Micha Ullman

Israel

Bildhauer

Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD 1989–1990

Micha Ullman DAAD


Mit einem ungewöhnlichen „Denkmal“ wurde der israelische Bildhauer Micha Ullman in Deutschland berühmt. Die unterirdische „Bibliothek“ auf dem Berliner August-Bebel-Platz ist ein quadratischer Raum, eingelassen in die Erde, an den Wänden leere Regale. Die Bücher fehlen in dieser Bibliothek. Besucher sehen durch Glas in den abends und nachts hell erleuchteten Raum - genau an dem Ort, wo die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 Zehntausende von Büchern verbrannten. Studenten der direkt gegenüber liegenden Humboldt-Universität waren dabei die Hauptakteure.

Ich schaffe Orte, die leer sind und Selbstbegegnung erlauben. Sie zwingen uns zur Erinnerung.
Micha Ullman

Micha Ullman baut selten Skulpturen über dem Boden, er gräbt seine Werke in den Boden hinein. Erde und Sand gehören zu seinen Materialien. Der 1939 in Tel Aviv geborene Ullman studierte Kunst in Jerusalem und in London. Er unterrichtete Kunst in Jerusalem und Haifa, war 1976 Gastprofessor in Düsseldorf, kam 1989 als Gast des DAAD- Künstlerprogramms nach Berlin und hat seit 1991 eine Professur an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart inne. Seit 1996 ist der vielfach ausgezeichnete Bildhauer Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Er lebt in Ramat HaSharon und Stuttgart.

1972 begann er zu graben. Dabei ging es um einen Erdaustausch zwischen einem israelischen und einem arabischen Dorf. Lange Gespräche in beiden Orten gingen der Aktion voraus, bei der israelische und palästinensische Jugendliche in ihren Dörfern zwei Löcher in den Boden gruben und jeweils mit der Erde aus dem anderen Ort auffüllten. Ullman hinterließ Gruben in Israel und Deutschland, in Japan und Italien. Es sind Werke, die Raum geben für Selbstbegegnung und Erinnerung, wie Ullman sagt. Eins davon liegt an der Weser: ein eingegrabenes Boot für sieben Personen, das bei Hochwasser immer wieder vom Fluss überspült wird. Es erinnert an Ullmans Vater, der als eines von sieben Geschwistern 1933 aus einem nahe gelegenen Weserdorf emigrierte.

Auch an anderen Orten in Berlin „überschreitet“ man Ullmans Arbeiten, die in die Vergangenheit hinabführen. Am Potsdamer Platz in einem Seitenschiff der Matthäikirche führt unter einer Glasplatte eine Treppe aus sieben Stufen in einen mit rotem Sand aus Israel gefüllten Schacht. Auch dieser Ort erinnert an den Schrecken – der später von den Nazis ermordete Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer wurde 1931 hier für sein geistliches Amt gesegnet. Und dort, wo vor über 250 Jahren einmal das Wohnhaus von Moses Mendelssohn gestanden hat, liegt seit Sommer 2015 ein Denkmal für den jüdischen Intellektuellen und Aufklärer im Boden: Der Schattenriss der einstigen Hausfassade mit zwölf Fenstern, die nun als schwarze Granitplatten in die Erde eingelassen sind und bei Regen den Himmel spiegeln. Ullman hat es „Haus der Hoffnung“ genannt.

Stand: 2015-09-15