Hugo Hamilton

Irland

Schriftsteller

Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD 2001–2002

Hugo Hamilton DAAD


„Ich hatte zwei Elternteile, die heimatlos waren“, sagt der 1953 in Dublin geborene Schriftsteller Hugo Hamilton. „Mein Vater kämpfte für das alte Irland, das es nicht mehr gab, und meine Mutter hatte Deutschland verlassen. Wir waren fremd in dem Land, in dem wir lebten.“ Zuhause durfte kein Englisch gesprochen werden, nur Irisch und Deutsch waren erlaubt. Die Kinder durften nur mit Kindern spielen, die Irisch sprachen. Dass ihre Mutter aus Deutschland stammte, bekamen sie dabei oft zu spüren: Der ältere Bruder Franz wurde von den anderen Kindern Hitler gerufen. Hugo nannten sie Eichmann. Es blieb nicht bei verbalen Ausfällen. „Ich hatte als Kind wirklich Angst, deutsch zu sein“, erinnert sich Hamilton.

Im Schreiben kann man Klarheit finden. Man kann sein eigenes Land bauen in der Fantasie.
Hugo Hamilton

Das Andersein äußerte sich bereits in der Kleidung: Hamilton und sein Bruder Franz trugen Lederhosen und handgestrickte Aran-Pullover, oben irisch, unten deutsch. Gescheckte Menschen könnte man sagen, eine bunte Mischung. So hat Hamilton denn auch das Buch genannt, in dem er seine Kindheit aufgearbeitet hat: „Gescheckte Menschen“ ist 2004 in deutscher Übersetzung erschienen. Ein von der Kritik hochgelobtes Werk, das vor allem für sich einnimmt, weil aus der Kinderperspektive erzählt wird. Die Zerrissenheit seiner Familie begleitet Hamilton sein Leben lang. Nicht umsonst bezeichnet er Berlin als seine Lieblingsstadt. „Das Geteilte war mir ähnlich“, erklärt er seine Affinität zur deutschen Hauptstadt, die er Mitte der 1970er-Jahre zum ersten Mal besuchte.

2002 war er im Rahmen eines DAAD-Stipendiums wieder in Berlin und nutze die Zeit, um das Buch über seine Kindheit fertig zu schreiben. Die Geschichte seiner Mutter hat er bereits in Romanen verarbeitet. Ganz so, als würde ihn die früh erfahrene Heimatlosigkeit immer aufs Neue umtreiben. „Im Schreiben kann man Klarheit finden. Man kann sein eigenes Land bauen in der Fantasie“, sagt Hamilton und sieht sich damit in der Tradition der irischen Literatur: „Die Iren wollten immer Geschichten erzählen, sie wollten sich behaupten, und die Fantasie war die einzige Erlösung aus der Armut.“ Hamiltons persönliche Erlösungssuche geht weiter: Ein Drehbuch über die Geschichte einer deutschen Jüdin in den 1930er-Jahren half ihm, sich mit den antisemitischen Positionen seines Vaters auseinanderzusetzen.

Hugo Hamilton lebt mit seiner Familie in Dublin und feierte im Oktober 2011 im Dubliner „Gate Theatre“ mit einer eigenen Bearbeitung von „Gescheckte Menschen“ sein Debüt als Dramatiker. Im Jahr 2014 wurde dort auch sein Stück „The Mariner“ uraufgeführt. Auch als Romancier setzt er seine Karriere fort: 2011 erschien im Luchterhand Literaturverlag „Der irische Freund“, 2014 „Jede einzelne Minute“. Dabei gilt ihm Berlin immer noch als Ort der Inspiration: Hugo Hamilton kehrt regelmäßig in die deutsche Hauptstadt zurück und fühlt sich in seiner Schöneberger Wohnung „sehr zu Hause“, wie er in einem Artikel des „Tagesspiegel“ bekannte. Dabei leistet er mit seinen Werken immer wieder einen Beitrag zum deutsch-irischen Verständnis – und wurde dafür im Herbst 2014 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 

Stand: 2015-09-15