George Tabori

Ungarn

Bühnenautor und Regisseur

Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD 1971–1972

George Tabori DAAD


Seine hagere, gebückte Gestalt mit dem weißen Schopf war lange Zeit aus Berlin-Mitte nicht mehr wegzudenken. Am häufigsten begegnete man dem ungarischen Dramatiker George Tabori am Schiffbauerdamm, denn dort, am „Berliner Ensemble“, dem früheren Brecht-Theater, war sein eigentliches Zuhause. Hier inszenierte er seit den Neunzigerjahren seine eigenen und viele andere Stücke der Weltliteratur.

Das Theater ist die einzige Heimat.
George Tabori

In Deutschland zu leben, erschien Tabori dabei viele Jahre seines Lebens nicht gerade erstrebenswert. Er wurde als Sohn einer ungarisch-jüdischen Familie 1914 in Budapest geboren und emigrierte 1936 nach London. Sein Vater, ein Journalist, wurde 1944 in Auschwitz von den Nazis ermordet, seine Mutter entkam nur durch Zufall den Todesschergen. Tabori lebte in zwölf Ländern, darunter in der Türkei, Israel und Ägypten. 1947 ging er nach Amerika und schrieb dort Filmdrehbücher unter anderem für Alfred Hitchcock. In Hollywood traf er Bert Brecht, den er ins Englische übersetzte, und schrieb bald darauf sein erstes Bühnenstück für den Broadway. Der Dramatiker, der über dreißig Theaterstücke verfasst hat – alle in englischer Sprache – widmete sich mit seinem schwarzen Humor den heikelsten Themen und brach immer wieder Tabus.

Aufsehen erregten seine Stücke, in denen er die Nazizeit auf die Bühne brachte, so die Hitler-Farce „Mein Kampf“ (1987). Das Auschwitz-Stück „Die Kannibalen“ war 1968 in Deutschland ein großer Erfolg, danach inszenierte Tabori an verschiedenen deutschen Bühnen und übersiedelte als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD 1971 ganz nach Deutschland. Später ging er nach Österreich, wo er von 1987 bis 1990 das Wiener Theater „Der Kreis“ leitete. Der „ungarische Jude mit englischem Pass, der zusammen mit seiner deutschen Frau deutsche Themen für ein deutsches Publikum inszeniert“ – so bezeichnete ihn die Jury, die ihm 1992 den Büchner-Preis verlieh – war mit der Rückkehr nach Berlin auch zu seinen Ursprüngen, zu Bert Brecht, zurückgekehrt. Im Interview mit einer großen deutschen Tageszeitung sagte Tabori, der sein Leben lang wie ein Heimatloser auf Wanderschaft war, kurz vor seinem 90. Geburtstag: „Vielleicht ist das Theater die einzige Heimat.“ Anlässlich seines runden Geburtstages wurden im Jahre 2004 mehrere seiner Werke auf Deutsch herausgegeben.

George Tabori starb am 23. Juli 2007 im Alter von 93 Jahren in Berlin. Seit 2010 wird zu seiner Erinnerung jährlich vom Fonds Darstellende Künste e.V. der George-Tabori-Preis an bundesweit „herausragende Ensembles Freier professioneller Theater- und Tanzschaffender“ verliehen.

Stand: 2015-09-26