Wiedereinstieg mit dem Refugee Teachers Program an der Universität Potsdam

Karla Fritze

Das Pilotprojekt ist eine Erfolgsgeschichte und wird nach drei Jahren Laufzeit weiter fortgesetzt.

Zur Programentstehung
Die Anfänge des Pilotprojekts liegen im Jahr 2015, als viele Geflüchtete nach Brandenburg kamen. Für die Lehrer/innen-Bildung an der Universität Potsdam stand schnell fest, dass auch sie etwas tun will, um die gesellschaftliche Teilhabe von geflüchteten Menschen zu unterstützen. Der Ausgangspunkt des Projektes war die Überlegung, dass es unter den geflüchteten Menschen auch Lehrkräfte geben muss, die im Herkunftsland Kinder und Jugendliche unterrichtet haben. Gefördert wurde das Projekt durch Mittel des Brandenburger Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWFK) und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD).

Starke Nachfrage nach dem Programm
Von Beginn an erfuhr das Programm eine hohe Resonanz. Auf die erste Bekanntmachung des Pilotprojektes im März 2016 hatten sich rund 640 Lehrkräfte aus dem gesamten Bundesgebiet beworben. Auch in den darauffolgenden Durchgängen überstieg die Nachfrage nach dem Programm beim Weitem das Angebot. Insgesamt durchliefen bisher ca. 140 geflüchtete Lehrkräfte das Programm, von denen ca. 60 das Programm bereits erfolgreich abgeschlossen haben. Mit dem Refugee Teachers Program wurde ein universitäres Qualifizierungsprogramm für neu angekommene geflüchtete Lehrer/innen ins Leben gerufen, um sie beim Wiedereinstieg in den Lehrerberuf in Deutschland zu unterstützen.

Weitere Informationen

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Hagenguth/DAAD

  • Weitere Informationen erhalten Sie  auf der Website der Universität Potsdam.

Konzept des Programms
Um die ausgewählten geflüchteten Lehrkräfte auf einen Einstieg in Schulsystem vorzubereiten, nahmen sie in einem kompakten Zeitraum von 1,5 Jahren an Deutschkursen und akademischen Veranstaltungen teil. In einem ersten Schritt erhielten die geflüchteten Lehrkräfte einen Intensivkurs in der deutschen Sprache. Das Ziel der Sprachausbildung ist das Niveau C1, das am Ende des dritten Semesters erreicht werden soll. Im zweiten Schritt besuchten die geflüchteten Lehrkräfte ausgewählte reguläre Seminare in Schulpädagogik und Fachdidaktik gemeinsam mit Lehramtsstudierenden der Universität Potsdam. Das Programm beinhaltete zudem ein semesterbegleitendes Schulpraktikum, mit welchem Einblicke in das Brandenburger Schulsystem sowie ein Austausch mit erfahrenen Lehrkräften ermöglicht werden. Nach erfolgreicher Qualifizierung bekommen die geflüchteten Lehrer/innen eine befristete Anstellung als Assistenzlehrkräfte oder pädagogische Unterrichtshilfe an staatlichen Schulen im Land Brandenburg. Mit diesem Schritt wird der Zielgruppe geholfen, im schulischen Berufsfeld Fuß zu fassen. Mittlerweile sind ca. 40 der Absolvent/innen des Programms an Schulen als Assistenzlehrkräfte oder pädagogisches Personal beschäftigt.

Innovative Wege gehen in der Lehrer/innen-Bildung
Mit dem Refugee Teachers Program beschritt die Universität Potsdam einen neuen und mutigen Weg, schließlich gab es zum Projektbeginn keine anderen etablierten Programme, die den Zugang zum Berufsfeld Lehramt an Schulen für Lehrer/innen mit ausländischer Berufsqualifikation fördern. Geflüchtete Lehrkräfte, aber auch andere Lehrkräfte mit einer im Ausland erworbenen Lehramtsqualifikation haben es in Deutschland sehr schwer, in ihren ursprünglichen Beruf zurückzukehren. Dies liegt daran, dass sie ihre Abschlüsse und Berufserfahrungen kaum anerkannt bekommen. Da sie meist nur ein Fach studiert und kein Referendariat durchlaufen haben, liegt bei ihnen keine formale Lehrbefähigung nach Maßstäben der deutschen Lehrer/innen-Ausbildung vor. Zudem sind bundesweit vorwiegend Sprachkenntnisse auf dem C2-Nievau nachzuweisen, um im Schuldienst tätig werden zu können. Entsprechende Ausgleichsangebote oder berufsbezogene Sprachangebote sind allerdings kaum vorhanden.

