Mark Wallinger

Vereinigtes Königreich

Bildhauer, Performance-Künstler

Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD 2001

Mark Wallinger DAAD


Als Zehnjähriger sah Mark Wallinger im britischen Fernsehen einen Märchenfilm aus Deutschland. Darin verwandelte sich ein Prinz in einen Bären. Das prägte nachhaltig sein Bild von Deutschland. In das „Land der Bären“ kam der britische Künstler im Jahr 2001 als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Da war er bereits über vierzig und zählte mit seinen Skulpturen und Installationen zu den bedeutendsten britischen Avantgarde-Künstlern. In Berlin fand er nicht nur den Bären als touristisch vermarktetes Wahrzeichen der Stadt – er entdeckte auch die Neue Nationalgalerie, den Bau des Architekten Mies van der Rohe, den er bewunderte. Es dauerte drei Jahre, bis das Museum ihm das leer geräumte Erdgeschoss für eine Performance zur Verfügung stellen und Mark Wallinger sich einen Traum erfüllen konnte: Sieben Nächte lang trottete der Künstler in diesem Winter in einem verblüffend echt wirkenden Bärenkostüm in der großen, schwach erhellten Museumshalle einsam auf und ab, von teils erschreckten, teils amüsierten Berlinern durch die großen Glasfenster bestaunt.


Deutschland ist für mich das Land der Bären. Dort wollte ich einmal Bär sein.
Mark Wallinger

Mark Wallinger wäre nicht der politisch engagierte und intellektuelle Künstler, als den man ihn kennt, wenn er mit der Aktion nicht auch historisch-politische Assoziationen verknüpft hätte. Eine davon: Berlin war als geteilte Stadt ein Ort für Spione und Agenten. Wie diese „Sleeper“ – so auch der Name der Performance – verbarg sich Wallinger, als Engländer in einer fremden Stadt, gut getarnt in dem sehr deutschen Bärenkostüm.

Der 1959 in Chigwell geborene Künstler, der heute in London lebt, befasst sich in seinen Arbeiten, zu denen auch Malerei, Fotografie und Videokunst gehören, immer wieder mit sozial- und kulturgeschichtlichen Aspekten und stellt die Frage nach der Identität seiner Nation. Er schockierte seine Landsleute 1999 mit einer Skulptur im historischen Zentrum Londons. Auf dem Trafalgar Square, in unmittelbarer Nähe der Admiral-Nelson-Säule und anderer monumentaler Denkmäler errichtete Wallinger seine Skulptur „Ecce Homo“ – eine naturalistische, menschengroße Christusgestalt aus weißem Marmorstaub und Harz, nur mit einem Hüfttuch bekleidet, die Hände auf dem Rücken zusammengebunden. Die Krone auf dem kahlen Kopf war nicht aus Dornen, sondern aus Stacheldraht geflochten. Aus dem Messias war so ein politischer Gefangener geworden, aus dem Trafalgar Square ein Ort des Tribunals. Im Rahmen eines – letztendlich ergebnislosen – Künstler-Wettbewerbs war das Werk für die vielen Passanten des belebten Platzes sieben Monate lang ein Attraktion und Provokation zugleich.

Heute kann man Wallingers Arbeiten in London unter der Erde sehen: Zum 150. Geburtstag der Londoner U-Bahn 2013 schmückte der inzwischen mit dem bedeutendsten britischen Kunstpreis, dem Turner Prize, ausgezeichnete Brite die Bahnsteige aller 270 Stationen mit seiner zum Teil permanenten Kunstinstallation „Labyrinth“.

Stand 2015-09-11