Vielsprachigkeit trägt zum wissenschaftlichen Fortschritt bei

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Der DAAD unterstützt die Mehrsprachigkeit und das Erlernen des Deutschen vor allem durch vorbereitende und durch stipendienbegleitende Kurs-Angebote für Stipendiatinnen und Stipendiaten. 

Der Wissenschaftsbetrieb tendiert zur Anglisierung. Welchen Einfluss hat das auf Forschungs- und Lernerfolge an deutschen Hochschulen? Welche Rolle spielt ein Fach wie Deutsch als Fremdsprache bei diesem Prozess? Das beleuchtet der dritte Teil der Serie „Mehrsprachigkeit und deutsche Sprache“. 

„Wenn fünf Forschende mit jeweils unterschiedlichen Spracherwerbsbiografien bei einer Konferenz aufeinandertreffen und die einzige verbindende Sprache Englisch ist, dann sprechen sie Englisch, und das ist auch gut so. Kommunizieren aber deutschsprachige Dozierende in einem Fachseminar mit deutschsprachigen Studierenden auf Englisch, wird mit Sicherheit Erkenntnisgewinn verschenkt, da sich alle Anwesenden in ihrer Muttersprache differenzierter ausdrücken könnten“, sagt Dr. Dietmar Rösler, Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Vorsitzender des Beirats Germanistik des DAAD.

Diese beiden Beispiele verdeutlichen für ihn anschaulich den Balanceakt, den Hochschulen hierzulande in puncto Mehrsprachigkeit erbringen müssen: keine gegensätzliche Position Englisch versus Deutsch aufzubauen. Es gäbe durchaus funktionale Gründe, warum die Verwendung von Englisch als Lingua franca im Wissenschaftsbetrieb berechtigt sei, so Rösler. Aber daraus dürfe man nicht schließen, dass Lehre und Forschung an deutschen Universitäten automatisch verstärkt auf Englisch ablaufen sollten. „Die Internationalisierung erfordert von uns Lehrenden und Forschenden zwar, souverän mit dem Englischen umzugehen, um international mithalten zu können. Aber dennoch müssen wir bei Studiengängen und Forschungskooperationen genau hinschauen, wo in der multilateralen Zusammenarbeit andere Sprachen wichtiger sind.“ So sinnvoll Englisch als Lingua franca in bestimmten Situationen sei, müsse man sich doch die damit einhergehenden möglichen Verluste bewusst machen. Für Rösler ist unumstritten: Viele Sprachen tragen zum wissenschaftlichen Fortschritt bei.

Vielsprachigkeit trägt zum wissenschaftlichen Fortschritt bei

Rolf Wegst

Dr. Dietmar Rösler ist Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Deutsch als Fremdsprache – eine wichtige Stütze
Auch das Fach Deutsch als Fremdsprache (DaF) leistet laut Rösler zu diesem Fortschritt einen Beitrag. DaF sorgt unter anderem dafür, dass auswärtige Forscherinnen und Forscher in Kooperationsprojekten mit deutschsprachigen Universitäten möglichst gut mit der deutschen Sprache und Kultur umgehen können. Das Fachgebiet DaF an der Justus-Liebig-Universität Gießen geht dafür schon seit Ende der 1990er Jahre innovative Wege und bindet beispielsweise digitale Methoden in die Ausbildung von Deutschlehrkräften ein. 

Kompetenzüberschätzung, Wunschsprache und Lebenswirklichkeit
Ein wichtiger Grund, sich nicht nur auf Englisch zu fokussieren, seien auch die Hintergründe und Beweggründe der international Studierenden, so Rösler: Nicht alle brächten automatisch eine hohe Kompetenz in der englischen Sprache mit, was aber häufig stillschweigend angenommen werde. Außerdem gebe es laut Rösler immer noch eine Vielzahl Studierender, die an deutsche Universitäten kommen, gerade weil sie die deutsche Sprache lernen oder vertiefen möchten. Diese internationalen Studierenden seien oft überrascht, wenn sie an hiesigen Universitäten viele englische Fachartikel lesen müssten. Hinzukommt für Rösler, und das habe auch die Corona-Pandemie deutlich gezeigt: Studieren bedeutet nicht nur, Fachliteratur durchzuarbeiten, sondern auch, mit den Menschen zu sprechen, sich mit Behörden auseinanderzusetzen, auf Partys zu gehen, sich zu verlieben – kurz: in der neuen Sprache zu leben. „Selbst wenn eine deutsche Hochschule rein englischsprachige Studiengänge anbietet, muss sie dafür sorgen, dass die international Studierenden Deutsch lernen und sich mit deutscher Sprache sowie Kultur auseinandersetzen.“ 

