Marcel Beyer

Deutschland

Romanautor, Lyriker, Essayist, Herausgeber Georg-Büchner-Preis 2016

DAAD-Stipendium 2011

Marcel Beyer juergen-bauer.com


Marcel Beyer, der Entdecker. Immer wieder geht er mit seinen Gedichten, Romanen und Essays auf Erkundung, entfaltet verschlungene Wege der deutschen Geschichte, liefert poetische Sichtweisen auf Schriftstellerkollegen, Fotografien und Bilder. Sein Gedichtband „Graphit“ aus dem Jahr 2014 loben Kritiker als „gewaltiges Geschichts- und Gegenwartspanorama“ – und im November 2016 wurde Marcel Beyer von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Georg-Büchner Preis, dem bedeutendsten Literaturpreis im deutschen Sprachraum, ausgezeichnet.

Ich liebe England. Das miese Wetter, die schlechten Heizungen – ich finde das einfach klasse.
Marcel Beyer

Ausgangsbasis seiner Karriere bildete die Beschäftigung mit Friederike Mayröcker. Bereits vor seinem Magisterstudium der Germanistik, Anglistik und Allgemeinen Literaturwissenschaft an der Universität Siegen gehörte Beyer zu den größten Verehrern der österreichischen Schriftstellerin. „Auf der Frankfurter Buchmesse ermutigte mich ihre Verlegerin, mit Mayröcker in Kontakt zu treten“, erzählt er. Zunächst habe sich ein Briefwechsel entwickelt, später ein persönlicher Kontakt und eine enge Zusammenarbeit: Als Kenner ihres vielfältigen Werks beauftragte die Schriftstellerin Beyer im Jahr 1988, in Wien ein „Mayröcker-Archiv“ einzurichten; 2004 und 2007 gab er im Suhrkamp-Verlag „Gesammelte Gedichte“ und „Gesammelte Prosa“ der Österreicherin heraus. „Der Kontakt zu Friederike Mayröcker ist nie wieder abgebrochen“, so Beyer, „und ich bin schon gespannt auf ihr nächstes Buch.“

Seinen eigenen schriftstellerischen Durchbruch feierte der Autor, der 1965 in Tailfingen, Baden-Württemberg, geboren wurde, mit seinem Roman „Flughunde“ im Jahr 1995. „Nach dem Fall der Mauer im Jahr 1989 brannten im Westen wie im Osten Flüchtlingsheime, und in der Öffentlichkeit profilierte sich eine Neonazi-Szene“, sagt Marcel Beyer. „Dieser Widerspruch zwischen der Wiedervereinigungseuphorie und einer deutschnationalen Aggressivität führte mich damals zu der Frage, wie es zur Teilung Deutschlands kam und welche psychische Disposition Menschen haben, die an Menschenversuchen teilnehmen.“ Mit „Flughunde“ wandelt der Schriftsteller meisterhaft auf den Spuren deutscher Geschichte: Der Roman erzählt von Hermann Karnau, Wachmann im Führerbunker und Schallforscher, von seinen Experimenten mit menschlichen Stimmen und seinen Aufzeichnungen, die die Sprache der Nationalsozialisten als Propaganda entlarven. Der Nationalsozialismus und die deutsche Geschichte bleibt ein Leitthema seiner Romane und Gedichte – immer wieder vergegenwärtigt Beyer die Vergangenheit.

Eine neue Perspektive erlangte er dabei nicht zuletzt durch zwei vom DAAD finanzierte Aufenthalte in Großbritannien. 1996 gewann er als Writer in Residence am University College in London einen Einblick in das universitäre Leben, das er 1998 als Writer in Residence an der University of Warwick in Coventry vertiefte. „Ich liebe England“, sagt Beyer. „Das miese Wetter, die schlechten Heizungen und das seltsame Essen – ich finde das einfach klasse.“ Im Jahr 2011 reiste er mit einem DAAD-Stipendium an die New York University, wo er als Gastprofessor Literatur unterrichtete. „Das war ganz großartig, denn im Seminar saß ich nicht als jemand, der aus Schriftstellerperspektive Wissen vermittelt, sondern als Mitglied einer Close-Reading-Gruppe“, sagt Marcel Beyer, dessen Frankfurter Poetikvorlesungen im April 2017 als Buch erscheinen.

Stand: 2016-12-09