Imre Kertész

Ungarn

Schriftsteller, Nobelpreis für Literatur 2002

Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD 1993

Imre Kertész	DAAD


Imre Kertész hat lange warten müssen, bis sein Buch „Sorstalanság“, an dem er über ein Jahrzehnt geschrieben hatte, literarische Beachtung fand. Erst als es 1995 in einer deutschen Neuübersetzung als „Roman eines Schicksallosen“ erschien, gelang dem Budapester der internationale Durchbruch. Es zählt seitdem zu den wichtigsten Werken der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Sieben Jahre später erhielt der Ungar den Nobelpreis für Literatur – „für ein schriftstellerisches Werk, das die zerbrechliche Erfahrung des Einzelnen gegenüber der barbarischen Willkür der Geschichte behauptet.“ Zu dem Zeitpunkt war Imre Kertész Fellow des Wissenschaftskollegs in Berlin. Die Stadt ist ihm bekannt. Bereits 1993 verbrachte er einige Monate dort als Gast im Berliner Künstlerprogramm des DAAD.

Der Holocaust ist ein Zustand, der noch nicht zu Ende ist.
Imre Kertész

Alle Werke des ungarischen Literaten kreisen um das Thema Holocaust. „Der Holocaust ist ein Zustand, der noch nicht zu Ende ist. Ich spüre ihn überall. Es gibt keine Katharsis. Den Holocaust kann man nicht verarbeiten.“ Als 15-Jähriger wurde Imre Kertész nach Auschwitz deportiert, 1945 erlebte er die Befreiung in Buchenwald: „Als Kind hat man Vertrauen in das Leben, aber wenn etwas wie Auschwitz passiert, bricht alles zusammen.“ Im „Roman eines Schicksallosen“ schildert der Autor, Journalist und Übersetzer die Leiden im Konzentrationslager aus der Sicht des jüdischen Jungen György Köves. Naivität und Unverständnis, dabei aber schonungslose Offenheit und unausweichlicher Schicksalsweg charakterisieren seine Erzählung. Zusammen mit den beiden nachfolgenden Werken „Fiasko“ und „Kaddisch für ein nichtgeborenes Kind“ bildet der Roman eine „Trilogie der Schicksallosigkeit“. Weitere Bücher sind „Galeerentagebuch“ und „Ich – ein anderer“. Im September 2003 erschien der Roman „Liquidation“ des Thomas-Mann-Verehrers, ein letzter Blick auf den Holocaust, in ungarischer Umgebung nach der Wende. 2004 folgte die „Detektivgeschichte“. Seine letzte Veröffentlichung erschien trotz seiner Erkrankung an Parkinson 2015: „Letzte Einkehr. Ein Tagebuchroman“.

2005 wurde Kertész die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin verliehen. In Berlin befinden sich auch seit 2012 die Manuskripte zahlreicher Romane, Essays und Reden, sowie die Korrespondenz des Schriftstellers – im Imre-Kertész-Archiv der Berliner Akademie der Künste.

Imre Kertész starb 2016 im Alter von 86 Jahren. Kulturstaatsministerin Monika Grütters würdigte ihn als „wirkmächtigen Essayisten“ und „stillen Mahner“: Durch sein Werk habe Imre Kertész einen neuen Ton in die Erinnerung an die dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte gebracht.

Stand: 2016-03-31