Zusammendenken: digital und international

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Digitalisierung und Internationalisierung spielen eine wichtige Rolle, gerade wenn es um die Zukunft einer Hochschule und ihrer Studierenden geht

Die enge Verknüpfung von Digitalisierung und Internationalisierung ist für die Zukunftsfähigkeit einer Hochschule und ihrer Studierenden wichtig. Warum das so ist, erläutern der Digitalisierungsexperte des DAAD, der Vorsitzende der Expertenkommission Forschung und Innovation sowie eine Professorin der Universität Leipzig mit Fokus auf virtueller Mobilität.

„Wenn sich Hochschulen um ihre Digitalisierungs- und Internationalisierungsstrategie kümmern, dürfen sie keine Insellösung produzieren. Sie müssen die Vernetzung nach außen im Auge behalten“, sagt Alexander Knoth, beim DAAD unter anderem für die konzeptionelle Weiterentwicklung von Digitalisierungsvorhaben zuständig. Sich auf gemeinsame Vorgehensweisen, Prozesse und Standardlösungen zu einigen – vom Datenaustausch bis hin zur Anerkennung von Leistungen –, das erfordere einen Kulturwandel, so Knoth: „Die Verantwortlichen an den Hochschulen müssen in kollaborativen Szenarien denken. Nicht: Eine Universität baut eine geschlossene Plattform, ohne sich mit anderen Hochschulen abzustimmen, sondern über den Tellerrand hinausblicken und in vernetzten Systemen denken.“
 

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DAAD/Karla Fritze

Alexander Knoth, beim DAAD zuständig für Digitalisierungsvorhaben: „Hochschulen müssen die Vernetzung nach außen im Auge behalten“

Strategische Kernaufgabe für Universitätsleitung
Damit eine Hochschule ein vernetztes System entwickeln kann, empfiehlt Uwe Cantner im ersten Schritt, die Digitalisierungs- und die Internationalisierungsstrategie aufeinander abzustimmen. Cantner ist Professor für Mikroökonomik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Entwicklung (EFI). In ihrem Jahresgutachten 2019 widmet die EFI der „Digitalisierung der Hochschulen“ ein ganzes Kapitel, um auf die Dringlichkeit des Themas aufmerksam zu machen. „Mit einer gemeinsamen Digitalisierungs- und Internationalisierungsstrategie schärfen Hochschulen ihr Profil und bleiben zukunftsfähig.“ Aber zuerst müssten Hochschulen für die Digitalisierung ein Bewusstsein schaffen. Das sei keine Nebenaufgabe, sondern eine strategische Kernaufgabe. „Wir brauchen eine Verankerung der Digitalisierung auf höchster Leitungsebene. Ist das erfolgt, müssen in einer Kombination von top-down und bottom-up alle Beteiligten einer Hochschule mitziehen, um die Digitalisierung umzusetzen.“
 

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DAAD/Annegret Guenther/Friedrich-Schiller-Universität Jena

Uwe Cantner, Professor für Mikroökonomik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Entwicklung (EFI)


Abkehr vom Silodenken
Dieser Bewusstseinsprozess erfordert einen intensiven Austausch innerhalb der Hochschule. Automatisch gegeben ist dies nicht, so Cantner: „Eine Hochschule wird ja nicht von oben durchregiert wie ein Unternehmen. Die Fakultäten arbeiten eigenständig, und dadurch herrscht häufig ein Silodenken vor.“ Das gilt es aufzubrechen. Und zugleich müssten Lehrende sich schneller darauf einlassen, ihre Lehre so umzubauen, dass die Digitalisierung eine Rolle spielt, also verstärkt digitale Lehrformate einsetzen.

Digitale Lehrformate curricular verankern
Dafür plädiert auch Professorin Nicola Würffel, am Herder-Institut der Universität Leipzig verantwortlich für Didaktik und Methodik, unter anderem mit dem Schwerpunkt Digitalisierung des Fremdsprachenlehrens und -lernens. Sie forciert in ihrem Forschungs- und Lehrbereich seit vielen Jahren die „Virtual Exchanges“, den digitalen interkulturellen Dialog. Virtual Exchanges sind für sie ein wichtiger Baustein bei der Internationalisierung der Hochschule. „Wir müssen Virtual Exchanges langfristig denken, sie systematisch in unsere Lehre integrieren und damit vor allem im Curriculum verankern.“ Würffel selbst setzt zum Beispiel auf Partnerschaften, die sich aus den bereits etablierten binationalen Studiengängen am Herder-Institut ergeben. „Solche stabilen Partnerschaften eignen sich sehr gut für den Aufbau einer virtuellen Mobilität“, erläutert sie. „Lehrende profitieren von Strukturen, die bereits erprobt sind, Studierende haben an einem internationalen Austausch teil, ohne physisch mobil zu sein.“ Ihr ist wichtig, dass sich virtuelle und physische Mobilität ergänzen: „Die virtuelle Mobilität ist nicht nur eine zusätzliche Möglichkeit für all diejenigen Studierenden, die physisch nicht mobil sein können, sie ist vor allem eine Möglichkeit, die physische Mobilität vor- und nachzubereiten.“ 
 

