Dr. Geissly Kernisan

Haiti

Mediziner, stellvertretender Leiter der chirurgischen Abteilung, Universitäts-Klinik Port au Prince

DAAD-Stipendium 1974–1975, DAAD-Stipendium 1990, DAAD-Stipendium 2000

Dr. Geissly Kernisan DAAD


In einem Land wie Haiti als Arzt zu arbeiten, ist nicht einfach: Der Inselstaat zählt zu den 50 ärmsten Ländern der Welt. Politische Unruhen gehören fast schon zur Tagesordnung. Das ist auch in den Krankenhäusern zu spüren: „Oft kann man bei Kundgebungen nicht einmal auf die Straße gehen“, sagt Geissly Kernisan, stellvertretender Leiter der chirurgischen Abteilung der Uni-Klinik Port au Prince. „Außerdem müssen wir viele Schussverletzungen behandeln.“

Mein Aufenthalt in Deutschland war eine der besten Zeiten meines Lebens überhaupt.
Geissly Kernisan

Dennoch bereut es der 1946 in Leogante geborene Geissly Kernisan nicht, Arzt geworden zu sein – er erfüllte sich damit einen Kindheitstraum. Vor allem die Chirurgie reizte ihn: Er wollte Menschen nicht nur mit Medikamenten, sondern auch mit den eigenen Händen gesund machen. Nach seinem Medizinstudium begann er eine Ausbildung zum Facharzt. In Haiti dauert das drei Jahre. „Ich fand das nicht ausreichend und wollte eine umfassende Ausbildung“, sagt er. Und diese führte ihn 1974 mit einem DAAD-Stipendium nach Hamburg. Vier Jahre hatte er bei der Deutsch-Haitianischen Kulturgesellschaft einen Sprachkurs besucht, ehe er sich für das Stipendium bewarb. Im November 1974 flog er nach Blaubeuren für einen weiteren Intensivsprachkurs am Goethe-Institut.

Im März 1975 begann Geissly Kernisan als Gastarzt in der Asklepios Klinik Barmbek zu arbeiten. Er assistierte bei der täglichen Stationsarbeit und bei Operationen. „Als ich in Hamburg ankam und im Krankenhaus anfing, konnte ich zwar schon selbständig operieren. Ich habe mich jedoch zuerst wie ein Anfänger verhalten, um deutsche Techniken zu lernen.“ Erst nach neun Monaten nahm er bei einer Leistenbruch-Operation selbst das Skalpell in die Hand. Nach einem Jahr lief sein Stipendium aus, doch er hatte Glück: Er bekam eine Stelle als Vollassistenzarzt und konnte seine Facharzt-Ausbildung beginnen. 1982 erhielt er die Anerkennungsurkunde als Chirurg, ein Jahr später kehrte er nach Haiti zurück.

„Mein Aufenthalt in Deutschland war eine der besten Zeiten meines Lebens überhaupt“, erinnert sich Geissly Kernisan. „Orte, wie der Hamburger Stadtpark, wo ich oft spazieren gegangen bin, der damalige Fernsehturm, der Hamburger Hafen – sie bleiben immer noch in meinem Gedanken.“ Er hat viele gute Freunde gefunden.

Mit weiteren Stipendien des DAAD konnte er seine Kenntnisse in Deutschland vertiefen. So auch von November 2007 bis Januar 2008 als er am Klinikum Salzgitter sich mit der Laparoskopischen Chirurgie vertraut machte. Damit können Chirurgen schonend mit minimalen Schnitten und mit Hilfe einer Kamera in der Bauchhöhle operieren, etwa bei einer Gallenblasenentfernung. Doch solche Instrumente sind teuer. Kernisan möchte sie auch gerne in Haiti einsetzen – und arbeitet weiter daran, die medizinischen Standards in seiner Heimat zu verbessern.

Stand: 2015-09-10