Überblick: Bildung und Wissenschaft

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DAAD-Regionalinformationen

Die folgende Einführung in das Hochschulsystem, ergänzt durch ein Kapitel zum Thema "Internationalisierung und Bildungskooperationen" sowie den DAAD-Aktivitäten in Ägypten, finden Sie im DAAD-Ländersachstand. Eine umfangreichere Analyse des ägyptischen Hochschulsystems bietet die DAAD-Bildungssystemanalyse, eine kompakte Datenzusammenstellung auf einer Seite das DAAD-Datenblatt.

Alle verfügbaren DAAD-Ländersachstände, DAAD-Bildungssystemanalysen und DAAD-Datenblätter alphabetisch nach Ländern sortiert finden Sie unter
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Das ägyptische Bildungswesen ist stark zentralisiert und steht vor massiven Herausforderungen in puncto Ausstattung, Qualität und Berufsorientierung. Wer sich nach sechs Jahren an der Grundschule und drei Jahren an der berufsqualifizierenden Mittelschule für drei weitere Jahre an einem Gymnasium entscheidet, erwirbt dort die Allgemeine Hochschulreife, mit der er/sie dann an eine Hochschule zugeteilt werden kann. Die staatlichen Hochschulen sind verpflichtet, hohe Zahlen von Studierenden aufzunehmen. Bis 2030 soll die Zahl bis auf 3,5 Mio. steigen.

Ägypten hat eine lange akademische Tradition und ist das wissenschaftlich bedeutendste Land in der arabischen Welt. Es gibt 24 staatliche Universitäten und 23 private, auf die sich rund 2,9 Mio. Studierende verteilen, nur 80.000 davon sind an den privaten Hochschulen eingeschrieben. Mehrere der staatlichen Universitäten gehören zu den 50 größten Hochschulen der Welt. Die Universität Al Azhar, gegründet 950, ist die größte mit über 400.000 Studierenden, sie untersteht allerdings als einzige Universität nicht dem Hochschul-, sondern dem Religionsministerium. Ihr folgen zahlenmäßig die Cairo Universität mit rd. 280.000 und die Ain-Shams-Universität mit rd. 170.000 Studierenden. Außerhalb Kairos sind die Universitäten Alexandria mit 160.000 Studierenden sowie die Universitäten Mansoura (Nildelta) und Assiut (Upper Egypt) die traditionsreichsten Standorte.

Eine staatliche E-Learning Universität mit Sitz in Kairo und Filialen in der Provinz ist im Aufbau mit bisher nur rund 3000 Studierenden in einem Dutzend Studiengängen. In der Regel bemühen sich die staatlichen Universitäten, Volluniversitäten zu sein und alle Fachbereiche abzudecken. Für die Genehmigung von Studiengängen ist der Supreme Council of Universities (jeweils für staatliche oder für private) zuständig. Hochschulpräsidenten und Dekane werden seit 2014 durch den Staatspräsidenten ernannt, der seine Entscheidung auf der Basis von Vorschlagslisten fällt. Die schiere Größe der Hochschulen und der weitgehende Mangel an Autonomie haben ihre Konsequenzen: Die Lehrveranstaltungen sind überfüllt, die Infrastrukturen überlastet. Ein oft beklagtes Manko ist der fehlende Praxisbezug der Curricula in der Hochschullehre sowie ein Mangel an Innovationstransfer zwischen Forschung und Markt. Angesichts einer überdurchschnittlich hohen Arbeitslosigkeit unter Hochschulabsolventen und angesichts der schlechten ökonomischen Situation des Landes wird hier inzwischen auch von Regierungsseite dringender Handlungsbedarf gesehen.

Hinzu kommt, dass die staatlichen Universitäten oft unter schlechter Ausstattung, unattraktiven Gehältern des Lehrpersonals und starren bürokratischen Strukturen leiden. Als wenig transparent und nicht immer leistungsorientiert gilt das Berufungswesen, Nachwuchskräfte orientieren sich daher bei ihrer Karriereplanung oft auch ins Ausland. Im Jahr 2016 studierten über 3.328 Ägypter in Deutschland. Damit hat sich diese Zahl in den letzten fünf Jahren nahezu verdoppelt. Aufgrund der unterfinanzierten Lage der staatlichen Universitäten haben auch die besser ausgestatteten Privatuniversitäten Ägyptens wachsenden Zulauf, insbesondere von der zahlungskräftigen Elite des Landes. Das reproduziert einen Trend, der auch im Schulbereich schon zu beobachten ist, wo die Aufnahme an einer teuren Privatschule (zu denen auch die Deutschen Auslandsschulen zählen) mitunter als einzige Chance für späteren Erfolg wahrgenommen wird. Das Studium an den staatlichen Hochschulen ist grundsätzlich kostenfrei, einer Studie zufolge sind allerdings für die Anschaffung von Büchern, Transportkosten und v.a. Nachhilfestunden jährlich Unkosten bis zu 800 Euro zu veranschlagen. Weiterbildende Masterstudiengänge verlangen unterschiedlich hohe Gebühren bis zu mehreren tausend Euro pro Jahr. Die Gebühren an privaten Hochschulen erreichen hingegen bis zu 12.000 US-Dollar pro Jahr (Spitzenreiter ist hier die American University Cairo). Faktisch sind Studiengebühren zuletzt beständig gestiegen, da sie meist in USD oder Euro erhoben werden – und das ägyptische Pfund Ende 2016 mehr als 50% an Wert gegenüber dem USD verloren hat. 

