Dr. Martin Doerry

Deutschland

Journalist, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“

DAAD-Stipendium 1978–1979

Dr. Martin Doerry Martin Doerry


Journalist wollte Martin Doerry schon während seiner Schulzeit werden: „Ich habe bei der Schülerzeitung mitgearbeitet und hatte immer Spaß am Schreiben.“ Deshalb studierte der 1955 geborene Doerry Germanistik und Geschichte an der Universität Tübingen. Ein Stipendium des DAAD führte ihn Ende der 1970er-Jahre an die Universität Zürich: „Das war hoch spannend“, erinnert sich Doerry. Von den dortigen Vorlesungen und Seminaren habe er ebenso profitiert wie „von der wunderbaren Kulturstadt Zürich mit ihrem Musikleben, mit Opernaufführungen und Konzerten.“ Nach dem Ersten Staatsexamen erhielt er ein Promotionsstipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung und promovierte 1985 im Fach Geschichte. Eine Laufbahn als Hochschullehrer zog Doerry jedoch nie in Betracht.

Aufklärung ist das Leitmotiv meiner Arbeit. Es geht nicht darum Stimmungen zu erzeugen, sondern Zusammenhänge zu erklären.
Martin Doerry

Schließlich wollte er immer Journalist werden: „Journalist oder Popstar“, präzisiert Doerry. Denn während seiner Studienzeit spielte er jahrelang Keyboard in einer Band. „Wir haben sogar ein paar Platten gemacht.“ Seine Lehrjahre als Journalist absolvierte er als Reporter im SDR-Studio Karlsruhe, danach wechselte er als Redakteur für den Bereich Bildungspolitik zum Spiegel-Verlag. Ab November 1996 leitete er zusammen mit Dr. Gerhard Spörl das Ressort Deutsche Politik. Zwei Jahre später wurde er zum stellvertretenden Chefredakteur von Deutschlands bekanntestem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ ernannt. In dieser Position, die er bis 2014 inne hatte, hat er das Medium mitgeprägt. Als Autor arbeitet Doerry auch weiterhin für das Nachrichtenmagazin. Wenn es ein Motiv gebe, das ihn schon immer bei seiner Arbeit geleitet habe, dann sei es Aufklärung gewesen, der sich ja auch der Spiegel verpflichtet fühle, sagt Doerry. „Aufklärung, das bedeutet, hinter verschlossene Türen zu blicken. Es geht dabei nicht darum, Stimmungen zu erzeugen, sondern Zusammenhänge zu erklären.“

Der Aufklärung verpflichtet fühlt sich Doerry auch im Hinblick auf die eigene Familiengeschichte: Seine Großmutter Lilli Jahn, eine jüdische Ärztin, wurde 1943/44 von den Nazis deportiert und in Auschwitz umgebracht. Hunderte ihrer Briefe sind jedoch erhalten geblieben. 2002 hat Doerry diese Briefe editiert und unter dem Titel „Mein verwundetes Herz – das Leben der Lilli Jahn“ veröffentlicht. Das Buch wurde inzwischen in 18 Sprachen übersetzt. Lesungen führten Doerry in mehr als 70 Länder.

Die Auseinandersetzung mit dem Schicksal seiner Großmutter war für ihn ein einschneidendes Erlebnis. „Diese Buch hat mein Leben vollkommen verändert“, sagt Martin Doerry. Das Thema ließ ihn folglich nicht los: 2006 veröffentlichte er ein weiteres Buch über die Opfer des Holocaust. Für „Nirgendwo und überall zu Haus“ sprach er mit 24 Überlebenden, darunter bekannte Persönlichkeiten wie Imre Kertész, Ruth Klüger, Ralph Giordano oder Elie Wiesel. „Die letzten Überlebenden des Holocaust und der Vertreibung des europäischen Judentums werden bald verstummt sein. Historiker, Nachgeborene müssen dann berichten. Aber was taugt die Erinnerung aus zweiter Hand?“, fragt Doerry in der Einleitung.

Stand: 2015-10-05