Der Himmel über Beirut

AdobeStock

Blick über Beirut: Im Rahmen der Hochschulpartnerschaft kamen die Studierenden auch mehrfach in der libanesischen Hauptstadt für Workshops zusammen.

Fremdes und Vertrautes in Beziehungen wie in Bildern – was bedeutet eigentlich Fremdheit? Kann Kunst dabei helfen, Gefühle in und zu einer Stadt zu verstehen und zu beschreiben? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigen sich die Berlin School of Design and Communication und die libanesische Kunsthochschule Alba Académie Libanaise des Beaux-Arts im Rahmen der seit 2019 bestehenden Hochschulpartnerschaft. Zwei Projekte wurden vom DAAD im Rahmen der Deutsch-Arabischen Transformationspartnerschaft finanziert.

Knapp 1,6 Millionen syrische Flüchtlinge leben im Libanon. Damit hat das Land im Verhältnis zu seinen sechs Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern die meisten Flüchtlinge weltweit aufgenommen. Die ohnehin prekäre politische, wirtschaftliche und finanzielle Situation im Land wird dadurch verschärft: In Beirut demonstrieren Hunderttausende gegen Korruption, gegen Strom- und Wasserausfälle und gegen eine Arbeitslosigkeit von 50 Prozent. Dem Land droht der Kollaps – spätestens seit der verheerenden Explosion am 4. August 2020 im Hafen der Hauptstadt.

Das Team: 20 Lehrende, 70 Studierende, 20 Nationen
Das alles muss man wissen, um die Bedeutung der zweijährigen Hochschulpartnerschaft zwischen der Berlin School of Design and Communication (ehemals design akademie berlin) der SRH Berlin University of Applied Sciences und der libanesischen Kunsthochschule Alba Académie Libanaise des Beaux-Arts (ALBA) der Université de Balamand besser einordnen zu können. Zwei Jahre lang haben insgesamt gut 20 Lehrende und rund 70 Studierende aus insgesamt 20 Nationen das Thema „Fremd und Fremdheit“ bearbeitet und sich dabei vorrangig auf folgende Bereiche konzentriert: künstlerische Forschung, Design Thinking und soziale Innovation, sozial engagierte Kunst, urbanes Design und nachhaltige Mode. Im Rahmen dieser Schwerpunkte wurden insgesamt sechs Workshops abwechselnd in Berlin und Beirut sowie als digitales Format durchgeführt. 

Der Himmel über Beirut

Credit: Berlin School of Design and Communication

Fremde Realität des Libanon: Studierende des internationalen Masterstudiengangs „Social Design and Sustainable Innovation“ zu Besuch an der Partnerhochschule Académie Libanaise des Beaux-Arts (ALBA) in Beirut.

Intensive Beziehungen in einer fremden Realität
„In Beirut haben wir die für uns fremde Realität des Libanons sehr nah erfahren können“, erzählt Projektleiter Prof. Gilbert Beronneau. Die positiven Eindrücke aus Beirut und dem Libanon überwiegen bei Weitem die schwierigen Erfahrungen, die man gemeinsam unter anderem in Lagern für syrische Geflüchtete gemacht hat: „Diese Erfahrungen mit Fremdheit haben uns allen gezeigt, dass Kunst und Freude am Anderen diese Fremdheit überwinden können“, sagt der Berliner Professor, der gerade den internationalen Masterstudiengang Social Design and Sustainable Innovation erfolgreich gestartet hat. Dieser resultiert auch aus der intensiven Partnerschaft beider Hochschulen, die sich in den letzten drei Jahren hauptsächlich mit Fragen rund um das Soziale, Design, Kunst und Innovation beschäftigten. Dazu trugen neben den Lehrenden, Prof. Gilbert Beronneau und Dr. Joseph Rustom, Beiruter Directeur des Etudes der ALBA, vor allem die intensiven Beziehungen unter den Studierenden bei.

Himmel über Beirut

Credit: Berlin School of Design and Communication

„Kunst kann Fremdheit überwinden“: Projektleiter Prof. Gilbert Beronneau, Dekan des Fachbereichs Design an der Berlin School of Design and Communication.

Interviews auf der Kunstbiennale in Venedig
Das Projekt führte die Teilnehmenden in der ersten Phase mit der Masterklasse der Berlin School of Design and Communication sogar nach Venedig. Dort nahmen die Studierenden im Rahmen der 57. Kunstbiennale im Juni 2017 an den sogenannten „Biennale Sessions“ teil. Sie stellten ihre Installationen, Fotografien, Filme und Grafiken zum Thema Fremdheit aus und bezogen die Besucherinnen und Besucher mit ein. Mit ihnen führten sie Interviews, in denen es um Gefühle von Fremdheit in der eigenen Lebensgeschichte ging. Ein Kind, das am Projekt in Venedig teilnahm, sagte anschließend: „Ein Glück, dass wir hierhergekommen und nicht in einen der anderen Räume gegangen sind. Es hat großen Spaß gemacht.“

Künstlerische Forschung und Design Thinking für Gemeinschaftsräume in Lagern für syrische Geflüchtete 
In der zweiten Phase besuchten die Teilnehmenden während zweier Projektabschnitte jeweils ein Camp für syrische Geflüchtete in der Bekaa-Ebene nahe der syrischen Grenze. Dort leben laut dem Hochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) fast 340.000 Flüchtlinge aus Syrien. Die beiden nebeneinander gelegenen Camps gehören zu den größten Flüchtlingslagern im Libanon. Die Studierenden setzten sich intensiv mit den dort lebenden Kindern auseinander, sprachen mit den Erwachsenen und entwickelten Kunst (Filme, Fotografien und Grafiken) sowie Konzepte für Gemeinschaftsräume, die das Zusammenleben im Lager verbessern sollen. Einer der Filme war der im Camp gedrehte Kurzfilm „Zainab – my home is a camp“

Der Himmel über Beirut

Credit: Berlin School of Design and Communication

„Wo ist zu Hause”? Ausschnitt aus dem Kurzfilm „Zainab – my home is a camp“, der bei einem Besuch im Flüchtlingslager Bekaa im Libanon entstand. 

