Memory Studies: „Es geht um aktuelle Verantwortung“

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Jenny Wüstenberg: "Wie wird die Vergangenheit für die Zukunft relevant?"

Dr. Jenny Wüstenberg, DAAD Visiting Assistant Professor für Politik sowie Deutschland- und Europastudien an der York University in Toronto, arbeitet im Bereich der „Memory Studies“: als Forscherin, aber auch als Mitgründerin und Ko-Präsidentin der Memory Studies Association, die sich in kurzer Zeit zu einem bedeutenden internationalen Netzwerk entwickelt hat. Mit DAAD Aktuell spricht sie über ein vielfältiges Forschungsfeld, die deutsche Erinnerungskultur und die Bedeutung zivilgesellschaftlichen Engagements.

Frau Dr. Wüstenberg, Sie sind sehr aktiv im Bereich der „Memory Studies“. Was hat Sie zu diesem Forschungsfeld geführt?

Jenny Wüstenberg: Zwar haben mich schon in der Schulzeit Debatten wie die über die Wehrmachtsausstellung oder über Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ beschäftigt, aber richtig geweckt wurde mein Interesse erst, als ich – nach dem Abitur in Deutschland – ins Ausland gegangen bin. Ich habe in Großbritannien, Australien und den USA studiert. Dort wurde ich natürlich mit anderen Sichtweisen auf die deutsche Geschichte konfrontiert. Ich lernte aber auch andere Erinnerungskulturen kennen. Etwa in den USA, wo die Narrative viel heroischer und nationaler sind. Dazu kommt, dass ich mich mit der Zeit intensiver mit meiner Familiengeschichte beschäftigt habe, in der sich sowohl die deutsche Nazi-Vergangenheit als auch die Geschichte des oppositionellen Widerstands spiegelt, bis zu einem Urgroßvater, der von den Nazis ermordet wurde. Diese Familiengeschichte war für mich ein persönlicher Grund, nicht davon auszugehen, dass Vergangenheit schwarz-weiß ist, sondern mich differenzierter mit ihr auseinanderzusetzen.

Was macht den Kern der Memory Studies aus?

Das Besondere an den Memory Studies ist, dass man sich nicht nur für das Vergangene interessiert, sondern fragt, wie die Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft relevant gemacht wird. Das kann man von den verschiedensten Fachdisziplinen aus tun, von der Neuropsychologie bis zur Musikwissenschaft, die sich mit der Weitergabe kultureller Narrative beschäftigt. Als Politikwissenschaftlerin konzentriere ich mich auf die Interessenlage, die hinter bestimmten Ideen steht. Ich beschäftige mich zum Beispiel mit der Frage, welche besondere Verantwortung Deutschland für die Opfer des Nationalsozialismus und ihre Nachkommen, aber auch für andere Minderheiten oder – mit Blick auf die deutsche Kolonialgeschichte – in der Entwicklungspolitik hat.

Welche Fragen stellen sich in Kanada, wo Sie seit 2016 DAAD Visiting Assistant Professor für Politik sowie Deutschland- und Europastudien sind?

Besonders relevant, auch in der aktuellen politischen Diskussion, ist die Frage, welche Verantwortung die kanadische Gesellschaft und der Staat gegenüber der indigenen Bevölkerung haben. Die Mitglieder der „First Nations“ leiden noch heute unter den Folgen jahrhundertelanger Diskriminierung. Soziale Strukturen wurden durch die Unterbringung von Kindern der First Nations in Internaten langfristig zerstört. In Reservaten fehlt es noch oft an sauberem Trinkwasser. Welche Konsequenzen muss die kanadische Politik daraus ziehen? Die Fragen der Memory Studies sind bei allen internationalen Unterschieden ähnlich: Es geht um aktuelle Verantwortung – und um die Qualität gesellschaftlicher und demokratischer Werte.

