Prof. Dr. Leslaw Cirko

Polen

Germanist, Professor für Linguistik am Germanistischen Institut der Universität Wrocław (Breslau), Polen

DAAD-Stipendium 1983–1984

Prof. Dr. Leslaw Cirko DAAD


Ein Telegramm aus Wrocław (Breslau) gab dem Lebensweg von Lesław Cirko die entscheidende Wendung. „Das war im Herbst 1981, kurz vor dem dramatischen Tag, als in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde“, erinnert sich der 1958 geborene Pole.

Mit Sorge beobachte ich, wie die Bedeutung der deutschen Sprache bei uns in Polen abnimmt.
Leslaw Cirko

Cirko war damals, nach abgeschlossenem Germanistikstudium, Lehrer an einer Schule im polnischen Lubin, wollte aber eigentlich Dolmetscher werden. Die angespannte politische Situation im Land machte ihm zu schaffen. Vielen anderen ging es genauso. An der Universität Wrocław hatten sich zwei Assistenten des Breslauer Linguisten Norbert Morciniec in den Westen abgesetzt. Morciniec besann sich seines früheren Schülers Lesław Cirko und fragte per Telegramm bei ihm an, ob er spontan die Lücke an seinem Institut füllen wolle.

Heute leitet er als Professor den Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Linguistik am Germanistischen Institut der Universität Wrocław. Er ist anerkannter Spezialist für Morphologie und Syntax der deutschen Sprache und arbeitet europaweit mit Kollegen in Projekten zur kontrastiven Grammatik zusammen. Ein Standardwerk ist die von ihm gemeinsam mit Kollegen veröffentlichte zweibändige deutsch-polnische kontrastive Grammatik.

Den Grundstein für seine Kooperation mit der internationalen Sprachwissenschaft legte 1983 ein DAAD-Stipendium für einen Aufenthalt in München. Damals hätte die Politik beinahe noch einmal seine weitere Karriere bestimmt. Denn Cirko, der nie Parteimitglied gewesen war, konnte die für den Auslandsaufenthalt nötigen Gutachten nicht beibringen. Wieder wurde Morciniec für seinen jungen Assistenten tätig. Er schrieb an seinen Münchner Kollegen Harald Weinrich, der das Institut für Deutsch als Fremdsprache in München leitete. Weinrichs persönliche Einladung öffnete dem jungen Wissenschaftler die Tür in den Westen. „Das war die glücklichste Periode meines Lebens“, erinnert sich Cirko heute. „Mit kindlicher Faszination für das Fremde erkundete ich Deutschland von der Lebensseite.“

Mit Sorge registriert Cirko heute die schwindende Bedeutung des Deutschen als Wissenschaftssprache. Dass der Aufsatz eines polnischen Germanisten, wenn er auf Englisch publiziert ist, höher bewertet werde, als wenn derselbe Artikel in einem deutschsprachigen Fachblatt erscheine, findet Cirko absurd. Auch am Rückgang des Interesses bei den polnischen Studierenden merkt der Professor, dass die deutsche Sprache ihren Rang verliert.. „In den 90er-Jahren war die Germanistik in Breslau mit Abstand die größte in Europa. Seit 2005 schrumpfte die Zahl der Studierenden erkennbar.“ Ihn und seine Kollegen bekümmert dies sehr. Ein Patentrezept dagegen haben sie nicht, aber sie engagieren sich weiter als Botschafter dieser Sprache. Für die Vermittlung und Erforschung der deutschen Sprache erhielt Cirko 2011 den mit 10.000 Euro dotierten Jacob- und Wilhelm-Grimm-Preis des DAAD.

Stand: 2015-09-17