Taslima Nasrin

Bangladesch

Schriftstellerin

Gast des Berliner Künstlerprogramm des DAAD 1995

Taslima  Nasrin DAAD


„Bei uns zuhause wuchs ich mit großer Furcht auf. Mein Verlangen nach Freiheit, meine Neugier auf die Welt da draußen, musste ich für mich behalten. Es war mir nicht erlaubt, einen Schritt aus dem Haus zu gehen, es sei denn zu meiner Schule oder zum College. Ein Ergebnis davon war, dass ich meine Leidenschaft für das Lesen von Büchern, erfundenen Geschichten, Poesie und Essays entdeckte. Aber ich musste die Bücher vor meinen Eltern verbergen. Und ich hatte eine weitere Leidenschaft: Gedichte schreiben.“ Bei der bangladeschischen Schriftstellerin Taslima Nasrin hat das Schreiben stets eine freiheitliche und politische Dimension. Das betont sie immer wieder und erklärt ihre Motivation: „Mit dem Schreiben von Büchern wollte ich etwas Konstruktives tun. Ich wollte Frauen helfen zu verstehen, dass sie unterdrückt werden, aber dass das nicht so sein muss. Ich wollte sie ermutigen, für ihre Rechte und ihre Freiheit zu kämpfen.“

Ich träume davon, dass es eines Tages eine vollkommen säkulare Welt gibt.
Taslima Nasrin

Taslima Nasrin wurde 1962 im früheren Ost-Pakistan, seit 1971 Bangladesch, geboren. Sie studierte Medizin und schloss ihr Studium 1984 als Ärztin ab.

Seit 1975 schreibt sie Gedichte. Zur Zeit ihres Studiums gab sie Literaturmagazine heraus. Während Nasrin als Ärztin in öffentlichen Hospitälern arbeitete, begann sie Kolumnen in Tageszeitungen und Zeitschriften zu schreiben. Sie veröffentlichte einige Bücher mit Poesie, Essays und Romane. In ihrer Heimat Bangladesch ist sie für die Meinungsfreiheit in weltanschaulichen Fragen eingetreten. Sie hat die Diskriminierung der hinduistischen Minderheit durch die muslimische Mehrheit kritisiert, hat sich für die Rechte der Frauen eingesetzt und sich offen zu einer atheistischen Position bekannt: „Ich träume davon, dass es eines Tages eine vollkommen säkulare Welt gibt.“ Und an anderer Stelle sagt sie: „Religion ist gegenwärtig das erste Hindernis für das Fortkommen der Frauen. Religion hält die Menschen zurück. Sie wendet sich gegen Wissenschaft und Fortschrittlichkeit.“

Eine Haltung, für die Nasrin bereits einen hohen Preis zahlen musste: Gegen ihren Roman „Lajja“ (Scham), der das Schicksal einer hinduistischen Familie im überwiegend islamischen Bangladesch beschreibt, wurde wegen „Blasphemie“ am 24. September 1993 die Fatwa verhängt, ein Mordaufruf des fundamentalistischen „Rat der Soldaten des Islam“. Nasrin musste ihre Heimat verlassen und lebt im politischen Exil, zunächst in Schweden, den USA und Deutschland, dann in Frankreich. Im Herbst 2004 kehrte sie nach Bangladesch zurück, um bei ihrer todkranken Mutter zu sein. Sie lebte bis 2008 in Kalkutta. Nach stetigen Morddrohungen reiste sie im März 2008 nach Europa aus und fand Anfang 2009 in Frankreich Zuflucht. Die Stadt Paris stellte ihrer Ehrenbürgerin eine Wohnung zur Verfügung. Später lebte Nasrin in Delhi. Doch nach wie vor bezeichnen religiöse Fundamentalisten Nasrins Schriften und Äußerungen als beleidigend und versuchen, Veröffentlichungen zu verhindern. Auch um ihr Leben muss die Schriftstellerin weiterhin fürchten. In Indien stand sie angesichts des starken religiösen Radikalismus unter Polizeischutz. Eine Dschihadisten-Gruppe aus Bangladesch setzte sie auf eine „globale Hitliste“ von Bloggern, denen sie mit Enthauptung drohen. 2015 nahmen die USA die verfolgte und mit dem Tod bedrohte Schriftstellerin auf.

Bisher schrieb Nasrin rund zwei Dutzend Bücher, die in 30 verschiedenen Sprachen übersetzt wurden. 2012 erschien ihre Autobiografie „Nirbasan“ (Exil). Die Schriftstellerin wurde mehrfach geehrt: 1995 erhielt sie den Sacharow-Preis für die Freiheit des Geistes, den das Europäische Parlament an Verteidiger der Menschenrechte verleiht. Nasrin wurde 2002 mit dem Erwin-Fischer-Preis des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten ausgezeichnet und erhielt 2004 den Unesco-Toleranzpreis. Weitere Auszeichnungen folgten.

Stand: 2015-09-30