Memory Studies: Interview mit Dr. Jenny Wüstenberg

Hans Peter Stiebing

Arbeit an der Erinnerung: Mitglieder der Initiative "Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V." am 5. Mai 1985 bei einer symbolischen Grabung auf dem ehemaligen Gestapogelände in Berlin (Ausschnitt aus dem Cover-Motiv von Jenny Wüstenbergs Buch "Civil Society and Memory in Postwar Germany")

Über Ihr neues Buch „Civil Society and Memory in Postwar Germany“ sagt Professor Michael Rothberg von der University of California in Los Angeles, es biete eine „neue Perspektive“ auf ein vermeintlich bekanntes Thema. Wie würden Sie das Besondere Ihres Ansatzes beschreiben?

Allgemeiner Konsens ist, dass die 68er-Bewegung ganz wesentlich für die Entwicklung der deutschen Erinnerungskultur war. Mit Blick auf die Auseinandersetzung mit dem Holocaust wird die Bedeutung der gleichnamigen US-Fernsehserie herausgestellt. In meinem Buch argumentiere ich aber, dass die treibende Kraft in der westdeutschen Erinnerungskultur seit dem Zweiten Weltkrieg zivilgesellschaftliche Initiativen und Graswurzelbewegungen waren. Auch in der DDR gab es, verstärkt seit den 80er-Jahren, Versuche, „Geschichte von unten“ zu betreiben. Es lässt sich eine international einzigartige Vielfalt solcher Initiativen beobachten, von den Vertriebenen- und Veteranenverbänden der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zu den Bewegungen, die Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre – desillusioniert von „68“ – entstanden sind, zum Beispiel Friedens-, Ökologie- und Frauenbewegung. Die unbekannteste dieser neuen Bewegungen, aber aus heutiger Sicht vielleicht eine der wichtigsten, war die Neue Geschichtsbewegung.

Wie hat sie gewirkt?

Es entstanden zahlreiche Geschichtswerkstätten und Initiativen für Gedenkstätten, die gerade auf lokaler Ebene sehr viel bewirkt haben. Dass aus den KZ-Gedenkstätten Bergen-Belsen und Hamburg-Neuengamme bedeutende Institutionen geworden sind, ist letztlich ebenfalls das Verdienst solcher Bürgerinitiativen. Auch die meisten Orte der Repression in der DDR beruhen auf bürgerschaftlichem Engagement. Ohne diese zahlreichen Initiativen würde die deutsche Erinnerungslandschaft heute ganz anders aussehen. Die Vielfalt des zivilgesellschaftlichen Engagements macht die deutsche Erinnerungskultur international einzigartig. Während einer Studienreise konnte ich 2017 einen Eindruck dieser Erinnerungslandschaft einer Gruppe internationaler Studierender und Doktoranden aus dem weltweiten Netzwerk der DAAD-geförderten Zentren für Deutschland- und Europastudien vermitteln. Neben dem polnischen Stettin haben wir Frankfurt, Berlin und das Grenzdurchgangslager Friedland besucht. Hier hat uns sehr beeindruckt, wie eine aus Syrien geflüchtete Frau im Rahmen der Arbeit des Museums Friedland über ihren Bezug zu diesem besonderen Ort gesprochen hat.

Aktuell scheint die deutsche Erinnerungskultur in einer Krise zu sein: Vereinzelt werden nationalistische Stimmen lauter; es gibt Sorgen um neuen Antisemitismus.

Einerseits ist es klar zu verurteilen, wenn die Erinnerungspolitik der neuen Rechten Anklang findet. Dennoch müssen wir versuchen, sie zu verstehen, auch die Identitätsbedürfnisse, die sich damit verbinden. Mit Blick auf neuen Antisemitismus ist es etwa ein Problem, dass die Herangehensweise an die deutsche Vergangenheit größtenteils sehr etabliert ist. Da fällt es schwer, aufzurütteln und auch Jugendliche zu erreichen. Wir brauchen, neben dem Einsatz neuer Medien, vielleicht auch emotionalere Herangehensweisen, damit aus Erinnerungsarbeit auch wieder Erinnerungsprotest werden kann.

Interview: Johannes Göbel (8. Mai 2018)