Cécile Wajsbrot

Frankreich

Schriftstellerin

Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD 2007, Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur 2014–2015

Cécile Wajsbrot DAAD


Ihre Großmutter sprach Jiddisch. Da die Sprache der osteuropäischen Juden dem Deutschen sehr ähnlich ist und Cécile Wajsbrot ihre Großmutter besser verstehen wollte, lernte die Französin in der Schule Deutsch. Doch lange Zeit mit zwiespältigen Gefühlen. Für sie war es die Sprache der Nationalsozialisten, die ihrer Familie Leid und Tod gebracht hatten. Heute spricht sie fließend Deutsch und wohnt abwechselnd in Paris und Berlin. In Berlin war die Schriftstellerin 2007 ein Jahr lang Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

In Berlins Straßen spricht die Geschichte zu uns.
Cécile Wajsbrot

Cécile Wajsbrots Leben wie auch ihre Werke sind geprägt von der schmerzhaften Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte. Geboren wurde sie 1954 in Paris, wohin ihre polnischen Großeltern bereits Anfang der 30er Jahre ausgewandert waren. Nach der Besetzung der französischen Hauptstadt durch die Nazis 1940 wurde ihr Großvater ein Jahr darauf in ein Lager verschleppt und später in Auschwitz ermordet. Cécile Wajsbrots Großmutter und ihre damals 10-jährige Mutter überlebten in wechselnden Verstecken. Auch die Familie ihres Vaters, ebenfalls polnischer Emigrant, wurde Opfer der Nazis.

Cécile Wajsbrot studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, arbeitete acht Jahre als Französischlehrerin an einem Gymnasium, danach als Literaturredakteurin für Zeitungen und Rundfunk. 1982 veröffentlichte sie ihren ersten Roman („Une vie à soi“) und seitdem viele weitere, in denen sie sich vor allem mit den gravierenden Folgen der Nazi-Vergangenheit für ihre Generation auseinandersetzt. In ihrem Roman „Mémorial“ (deutsch „Aus einer Nacht“, 2008) reist eine junge Frau von Paris nach Polen, um Spuren ihrer Familie zu suchen. „Meine Eltern haben nur wenig über ihre Herkunft und die Verfolgung in der Nazizeit gesprochen“, erinnert sich Cécile Wajsbrot. „Aber für uns aus der zweiten Generation existiert die Vergangenheit weiter.“

Berlin – für sie lange Zeit die Hauptstadt des Dritten Reiches – konnte sie sich erst nach dem Fall der Mauer annähern. Dann aber um so intensiver: Im Jahr 2000 entstand während eines mehrwöchigen Aufenthalts ihr Berlin-Roman „Caspar-Friedrich-Strasse“ (deutsch „Mann und Frau den Mond betrachtend“), in dem sie Geschichte und Gegenwart der Stadt beleuchtet. 2012 erschien auf Deutsch Ihr Roman „Die Köpfe der Hydra“ in einem Berliner Verlag. Cécile Wajsbrot erklärt ihre Faszination für Berlin so: Während sie in Paris die sichtbare Auseinandersetzung mit der Nazizeit vermisst, begegnet sie ihr in Berlin auf Schritt und Tritt. „Ob durch Mahnmale, Gedenktafeln, Stolpersteine – in den Straßen Berlins spricht die Geschichte zu uns.“

Stand: 2015-09-08