Navid Kermani

Deutschland

Schriftsteller, Publizist, Orientalist

DAAD-Stipendium 1991–1992

Navid Kermani Villa Massimo


Nur wenige Persönlichkeiten vermitteln auf so beeindruckende Weise wie der Autor Navid Kermani zwischen Kulturen und Religionen – und zeigen dabei solch eine stilistische Brillanz in literarischen, journalistischen und wissenschaftlichen Texten. 2015 wurde dem Schriftsteller und Orientalist, Reisereporter und Essayist der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt, 2014 der Joseph-Breitbach-Preis und der Gerty-Spies-Literaturpreis. In seiner Vielfalt und Fülle hat Navid Kermani, der 1967 in Siegen geboren wurde und heute als freier Schriftsteller in Köln lebt, ein kaum zu überblickendes Werk vorgelegt. Denkwürdig waren zudem insbesondere seine Rede zur 65-Jahr-Feier des Grundgesetzes 2014 im Deutschen Bundestag und seine Irak-Reportagereise für den „Spiegel“ 2014.

Ich bin dem DAAD bis heute dankbar.
Navid Kermani

Dass Identität nichts Festes ist, sondern sich in verschiedenen Relationen unterschiedlich ausformt, ist für Navid Kermani eine Selbstverständlichkeit. Aufgewachsen in der deutschen Provinz mit aus dem Iran eingewanderten Eltern, gab es für den Arztsohn immer mindestens zwei Welten: die Welt der deutschen Freunde mit einer, wie er stets betont, nie als feindlich empfundenen Umwelt, und die von anderen Traditionen geprägte Welt seines iranischen Elternhauses. Bei seinem Aufenthalt in Kairo, wo er Anfang der 1990er-Jahre als Student der Orientalistik vom DAAD gefördert wurde – wofür er „dem DAAD bis heute dankbar“ ist –, kam ihm zu Bewusstsein, dass es eine Aufgabe gibt, die auf ihn wartet. Das Orientalistikstudium hatte er bis dahin wie eine „Fron“ empfunden. Eigentlich wollte er lieber ans Theater gehen. Nun aber, als er in einer Wohnung am Opernplatz mitten in Kairo lebte und jeden Morgen vom Gesang des Muezzins der nahegelegenen Moschee geweckt wurde, fand er sein Thema: Einen Namen machte Kermani sich erstmals 1999 mit der Veröffentlichung seiner Dissertation „Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran“, in der er die Rezeptionsgeschichte des heiligen Buchs des Islam erzählt, insbesondere die seiner ästhetischen, poetologischen Rezeption

Seit dieser Weichenstellung sind viele Jahre vergangen. Politisches Denken, analytische Fähigkeiten, philologischer Spürsinn und Kreativität gehen bei Kermani eine überaus glückliche Verbindung ein – zum Vermittler zwischen den Kulturen scheint er geradezu prädestiniert. Doch sein Handwerkszeug schulte er zunächst an der deutschen Literatur, allen voran an Jean Paul, Hölderlin und Kafka. Die literarische Beschäftigung mit dem Koran kam später – 2014 publizierte er eine Anthologie von Essays und Reden mit dem Titel „Zwischen Koran und Kafka“. In seinem Roman „Große Liebe“ schreibt er so feurig und leichthändig über die Schulhofliebe eines Fünfzehnjährigen, dass sich seine Begeisterung für die arabisch-persische Mystik auf den Leser überträgt. Zugleich entsteht das gleichermaßen ironische wie beseelte Porträt der 1980er-Jahre in einer westdeutschen Kleinstadt. Als Kermanis Schlüsselwerk und Opus magnum lässt sich der über 1.200 Seiten fassende Roman „Dein Name“ aus dem Jahr 2011 lesen: Kermani zeigt sich darin von seiner poetischen Seite genauso wie von der als genuiner kritischer Intellektueller.

Stand: 2015-08-28