David Toscana

Mexiko

Schriftsteller

Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD 2003–2004

David Toscana DAAD


Eine Kleinstadt mitten in der mexikanischen Wüste. Sie hat eine Bibliothek, doch niemand interessiert sich für ihre Bücher. Einziger Leser ist der Bibliothekar selbst, der die Welt allein durch die Brille der Literatur wahrnimmt. Als ein Mädchen tot aufgefunden wird, fügt er Elemente aus Romanen zum Puzzle einer Kriminalgeschichte und führt so die Polizei zielsicher zum Mörder. Entstanden ist David Toscanas Roman „El ultimo lector“ (Der letzte Leser) während seines einjährigen Aufenthalts in Berlin.

Ich habe beim Schreiben die direkte Lebenserfahrung immer im Bewusstsein.
David Toscana

Wie seine Romanfigur hat er sich in dieser Zeit einen Teil der Welt über Medien, speziell über Bücher erschlossen. „Ich habe die meiste Zeit zu Hause mit Lesen und Schreiben verbracht“, berichtet Toscana. Von der Stadt mit ihrem reichen kulturellen Leben hätte er gerne noch mehr mitbekommen. „Aber das Beste an solch einem Stipendium ist ohnehin, dass man nicht raus muss, um anderweitig Geld zu verdienen, sondern sich auf die literarische Arbeit konzentrieren kann.“ Genossen hat er auch die Lesungen. „Berlin ist ein guter Ort für Schriftsteller, weil es hier viele und aufmerksame Leser und Zuhörer gibt, auch wenn man mehr als eine Stunde vorliest“, sagt der Schriftsteller.

Das Wechselspiel von realer Lebenswelt und Fiktion ist ein Leitthema von Toscanas Erzählungen und Romanen, der mit „Endstation Tula“ 1995 den Sprung in die mexikanischen Beststellerlisten und damit auch nach Europa und in die USA schaffte. Seine Protagonisten handeln weder mit Logik noch mit Vernunft, und ihr Leben scheint sich einzig in der Vorstellung abzuspielen. Dennoch gibt es einen vielschichtigen Austausch zwischen Leben und Fiktion. „Ich habe beim Schreiben die direkte Lebenserfahrung immer im Bewusstsein“, betont der Diplomingenieur. Seine Erzähltechnik bezeichnet Toscana als „haltlosen Realismus“ (realismo desquiciado), der sich vom magischen Realismus lossagt. In den 1990er-Jahren gehörte Toscana zu einer Gruppe „junger Wilder“ Mexikos, die die Überzeugung einte, dass man des Magischen nicht bedürfe, um die Welt zu erklären.

Heute lebt und arbeitet der Schriftsteller in Monterrey und Warschau. In „ La ciudad que el diablo se llevó“ (2012) erzählt Toscana im ironischen Tonfall die Geschichte von vier Freunden, die versuchen, sich 1945 in der polnischen Hauptstadt mit dem Verkauf von Raubgut durchzuschlagen.

Stand: 2015-09-14