Vielfältige Unterstützung beim Spracherwerb
Dies bestätigt auch Dr. Isabell Deml vom Referat Förderung Germanistik beim DAAD: „In einer gemeinsamen Studie des Bayerischen Staatsinstituts für Hochschulforschung und Hochschulplanung (IHF), der FernUniversität Hagen und des DAAD wurde 2018 untersucht, welche Faktoren zum Studienerfolg und zum Studienabbruch bei ausländischen Studierenden beitragen. Je besser die landessprachlichen Fähigkeiten sind, desto höher sind die Chancen für ein erfolgreiches Studium.“ Der DAAD unterstützt daher das Erlernen der deutschen Sprache vor allem durch vorbereitende wie auch stipendienbegleitende Sprachkurs-Angebote für Stipendiatinnen und Stipendiaten – unabhängig davon, ob Studierende für einen deutsch- oder einen englischsprachigen Studiengang nach Deutschland kommen. 

Vielsprachigkeit trägt zum wissenschaftlichen Fortschritt bei

DAAD

Dr. Isabell Deml ist beim DAAD für strategische Fragen der Deutsch- und Germanistikförderung zuständig. 

Innovative Qualifikation der Lehrkräfte
Blickt man auf die Ausbildung deutschsprachiger Lehrkräfte im Ausland, lässt sich die Qualität Prof. Dr. Rösler zufolge noch verbessern: In manchen Teilen der Welt gibt es keine spezifische Ausbildung für Fremdsprachenlehrerinnen und -lehrer, so der DaF-Experte. Die angehenden Lehrkräfte lernten Germanistik, und dann heiße es oft: „Jetzt unterrichtet mal.“ Zudem werden die Lehrenden häufig schlecht bezahlt und müssen noch weitere Jobs annehmen. Um die Qualität der Germanistik und von Deutsch als Fremdsprache im Ausland zu heben, bietet der DAAD viel Unterstützung: ein Lektorenprogramm, bei dem rund 500 Lektorinnen und Lektoren aus der Bundesrepublik die deutsche Sprache an Hochschulen weltweit vermitteln, die Förderung von DaF-Studiengängen an deutschen Hochschulen im Ausland, die zur Qualifizierung von Deutschlehrkräften beiträgt und auch deren Mangel entgegenwirkt, oder die Förderung bi-nationaler Studiengänge. 

Ein noch relativ neues Angebot des DAAD ist das Programm Dhoch3, eine kostenlose Online-Lernplattform, die sowohl Materialien für die Ausbildung von Lehrkräften an ausländischen Hochschulen zur Verfügung stellt als auch Unterlagen, die Lehrerinnen und Lehrer nach Abschluss im Unterricht verwenden können. Aus Sicht von Rösler eine tolle Leistung: „Dafür hat der DAAD DaF-Professorinnen sowie -Professoren aus Deutschland an einen Tisch geholt und gefragt, welche Themen gebraucht werden. Diese hat der DAAD dann als Module in Kooperation mit den deutschen Hochschulen erstellt.“ Mit seiner Kollegin Prof. Dr. Nicola Würffel aus Leipzig hat Rösler selbst das Modul zu Methoden und Prinzipien des Fremdsprachenlernens erarbeitet und in der Erprobungsphase mit Universitäten in Vietnam und Belarus getestet. Deml ergänzt: „Das Besondere an Dhoch3 ist die praxisnahe Ausrichtung der Inhalte. Die Module berücksichtigen das wachsende Interesse an Deutsch im berufsbezogenen Kontext und die steigende Nachfrage nach studienbegleitendem Deutschunterricht.“

Internationalisierungsstrategie muss Mehrsprachigkeit berücksichtigen
Neben all diesen externen Förderangeboten ist für Rösler aber auch entscheidend, wie sich eine Universität intern in puncto Internationalisierung und Sprachenpolitik positioniert. Die Justus-Liebig-Universität Gießen beispielsweise hat in Abstimmung mit allen Fakultäten 2016 einen Zehnjahresplan zur Internationalisierung erstellt, nach dem sie so vorgehen will: erstens die Wissenschaftskommunikation durch die Stärkung von Deutsch als Fremdsprache unterstützen, zweitens die Englischkompetenz bei Forschenden und bei internationalen Kooperationen fördern und drittens die Mehrsprachigkeit in Forschungskooperationen sowie bi-nationalen Studiengängen ausbauen. Dazu Rösler: „Dass alle drei Aspekte gleichwertig nebeneinanderstehen, ist aus meiner Sicht der richtige Ansatz, um eine gute Balance zwischen einer gewünschten Sprachenvielfalt und der Verwendung von Englisch als Lingua franca in der Wissenschaft hinzubekommen.“

Astrid Hopp (24. August 2021)