Das Refugee Teachers Program zieht positive Bilanz
Das Programm blickt auf eine erkenntnisreiche dreijährige Projektzeit zurück und kann eine positive Bilanz ziehen: Für die geflüchteten Lehrkräfte mit prekären Lebensgeschichten stellt die Teilnahme am Refugee Teachers Program eine Herausforderung dar. Daher ist die Tatsache bemerkenswert, dass die Teilnehmer/innen hochmotiviert bleiben und das akademisch anspruchsvolle Angebot zur Erweiterung ihrer beruflichen Qualifikation erfolgreich zu Ende absolvieren. Sie wollen an ihre bisherige Berufsbiografie anknüpfen und wissen, dass das Programm ihnen eine einmalige Chance bietet, einen Einstieg in die Schule in Deutschland zu finden, die sie ohne dieses Programm nicht hätten. Die geflüchteten Lehrkräfte schätzen, dass sie ihre Sprach- und Fachkenntnisse verbessern konnten sowie einen ersten Einblick in den schulischen Berufsalltag mit seinen institutionellen und organisatorischen Voraussetzungen erhalten haben.

Die Schulen wiederum loben oft die Art, wie sich die geflüchteten Lehrkräfte in das Lehrerkollegium einbringen. Sie bringen eine Sensibilität in die Schulen mit, die anderen Lehrer/innen hilft, Lebensrealitäten von geflüchteten Schüler/innen und ihren Familien besser zu verstehen, was sich sicherlich positiv auf Bildungsprozesse dieser Schüler/innengruppe auswirkt. Oft verstehen sie sich als Brückenbauer zwischen zugewanderten Schüler/innen, ihren Eltern und der Institution Schule und engagieren sich in der mehrsprachigen Beratung der Familien zu allen Fragen der Beschulung. Die Kolleg/innen an den Schulen werden dadurch unterstützt und entlastet. Gleichzeitig werden die geflüchteten Lehrkräfte als mitgestaltende Fachlehrkräfte wahrgenommen und im Regelunterricht eingesetzt. Ihre Wissens- und Erfahrungsexpertise trägt zur Schließung der vorhandenen Lücken bei der Lehrkräfteversorgung und damit zum Gelingen des schulischen Lernens bei. Mit der Projektarbeit konnte auch eine Breitenwirkung erreicht werden, denn auch andere Universitäten haben das Modell adaptiert und haben ähnliche Programme für geflüchtete Lehrkräfte gestartet.

Berufliche Perspektiven sichern
Arbeit ist der beste Weg zur Teilhabe in der neuen Gesellschaft, weshalb es in der Zukunft zu klären bleibt, welche gesicherten und langfristigen Berufsperspektiven in der Schule im Anschluss an das Programm für diese Zielgruppe geschaffen werden können. Da die Universität nicht für Einstellungen in den Schuldienst oder Anerkennungen zuständig ist, können diese Fragen nur in Kooperation mit der brandenburgischen Bildungspolitik geklärt werden.

Refugee Teachers Program geht in die zweite Runde
Aufgrund der positiven Resonanz wird das Programm ab April 2019 fortgesetzt. Auf Grundlage der Ergebnisse einer begleitenden Projektevaluation wurde das Programmkonzept erweitert. Neu ist, dass Praxisaufenthalte in Schulen, begleitet durch pädagogische Seminare wesentlich mehr in den Fokus rücken. So werden die Teilnehmenden zwei Praktika statt bisher ein Schulpraktikum absolvieren und zusätzlich an begleiteten Schulexkursionen teilnehmen. Zudem wird ein Seminar angeboten, in dem eine Auseinandersetzung mit migrationspädagogischen Aspekten stattfindet, die zu einer Sensibilisierung gegenüber Vielfalt führt. Die Deutschkurse werden auf die spezifischen Anforderungen des Lehrerberufes angepasst. Mit einem persönlichen Beratungsangebot wird sichergestellt, dass den Teilnehmenden eine kontinuierliche Ansprechperson zur Verfügung steht, die sie in Fragen rund um das Programm sowie hinsichtlich beruflicher Schritte, Nachqualifizierung und der Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen berät.

Ansprechpartner

Dr. Anna Aleksandra Wojciechowicz
Wissenschaftliche Projektkoordination im Refugee Teachers Program
Universität Potsdam
E-Mail: wojciechowicz@uni-potsdam.de