmarktorientierte Bildung“ für die Bereiche Berufsbildung und Hochschulbildung mit intensivem Engagement von GIZ und KfW. Besonders wichtig im tertiären Element der Kooperation ist die Förderung von Einrichtungen nach dem Vorbild deutscher Hochschulen für angewandte Wissenschaften. 2013 betrugen die gesamten Bildungsausgaben 4,5 Prozent des BIP. Der Anteil des Bildungsbereichs an den Gesamtausgaben der Regierung beliefen sich auf 27 Prozent - einer der höchsten Werte in Subsahara-Afrika und nennenswert besonders in Anbetracht dessen, dass Äthiopien zu den fünfzehn ärmsten Ländern der Welt zählt.

2014 lag die Zahl der immatrikulierten Studierenden bei 757.175, der Frauenanteil betrug 32 Prozent, die absolute Zahl der Doktoranden 1.983. Die Zahl der Abschlüsse erreichte 114.895 (letzte verfügbare Zahl: 2012). Die Abschlüsse verteilten sich wie folgt: 78.144 Bachelor, 6.092 Master und lediglich 111 Promotionen (PhD).
Die äthiopische Regierung hat groß angelegte Stipendienprogramme (BSc, MSc und PhD) in Kooperation mit internationalen Ausführungsorganisationen aufgelegt. Grundlage dieser Maßnahme ist die Annahme, dass Äthiopien nach dem „südkoreanischen Modell“ 4.0005.000 Forscher pro 1 Mio. Einwohner benötigt, um die für die kommenden 25 Jahre gesteckten sozioökonomischen Ziele zu erreichen. 2013 lag die Zahl bei 454.

Voraussetzung für den Hochschulzugang ist der erfolgreiche Abschluss der Ethiopian Higher Education Entrance Certificate Examination (EHEECE) nach 12 Schuljahren. Der Zugang zu öffentlichen Hochschulinstitutionen wird zentral durch das Bildungsministerium (Ministry of Education: MoE) geregelt. Schulabgänger mit dem EHEECE reichen ein Antragsformular ein, in dem sie bis zu 10 Wünsche hinsichtlich Studienfach und Hochschule nennen können und das Ministerium weist einen Studienplatz zu. Neben der Note des EHEECE bilden wirtschafts- und hochschulpolitische Vorgaben die Entscheidungsgrundlage. Den Zugang zu privaten Hochschulen regeln diese selbst, ohne Beteiligung des Ministeriums.
Wurde der Studienplatz durch das MoE zugewiesen, dann ist das Studium an staatlichen Hochschulen gebührenfrei. Als Kompensation ist nach erfolgreichem Studienabschluss ein zeitlich begrenzter und durch die Regierung bestimmter Berufseinsatz vorgeschrieben. Jegliche Reglementierungen während und nach dem Studium können umgangen werden, indem man sich als Privatstudierender immatrikuliert. Dies impliziert, dass Programme und Kurse gedoppelt werden: Für die Regierungsstudenten finden sie werktags und tagsüber statt, für Privatstudenten werktags abends und am Wochenende. Welche Programme für Privatstudierende angeboten werden, liegt im (ökonomischen) Ermessen der Hochschulen. Entsprechend ist ein Privatstudium mit hohen Studiengebühren verbunden, die sich nur wenige leisten können.

Es existiert noch kein Ranking der Hochschulen in Äthiopien, ist aber in Vorbereitung. Das MoE kontrolliert durch die Higher Education Relevance and Quality Agency (HERQA) die Qualität der tertiären Ausbildung. HERQA kann Kurse und Studiengänge akkreditieren oder ihre Durchführung verweigern.
Zentrale Herausforderungen des Bildungs- und Wissenschaftssystems sind:

- Personelle und strukturelle Anpassung an die steigenden Studierendenzahlen: Trotz der Angebotserweiterung bietet der Hochschulmarkt weiter nicht annährend genug Studienplätze. Veraltete oder fehlende ICT, unzuverlässige Energieversorgung und Investitionslücken sind weitere Hindernisse für adäquate Lehre. Auch verfügte Äthiopien im Jahre 2014 über einen Lehrkörper von lediglich 24.252 wissenschaftlichen Mitarbeitern und Lehrpersonal. Besonders Master- und PhD-Absolventen sind sehr rar. Die Ausbildung wissenschaftlichen Nachwuchses ist dringend erforderlich, Äthiopien muss bisher in großem Maße aus anderen Ländern rekrutieren (Indien, Philippinen, Deutschland u.a.) um den extrem schnell wachsenden Bedarf an Hochschulpersonal auch nur annährend befriedigen zu können. Mit lediglich 7,6 Prozent ist der Anteil der Promovierten an den Hochschuldozenten extremgering. Es ist daher erklärtes Ziel auch der neuen der Regierung, diesen Anteil deutlich anzuheben.

- Doktorandenausbildung und Forschung findet sehr stark zentralisiert an der Addis Ababa University statt. Dies betrifft insbesondere die Doktorandenausbildung. Auch Forschung findet an den staatlichen Hochschulen nur eingeschränkt statt. Die Einschränkung ist einerseits auf infrastrukturelle und finanzielle Defizite zurückzuführen. Andererseits wird für Forschung eigentlich qualifiziertes Personal angesichts der extrem schnell wachsenden Studierendenzahlen zeitlich sehr stark durch Lehrverpflichtungen in Anspruch genommen.

- Zentralisierung: Die föderale Regierung bemüht sich, die Regionen stärker in das Bildungswesen einzubinden; jedoch können vor allem die vielen ländlichen Hochschulen weder in Bezug auf Angebot noch auf Qualität mit den Institutionen der Hauptstadt konkurrieren. Ansätze für zumindest in einigen Feldern stärkere Einrichtungen gibt es in einigen größeren Städten (u.a. Bahir Dar, Jimma, Gondar). Die Situation insgesamt erschwert bislang einheitliche Reformen, nachhaltiges Qualitätsmanagement und gerechte Finanzierung.

- Soziale Dimension: Zugang zu tertiärer Bildung in Äthiopien bleibt in vielerlei Hinsicht von starken Ungleichheiten beeinträchtigt. Die Partizipationsrate von Frauen hat sich verbessert (von 26% in 2002 auf 32% in 2014). Im Master- und PhD-Bereich, ebenso wie bei akademischen Anstellungen nehmen Männer sogar bis 90% der Plätze ein.6 Ferner zeigen sich besonders in ländlichen und wirtschaftlich schwachen Gegenden Defizite im Bereich Schulbildung, was den Zugang zu tertiärer Bildung weiter erschwert.


Verfasser: Dr. Gerald Heusing, Leiter des Informationszentrums in Addis Abeba

Der DAAD ist in Äthiopien mit einem Informationszentrum in Addis Abeba vertreten.