Juri Andrukhovych

Ukraine

Schriftsteller, Dichter, Essayist, Übersetzer

Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD 2005–2006

Juri  Andrukhovych Susanne Schleyer


Er sei ein „Odysseus-Typ“, sagt Juri Andruchowytsch über sich selbst. Sehr viel unterwegs, aber am Ende kehre er zurück. Einen literarischen Forschungsreisenden nennt ihn das Feuilleton. Ein Thema treibt den ukrainischen Schriftsteller dabei immer wieder um: Europa.

Meine Verteidigungslinie − das bin ich selbst, und ich habe keinen anderen Ausweg, als diesen Streifen, diesen Flecken, diese Flicken zu verteidigen, die nach allen Seiten zerfasern.
Juri Andruchowytsch

In dem um die Jahrtausendwende mit dem polnischen Autor Andrzej Stasiuk verfassten Werk „Mein Europa“ beschreibt er die Vision einer Nationen übergreifenden Gemeinschaft, wie sie in Westeuropa, überlagert vom politischen Alltag und multikulturellen Phrasen, leicht in Vergessenheit gerät. Zentral bei der Beschäftigung mit Europa, das bei Andruchowytsch stets mehr meint als EU, ist die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Land. Der Schriftsteller charakterisiert die Rolle der Ukraine in Europa sehr persönlich. In einem Interview sagte er einmal: „Es ist mein Territorium, meine verdächtige und gering geschätzte Welt, die Wehrmauern rings herum sind längst eingestürzt, die Gräben mit historischem Gerümpel und Kulturschutt, mit zerbrochenem Porzellan, schwarzer Keramik aus Havaretschyna, huzulischen Kacheln aufgefüllt; meine Verteidigungslinie − das bin ich selbst, und ich habe keinen anderen Ausweg, als diesen Streifen, diesen Flecken, diese Flicken zu verteidigen, die nach allen Seiten zerfasern.“

Geprägt vom reichen kulturellen Erbe seiner Heimat einerseits und der jahrzehntelangen politischen Bevormundung durch die Sowjetunion andererseits gilt Andruchowytsch heute als eine der originellsten und bedeutendsten Stimmen der ukrainischen Gegenwartsliteratur, der als kritischer Beobachter der politischen und kriegerischen Konflikte auch in Deutschland geschätzt wird.

Geboren wurde er 1960 in Stanislaus/Iwano-Frankiwsk im westlichsten, galizischen Zipfel der Ukraine. Er studierte Journalismus am Polygrafischen Institut von Lwiw, dem früheren Lemberg. Seinen Wehrdienst bei der Roten Armee verarbeitete Andruchowytsch satirisch in sieben Kurzgeschichten. Erste Gedichte hatte er bereits seit 1982 in verschiedenen Literaturzeitschriften veröffentlicht. Es folgten Essays, Prosastücke und Romane.

Legendär ist seine Performance-Gruppe „Bu-Ba-Bu“, die er 1985 mit Viktor Neborak und Oleksandr Irwanets gründete. Die Silben stehen für Burlesk – Balagan – Buffonada, was soviel wie Burleske – Rummel – Possenreißer, aber auch Wanderzirkus oder Schaubude bedeutet. Neun Jahre lang betrieben die Autoren dabei mit virtuos verspielten Texten eine antitotalitäre, bohemehafte Karnevalisierung der Literatur. Seit Mitte der 1990er-Jahre werden Andruchowyitschs Texte ins Deutsche übersetzt.

Der Autor wurde mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter 2001 mit dem Herder-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung, mit dem kulturelle Leistungen in Osteuropa gewürdigt werden. 2005 erhielt Juri Andruchowytsch den Sonderpreis zum Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück. 2006 bekam er für seinen Roman „Zwölf Ringe“ den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Stand: 2015-09-26