Prof. Dr. Raoul Schrott

Österreich

Schriftsteller, Literaturwissenschaftler

Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur 2008–2009

Prof. Dr. Raoul Schrott DAAD


Für großes Aufsehen, das in Fachkreisen sogar skandalöse Züge trug, sorgte der österreichische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Raoul Schrott mit seiner Neu-Übersetzung von Homers Ilias und noch mehr mit seinem Buch über „Homers Heimat“, beide 2008 erschienen. Seine flott geschriebene und verblüffend vielfältig belegte These: Homer sei keineswegs der einsame griechische Weise gewesen, sondern ein griechischer Schreiber in assyrischen Diensten, auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Und der Trojanische Krieg habe auch nicht dort stattgefunden, wo der Archäologe Schliemann es vermutet, sondern fernab in Kilikien. Das klassische Abendland, so die medial zugespitzte These, habe also im Morgenland begonnen.

Zu Homer habe ich mich nun mehr als genug geäußert …
Raoul Schrott

Mit diesen Büchern fand der streitbare und wortgewaltige Österreicher enormes Interesse bei Medien und Publikum. Die Fachgelehrten staunten, bezeichneten Schrotts Thesen als „anregend“, einige protestierten. Schrott hat sich dieser Kritik immer gestellt, auch in zwei hochkarätig besetzen Gesprächsrunden während seiner Zeit als Samuel-Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin. Danach meinte er kämpferisch: „Ich habe hier nichts gehört, was meine Thesen ausgehebelt hätte.“ Das Thema Homer ist für den Schriftsteller aber zunächst einmal abgehakt: „Zu Homer habe ich mich nun mehr als genug geäußert …“ Andere antike Schriftsteller fanden sein Interesse: 2014 legte er eine neue Übersetzung von Hesiods „Theogonie“ vor – er erklärte vor 2700 Jahren in Versen die Entstehung der Welt. Aber auch für andere ungewöhnliche Arbeiten ist der Schriftsteller heute bekannt – so veröffentliche er 2011 mit dem Hirnforscher Arthur Jacobs das Buch „Gehirn und Gedicht“.

Raoul Schrott, 1964 in Tirol geboren, wuchs in Tunis auf, studierte Literatur- und Sprachwissenschaft in Norwich, Paris, Berlin und Innsbruck und wurde 1996 am Institut für Komparatistik der Universität Innsbruck habilitiert. Als Autor ist er in vielen Genres unterwegs. Seine Bücher gelten als hochgelehrt und sprachlich avanciert. Zu seinen von der Kritik viel beachteten Romanen zählen „Finis Terrae“ (1995), und „Tristan da Cunha“ (2003). Dazu kommen Erzählungen, Novellen, Gedichtbände, Reisebücher, Essays, etwa „Handbuch der Wolkenputzerei“ (2005), und Arbeiten für das Theater. Er ist auch als Herausgeber von Anthologien und als Übersetzer hervorgetreten. Schrott wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1994, dem Leonce-und-Lena-Preis 1995 und dem Josef-Breitenbach Preis 2004.

Im Winteremester 2008–2009 hatte Schrott die Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur an der Freien Universität Berlin inne und hielt einen Kurs über „Weltliteratur und Poetik.“ Die Gastprofessur wird seit 1998 gemeinsam vom S. Fischer Verlag, dem DAAD, der Freien Universität Berlin und dem Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck vergeben.

Stand: 2015-09-26