Prof. Dr. Karl Schlögel

Deutschland

Schriftsteller, Historiker, Professor emeritus für Osteuropäische Geschichte

DAAD-Stipendium 1982–1983

Prof. Dr. Karl Schlögel DAAD


Als der damals 34-jährige Historiker Karl Schlögel aus Berlin nach Moskau, in die politische und geistige Hauptstadt der damals noch kommunistischen Weltmacht kam, hatte er soeben seinen Doktor mit einer konventionellen sozialgeschichtlichen Untersuchung über „Widerstandsformen der Arbeiterschaft in der Sowjetunion 1953 – 1980“ gemacht. Mit dem Ortswechsel änderte er zugleich seine Forschung und deren Darstellung, weg von sozialen „Großkollektiven“ und abstrakter Terminologie. Karl Schlögel schrieb das Buch „Moskau lesen“, einen zukunftsweisenden Prototyp seiner erfolgreichen historischen Methode und Erzählweise: Dabei eröffnen „Anlauf- und Anhaltspunkte“ am Schauplatz, im Stadtbild und seiner Architektur, den Blick buchstäblich für das Nebeneinander von Gleichzeitigem und Ungleichzeitigem, für Zerstörung und Erneuerung und die gestaltenden Kräfte hinter den „Fassaden“ von Macht, Kultur und Wirtschaft. Sprichwörtlich sein Buchtitel „Im Raume lesen wir die Zeit“ (2003).

Der Moskau-Aufenthalt war eine große Wende in meinem Leben: Seit dieser Zeit gibt es meine Familie – und aus der Zeit sind zwei für mich zentrale Bücher hervorgegangen.
Karl Schlögel

Diese erkenntnisfördernde „Wendung zum Raum“, der spatial turn, ist die originelle Leistung des Historikers Schlögel, wie einmal ein Laudator rühmte. Sein Meisterwerk „Petersburg. Laboratorium der Moderne 1909–1921“ brachte den akademischen Durchbruch. Er bekam zunächst einen Ruf an die Universität Konstanz, dann 1994 an die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Allemal interessieren Schlögel Themen, bei denen „die Wucht“ oder die Energie der historischen Veränderung sichtbar und greifbar wird. Für diesen „Inhalt“ hat er in „frischer sprachlicher Brillanz“ die passende Darstellungsform gefunden, wie ein älterer Kollege und Förderer bewundernd bemerkte. Für diese Darstellung bekam Schlögel viele Literaturpreise: 2004 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 2006 den Hamburger Lessing-Preis und 2009 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

2010 und 2011 arbeitete er als Stipendiat des Berliner „Wissenschaftskollegs“ an einem Buch mit dem Arbeitstitel „Auf der Wolga – eine russländische Geschichte“ über Geschichte und Geschichten an Russlands wichtigstem Verkehrsweg. Seit den Tagen des Majdan, der Volkserhebung in Kiew 2013, reiste der anerkannte Russlandexperte immer wieder in die Ukraine – für sein im September 2015 erschienenes Buch „Entscheidung in Kiew“.