Prof. Miao Xiaochun

China

Künstler

DAAD-Stipendium 2002

Prof. Miao Xiaochun DAAD


Gegenwart und Vergangenheit, Tradition und Moderne, Asien und Europa, das sind die Dimensionen, die der Pekinger Künstler Miao Xiaochun in seinen Fotoarbeiten miteinander verknüpft. Sein künstlerischer Lebenslauf gibt diese Themen vor. Geboren wurde Miao Xiaochun 1964 in der chinesischen Stadt Wuxi (Provinz Jiangsu), die wegen ihrer schnellen wirtschaftlichen Entwicklung auch „Klein-Shanghai“ genannt wird. Von dort zog Miao 1982 nach Nanjing, um dort zu studieren, vier Jahre später wechselte Miao an die Central Academy of Fine Arts in Peking und schloss dort sein Studium 1989 ab.

Wer bin ich? Wohin gehe ich? Wer richtet mich?
Miao Xiaochun

1995 kam er erstmals nach Europa und Deutschland. Nach fünf Jahren kehrte er 1999 wieder zurück nach Peking, wo er heute als Professor Fotografie und Digitale Medien an der Zentralen Hochschule für Bildende Kunst (CAFA) lehrt. Ein DAAD-Stipendium brachte ihn 2002 nochmals für ein Dreimonatsprojekt nach Deutschland, an die Kunsthochschule in Kassel.

Das einst nur zwölf Quadratmeter große Atelier gehört der Vergangenheit an, ebenso der mühselige Verkauf seiner Bilder und das Umgehen der Zensur. Längst ist Miao weltweit auf den Biennalen vertreten und immer wieder auch in Deutschland, wann immer es um chinesische Gegenwartskunst geht. Seine Arbeiten entstehen mittlerweile in einem 300 Quadratmeter großen Werkraum. Er ist ein Künstler, der in China alle Freiheiten genießt. Seine Arbeiten sind jedoch wie von Beginn an nicht laut, bunt und provokativ, sondern still und philosophisch. Sie sind geprägt von einem Feingefühl für kulturelle Nuancen, das den künstlerischen Luxus des ästhetischen Freiraums voll zu nutzen weiß.

Eine Zeit lang ließ Miao sein Alter Ego in Gestalt eines klassischen konfuzianischen Gelehrten auf jedem seiner Fotos wiederkehren. Die Idee für seinen Doppelgänger aus Fiberglas kam ihm in Kassel. Die Schwarz-Weiß-Fotografie „As a Guest of a German Family“ (1999) zeigt ihn im Kreise einer deutschen Tischgesellschaft. In seiner Fotoserie „Last Judgement in Cyberspace“ hat sich Miao – mittels farbiger Digitaltechnik – auf die Spuren des „Jüngsten Gerichts“ in der Sixtinischen Kapelle begeben, aber weiterhin dem kulturellen Spagat gestellt. „Michelangelos Fresko habe ich nie im Original gesehen“, berichtete Miao in einem Interview mit dem Online-Magazin „artnet“. „Aber seit dem Ende der 1970er-Jahre kursieren in China Bildbände mit den wichtigsten Werken der internationalen Kunst. Dazu gehören Michelangelos Skulpturen und seine Malerei.“

Besonders fasziniert hat ihn an dem Fresko neben den 390 perfekt dargestellten Figuren das Gegensätzliche der Allmacht Christi und der Ohnmacht des Menschen angesichts des Jüngsten Gerichts. „Was sehen die Gestalten des Wandbilds in dem Augenblick?“, fragte Miao. „Ich suchte nicht in der Metaphysik nach Antwort, sondern in der Technik“, erklärt der Künstler.

Stand: 2015-09-29