Chancen und Risiken wissenschaftlicher Kooperationen abwägen

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„Keine roten Linien“: So heißt der neue Kompass des DAAD-Kompetenzzentrums Internationale Wissenschaftskooperationen (KIWi). DAAD-Präsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee und Dr. Julia Linder vom KIWi erläutern im Gespräch, warum internationale Kooperationen differenziert betrachtet werden müssen und welche Hilfestellung der KIWi Kompass bietet.

Herr Prof. Dr. Mukherjee, warum hat der DAAD den KIWi Kompass „Keine roten Linien“ als Orientierungs- und Entscheidungshilfe für deutsche Hochschulen veröffentlicht?
Das Themenfeld Risiko- und Sicherheitsmanagement in wissenschaftlichen Kooperationen gewinnt im deutschen Wissenschaftssystem zunehmend an Bedeutung und wird intensiv diskutiert. Nachdem der Wissenschaftsrat im Juli 2018 in seiner Empfehlung zur Internationalisierung von Hochschulen eine Beratungsstelle angeregt hatte, die wissenschaftliche Institutionen über die Ausgestaltung von Kooperationsverträgen, wissenschaftsspezifische Risiken und forschungsrelevante Rechtsfragen umfassend informieren soll, errichtete der DAAD das Kompetenzzentrum Internationale Wissenschaftskooperationen, kurz KIWi. Der vorliegende KIWi Kompass ist ein wichtiger Beitrag zur aktuell in der Wissenschaftslandschaft geführten Debatte. Er bietet die vom Wissenschaftsrat geforderten Orientierungshilfen, richtet sich nach den Bedarfen der Hochschulen und regt den Reflexionsprozess an. Denn Informationen zu Herausforderungen, Risiken, aber auch zu Potenzialen von Wissenschaftskooperationen bereitzustellen, ist ein wichtiger Baustein, um dieser zunehmend komplexen Gemengelage zu begegnen.

Doppelinterview Mukherjee und Karliczek Europäische Hochschulen

Jonas Ratermann/DAAD

DAAD-Präsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee.

Sollten Hochschulen „rote Linien“ festlegen, wenn sie internationale Kooperationen anbahnen und durchführen wollen? 
Joybrato Mukherjee: Der DAAD steht für eine differenzierte Herangehensweise. Deshalb halten wir es nicht für den richtigen Weg, Kooperationen per se in Frage zu stellen, wenn sich Schwierigkeiten, Risiken oder mögliche Unvereinbarkeiten mit dem System auf Partnerseite abzeichnen. Die Zusammenarbeit mit China wird in diesem Kontext oft genannt, ebenso wie die mit Russland und der Türkei. Wir müssen „rote Linien“ von Kooperationen ständig neu ausloten. Statische „one size fits all“-Ansätze helfen nicht, um anlassbezogen agil reagieren zu können. Wir empfehlen, den Austausch mit dem jeweiligen Land, aber vor allem mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Wie beispielsweise zu Belarus, zu dem wir im November ein entsprechendes Impulspapier veröffentlicht haben. Hochschulen sollen die Verantwortung sowie die Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheit über ihre Kooperationen behalten und selbstbestimmt entscheiden, welche „roten Linien“ sie für sich von Fall zu Fall ziehen möchten. 

Warum ist Wissenschaftszusammenarbeit in Zeiten wachsender Instabilität besonders wichtig?
Joybrato Mukherjee: Wissenschaft ist ein wichtiger Bestandteil der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, die wiederum ein stabiles Fundament für partnerschaftliche Zusammenarbeit auch in komplexen internationalen Kontexten legt. Vor allem angesichts der globalen Probleme ist ein intensiver, grenzüberschreitender wissenschaftlicher Austausch erforderlich. Die nationalstaatlichen Bestrebungen in vielen Ländern hingegen stellen den multilateralen Ansatz internationaler Beziehungen, auf dem auch die Zusammenarbeit in der Wissenschaft beruht, mehr denn je auf die Probe. Besonders unter diesen komplexen Rahmenbedingungen sollten wir den offenen Austausch fortsetzen und stärken, um tragfähige Bindungen zwischen Ländern zu schaffen und liberal-demokratisches Denken weltweit zu fördern. Mit dem Kompetenzzentrum möchten wir die deutschen Hochschulen in ihrer Entscheidungs- und Handlungssicherheit stärken und innovative Impulse für außenwissenschaftspolitische Diskurse einbringen.