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DAAD/Christian Hüller/Universität Leipzig, SUK

Professorin Nicola Würffel vom Herder-Institut der Universität Leipzig beschäftigt sich schon seit den 1990er-Jahren mit Virtual Exchanges

Fachdidaktischer Gewinn digitaler Lernformate
Damit Lehrende, wie es Cantner und Würffel fordern, die Digitalisierung für sich und ihre Studierenden schneller und nachhaltig nutzen, müssen sie den fachdidaktischen Gewinn erkennen. „Virtual Exchanges helfen nicht nur, interkulturelle Kompetenzen auszubauen und Englischkenntnisse zu verbessern“, betont Würffel. „Über die digitalen Lehrformate können sich Lehrende und Studierende auch fachlich austauschen. Aber diesen Austausch erzielt man nur, wenn man Virtual Exchanges im Curriculum verankert, statt sie als einmalige Aktion zu betrachten.“ Gute Beispiele für kollaboratives Arbeiten via digitale Formate gibt es schon viele, so Würffel, sie brauchen nur mehr Sichtbarkeit, damit sie auch Nachahmer finden. 

Think Tank: Groningen Declaration Network
Um diesen Kulturwandel an Hochschulen zu begleiten – weg vom Silodenken und Produzieren von Insellösungen hin zu vernetzten Systemen und nachhaltigen digitalen Lehrformaten –, setzt der DAAD auf Austausch und neue Programme wie zum Beispiel „Internationale Mobilität und Kooperation digital“ (IMKD, siehe Kasten). Außerdem wurde der DAAD jüngst Mitglied im Groningen Declaration Network (GDN). Das GDN ist ein  Zusammenschluss von Universitäten, Einrichtungen aus dem Bildungssektor und dem Bereich digitaler Dienstleistungen sowie Ministerien aus allen Teilen der Welt. Es versteht sich als Katalysator und Think Tank, wenn es darum geht, Internationalisierung durch Digitalisierung voranzutreiben. „Indem wir uns im GDN engagieren und auf internationaler Ebene an grundlegenden Entwicklungen teilhaben, können wir wichtige Impulse an unsere Mitglieder weitergeben“, sagt Alexander Knoth. Zurzeit arbeitet der DAAD an verschiedenen Konferenz- und Dialogformaten, um für noch mehr Transparenz beim Thema Internationalisierung durch Digitalisierung zu sorgen, gute internationale Beispiele bekannt zu machen und die Hochschulen bei der digitalen Transformation zu unterstützen.

Astrid Hopp (26. Juni 2019)

Weitere Informationen

DAAD

„Internationale Mobilität und Kooperation digital“ (IMKD): Sonderprogramm, um Internationalisierung und Profilbildung deutscher Hochschulen durch eine digital gestützte Ausrichtung von Lehre und Studierendenmobilität zu fördern

iDA-Seminar ab 2020 zur Strategieentwicklung: „Internationalisierung durch Digitalisierung“

www.groningendeclaration.org

Kontakt: Alexander Knoth, DAAD Büro Berlin, Tel.: +49 (30) 20 22 08-0, knoth@daad.de

Weitere Informationen

Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI)

Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) leistet seit über zehn Jahren wissenschaftliche Politikberatung für die Bundesregierung und legt jährlich ein Gutachten zu Forschung, Innovation und der technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands vor. Wesentliche Aufgabe der EFI ist es, die Stärken und Schwächen des deutschen Innovationssystems im internationalen und zeitlichen Vergleich zu analysieren und die Perspektiven des Forschungs- und Innovationsstandorts Deutschland zu bewerten. Auf dieser Basis entwickelt die EFI Vorschläge für die nationale Forschungs- und Innovationspolitik.

Hier finden Sie das FI-Jahresgutachten 2019

Kontakt: kontakt@e-fi.de, Tel: 030 / 322 982 564, www.e-fi.de

Weitere Informationen

Virtual Exchanges

www.uni-collaboration.eu: Plattform, die Hochschullehrende und Mobilitätskoordinatoren bei der Organisation und Durchführung eines interkulturellen Online-Austauschs für ihre Studierenden unterstützt
www.coil.suny.edu: Seite des Netzwerks für Collaborative Online International Learning mit hilfreichen Hinweisen u. a. zu Fortbildungen, Konferenzen und anderen COIL-Initiativen

Kontakt: nicola.wuerffel@uni-leipzig.de