Fashion X – eine digitale Vision für nachhaltige Mode
In der dritten Phase entwickelten die Studierenden Ideen zum Thema „Mode und Nachhaltigkeit“. Im Fokus stand hier die digitale Nachhaltigkeit, das heißt die Frage, wie man nachhaltig mit Kleidung im digitalen Kontext umgeht, mit dem Ziel, Ressourcen zu sparen und die Umwelt zu schützen. Dabei ging es auch darum, was Mode für das eigene Bewusstsein bedeuten kann. „Das war zunächst ein Randthema in unserem Projekt, das sich aber zu einem sehr wichtigen Aspekt in den digital dominierten Zeiten von Corona entwickelt hat“, erklärt Prof. Beronneau. So entstand unter anderem die Idee für die App „Tibity“. Mit ihr können Nutzerinnen und Nutzer virtuell testen, ob Shirts oder Jeans aus einem E-Commerce-Shop passen und gefallen. Die Ware selbst wird nur auf Bestellung produziert. Ein so reduzierter Modekonsum könnte dazu beitragen, die CO2-Emission weltweit zu senken. Eine weitere Idee ist Fashion X – inspiriert durch den Film „Matrix“: Die Menschen tragen in der Zukunft nur noch die Kleidung, die sie benötigen. Diese erscheint im Auge des Betrachters modisch und topaktuell. Möglich macht das die sogenannte Lens X – eine künstliche Linse, die über eine Schnittstelle mit der Kleidung der Zukunft, dem Garment X, kommuniziert und auf das Auge seiner Trägerinnen und Träger immer die Schnitte und Farben der aktuellen Modesaison projiziert. „Bei diesem Projekt waren die Teilnehmenden der ALBA klar im Vorteil: Die älteste Kunsthochschule im Libanon hat seit vielen Jahren einen produktiven Bereich für Modedesign“, sagt Prof. Beronneau. 

Der Himmel über Beirut

Credit: Berlin School of Design and Communication

Fashion X: Die Studierenden entwickelten Ideen und Gedanken zum Thema „Mode und Nachhaltigkeit“.

Publikationen im Rahmen der Hochschulkooperation
Aus den Jahren 2018 und 2019 liegen bereits umfangreiche Publikationen vor. Sie fassen alle Forschungsergebnisse in Form von Auswertungen, Essays, Bildern und wissenschaftlichen Texten zusammen. Im Winter soll das dritte Buch in der eigens hierfür geschaffenen Reihe „artefakte“ im Heidelberger Hochschulverlag erscheinen. „Himmel über Beirut“ wird ein künstlerischer Bildband mit Texten über die Stadt Beirut, eine Liebeserklärung an die Metropole und den Libanon. Der Titel erinnert an Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“. Gleichzeitig soll der Band auch ein Dokument sein, das zeigt, wie man sich als Fremde(r) Beirut annähern kann: „In den Bildern und deren Anordnung, aber auch in den Texten werden die Schichten dieser Stadt von außen nach innen freigelegt, sodass sich das lebendige und vielfältige Innenleben offenbart“, erzählt Prof. Beronneau. „Beirut ist eine gespaltene Stadt, wie Berlin es war und vielleicht immer noch ist. Das zeigt sich unter anderem in den Wohnvierteln, in denen sich historisch Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen angesiedelt haben, aber auch im architektonisch modernen Beirut. Eine Stadt, in der Menschen einander unterstützen und an einem gemeinsamen Traum arbeiten.“

Mediale Brücke zu mehr Verständnis und weniger Fremdheit 
Kann man nach drei Jahren intensiver Zusammenarbeit ein Fazit dieser vielen, auch sehr unterschiedlichen Projekte ziehen? Auf diese Frage verweist Prof. Beronneau zunächst auf den wissenschaftlichen Diskurs, der gezeigt hat, dass Krieg, Gewalt, Tod und die damit verbundenen Verluste für die Menschen überhaupt erst Fremdheit erzeugen. Doch die Zusammenarbeit der Studierenden und Lehrenden beider Hochschulen konnte mithilfe von Kunst und Design eine mediale Brücke hin zu mehr Verständnis schlagen und den Abbau von Fremdheit bewirken. Gerade die Gemeinsamkeiten unter Studierenden wie Lehrenden sind es, die Vertrautheit schaffen und Projekte wie diese gelingen lassen.

Michael Siedenhans (20. November 2020)
 

Publikationen im Rahmen der Hochschulkooperation

Deutsch-Arabische Transformationspartnerschaft

2012 startete das Förderprogramm mit Mitteln des Auswärtigen Amtes mit den Zielländern Ägypten und Tunesien, 2013 kamen Jemen, Jordanien, Libyen und Marokko hinzu, 2016 Irak und Libanon. Das Programm beinhaltet drei Programmlinien. Das Forschungsprojekt „Social Design“ wurde im Rahmen der Programmlinie 1: Deutsch-Arabische Hochschulpartnerschaften gefördert.