Frau Dr. Linder, Sie sind die Expertin für das Themenfeld „Risiko und Sicherheit“ im KIWi. In welchen Bereichen benötigen deutsche Hochschulen Ihrer Erfahrung nach besondere Unterstützung?
Jede Anfrage vonseiten der Hochschulen ist vollkommen anders, sei es geografisch oder thematisch. Von Russland über Ungarn und Zypern bis nach Subsahara-Afrika erreichen uns sehr konkrete Fragestellungen zu laufenden Kooperationen und zur Neujustierung von Kooperationen – gerade vor dem Hintergrund sich ändernder Rahmenbedingungen. Auch der Detailgrad der angefragten Unterstützung ist jeweils sehr unterschiedlich. Bei manchen Beratungsgesprächen geht es eher um eine Grundsensibilisierung für sicherheitsrelevante Themenbereiche. Es gibt aber auch sehr konkrete Anfragen, für die ich ein kompetentes Expertenteam zusammenbringe, um im Peer-to-Peer-Austausch Lösungsmodelle zu entwickeln. Gerade hier liegt die Stärke des Kompetenzzentrums: Im DAAD verfügen wir durch unsere Regionalexpertise über ein breites, erfahrungsbasiertes Wissen, das wir für Hochschulkooperationen nutzbar machen. Und zwar indem wir es bündeln, systematisieren und im Austausch mit den Hochschulen sowie weiteren Fachleuten verdichten und in handhabbare Formate umsetzen.

Chancen und Risiken wissenschaftlicher Kooperationen abwägen

DAAD

Dr. Julia Linder, Expertin für das Themenfeld „Risiko und Sicherheit“ im KIWi.

Welchen Vorteil hat der KIWi Kompass für die deutschen Hochschulen, und wie können sie diesen in der Praxis anwenden?
Julia Linder: Der KIWi Kompass wurde bewusst nicht als länderspezifisches Werkzeug konzipiert, sondern thematisch entlang von Kriterien und Subkriterien. Er lässt sich somit auf unterschiedliche Kontexte übertragen, unabhängig von Land, Sektor, Disziplin oder der Kooperationsphase. Neben der „wissenschaftsspezifischen“ Dimension nimmt der Kompass weitere Dimensionen in den Blick, wie Fragen zur Sicherheitslage, medizinischer Versorgung, Transport und Kommunikation. Das heißt, er bezieht die Rahmenbedingungen mit ein, die bei Auslandsmobilität und im Sinne eines Risiko- und Sicherheitsmanagements an deutschen Hochschulen mitberücksichtigt werden sollten. Wir haben uns bei der Erarbeitung, basierend auf den Erfahrungswerten des DAAD und deutscher Hochschulen, auf folgende Linien konzentriert: Welche Aspekte sind für wissenschaftliche Kooperationen von Relevanz? Wie lassen sich solche Kriterien mit Inhalten füllen? Was kann ich praktisch tun? Die Hochschulen finden im Kompass außerdem öffentliche Quellen und praktische Leitfragen – beides hilft ihnen bei der Bewertung ihrer Kooperationen. 

In „Keine roten Linien“ ruft der DAAD deutsche Hochschulen proaktiv zur Mitwirkung auf. Was ist konkret geplant? Was kann KIWi als zentrale Beratungs- und Anlaufstelle für Hochschulen noch leisten?
Julia Linder: Wie die Hochschulen den Kompass anwenden, liegt bei ihnen. Aber um voneinander zu lernen und zu profitieren, planen wir für das erste Halbjahr 2021 Werkstattgespräche und einen Peer-to-Peer-Austausch mit den Hochschulen über Anwendungsmöglichkeiten und -erfahrungen. Zudem steht KIWi den deutschen Hochschulen mit individueller Beratung, weiteren Austauschveranstaltungen und Publikationen für die aktive Gestaltung ihrer Zusammenarbeit mit internationalen Partnern zur Verfügung. Den Kompass verstehen wir als ein „lebendes Dokument“, das wir kontinuierlich weiterentwickeln und aktualisieren werden. Zu diesem interaktiven Prozess laden wir interessierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein, jederzeit Kritik, Anmerkungen, ergänzende Referenzquellen sowie Input jeglicher Art beizusteuern.

(20. April 2021)

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