Forschung findet außer an den Universitäten an nationalen Forschungszentren statt: Das maßgebliche National Research Center (NRC) wurde 1956 - mit deutscher Unterstützung - eingerichtet und beherbergt fast 5000 Forscher in den Bereichen Natur-, Ingenieur- und Lebenswissenschaften. Für die Geistes- und Sozialwissenschaften ist das deutlich kleinere National Center for Social and Criminological Research zuständig. Unter Mubarak wurde ferner eine „City of Scientific Research and Technological Applications” als dezentrales Forschungszentrum in der Nähe von Alexandria eingerichtet, das weiterbesteht; weitere Forschungszentren, etwa am Roten Meer, sind geplant. Seit längerem werden zentrale Versuche unternommen, die genannten Missstände zu beheben und Anschluss an die internationalen Wissensgesellschaften des 21. Jahrhunderts zu finden. So wurde – in Zusammenarbeit mit der DFG – ein nationaler Science and Technology Development Fund (STDF) gegründet, der Drittmittel für die Entwicklung der Wissenschaften bereitstellt. Die Verfassung, die 2014 verabschiedet wurde, sieht eine Bereitstellung von 1 % des GDP für Forschung und 4% für Bildung vor, was eine deutliche Steigerung gegenüber dem bisherigen Budget bedeutet. Mit der Einrichtung neuer Exzellenzzentren, teils mit STDF-Förderung, teils aus eigener Kraft durch die Universitäten selbst, soll die Innovationskraft Ägyptens gesteigert werden.

Wachsender Bedeutung kommt auch der nationalen Akkreditierungsagentur NAQAAE zu, deren Entwicklung von 2013 bis 2015 im Rahmen eines EU-Twinning-Projekts unter der Leitung Finnlands und mit dem DAAD als Juniorpartner gefördert wurde, die aber noch keine organische Autorität im ägyptischen Hochschulsystem ist. Studiengänge werden vom Supreme Council zugelassen, eine Akkreditierung durch die National Authority of Quality Assurance and Accreditation (NAQAAE) ist bisher nicht zwingend erforderlich. Qualitätssicherung ist zunehmend auch Thema an den Hochschulen selbst, die eigene Einheiten dafür einrichten und Ansprechpartner nominieren. Nach und nach werden auch Zentralinstitute für nichtwissenschaftliche Belange etabliert, mit Aufgabenbereichen wie Technology Transfer, Internationalisierung oder Career Services. Mittlerweile gibt es neben den gut ausgebauten „Career Development Services“ an der gebührenpflichtigen und sehr teuren American University of Cairo (AUC) oder an der German University of Cairo (GUC) auch „Career Services“ an anderen ägyptischen privaten Universitäten wie der Nile University und an staatlichen Universitäten wie der Suez Canal Universität, der Ain Shams-Universität, und den Universitäten Assiut, Kairo, Alexandria, Helwan und Tanta. Weitere 20 Career Development Center sollen mithilfe von USAid demnächst aufgebaut werden. Auch die im November 2016 veröffentlichte nationale Strategie „Sustainable Development Strategy: Egypt Vision 2030“ zielt darauf ab, sowohl die Qualität und Sichtbarkeit ägyptischer Hochschulen in internationalen Rankings zu erhöhen, als auch die Beschäftigungsfähigkeit von Absolventen signifikant zu verbessern.

Inwiefern die hoch gesteckten Ziele – u.a. 50% mehr Beiträge in internationalen Journals, 80% akkreditierte Hochschulen in 2030 (aktuell 7,5%), 45% Einschreiberaten (aktuell 31%) oder dreimal mehr internationale Studierende (aktuell 2%) – erreicht werden können, steht aktuell in Frage. Ägypten ist Partnerland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Schwerpunkte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit Ägypten sind der Umwelt- und Klimaschutz – mit einem Fokus auf der Förderung erneuerbarer Energien – sowie die Wasserver- und Abwasserentsorgung. Dies sind auch gewichtige Themen für die Wissenschaft, die hierzu auch in einigen Kooperationen mit deutschen Universitäten steht. Andere drängende Bereiche von politischer und sozialer Bedeutung, die auf Impulse und Kenntnisse aus der Wissenschaft angewiesen sind, betreffen die Medizin, die Landwirtschaft, die Städteplanung, das Ingenieurwesen etc. – allesamt Bereiche, in denen traditionsreiche und aktive ägyptisch-deutsche Kooperationen bestehen. Dabei ist zu beobachten, dass der Druck zur Innovation zunehmend interdisziplinäre Forschungsprojekte generiert, während in der Hochschullehre eine systematische Interdisziplinarität erst noch in den Anfängen steckt. Die genannten Schwerpunktthemen signalisieren zugleich die besondere Attraktivität der ägyptischen Wissenschaft für deutsche Hochschulen besteht: Es herrschen hier gewissermaßen einzigartige „Laborbedingungen“ für Themen, für die es in Europa keine Anschauung gibt (von Krankheiten über geographisch-klimatische Bedingungen bis hin zu den sozialen Verhältnissen) mit exzellenten Deutschland-Alumni als möglichen Kooperationspartnern in der ägyptischen Wissenschaft.


Verfasser: Dr. Roman Luckscheiter, Leiter der DAAD-Außenstelle Kairo

Der DAAD ist derzeit in Ägypten mit einer Außenstelle in Kairo vertreten. Zudem fördert er fünf Lektorate.