„Ich wollte dort sein, wo die Antworten auf Krankheiten gefunden werden“

Florian Peljak

Forscher mit Verantwortungsbewusstsein: Nyanda Elias Ntinginya

Sein Weg hat Dr. Nyanda Elias Ntinginya von einem kleinen Dorf am Victoriasee bis an die Spitze des renommierten Mbeya Medical Research Center (MMRC) des National Institute for Medical Research (NIMR) in Tansania geführt. Auf diesem Weg wurde er von seinen Eltern unterstützt, von leidenschaftlichen Forschern und Ärzten in Tansania und Deutschland – und vom exceed-Programm des DAAD für Hochschulexzellenz in der Entwicklungszusammenarbeit.

Herr Dr. Ntinginya, nachdem Sie im Frühjahr 2017 Ihre Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München abgeschlossen haben, sind Sie – nun als geschäftsführender Direktor – an das Mbeya Medical Research Center (MMRC) zurückgekehrt. Was sind die wichtigsten Ziele des Forschungszentrums?

Nyanda Elias Ntinginya: Eines unserer wichtigsten Ziele ist es, unsere Forschungsarbeit zu Infektionskrankheiten fortzuführen, für die Menschen in Tansania, aber auch, um weltweit helfen zu können. Somit ist es auch sehr wichtig, dass wir für diese Forschung Capacity Building betreiben. Deshalb investieren wir in die Infrastruktur des Zentrums und in regionale Personalentwicklung. Auch im Auftrag des National Institute for Medical Research (NIMR) wollen wir wissenschaftlich fundierte Informationen liefern für den Kampf gegen Krankheiten wie HIV/AIDS, Malaria, Tuberkulose und andere, die national und global besondere Bedeutung haben. Dafür leben wir.

Bevor Sie geschäftsführender Direktor des Zentrums wurden, leiteten Sie die Abteilung für Tuberkulose-Forschung. Wann sind Sie zum ersten Mal mit dem Zentrum in Kontakt gekommen?

Während meines Medizinstudiums hatte ich die Chance, ein Praktikum im Mbeya Zonal Referral Hospital zu machen, dort befindet sich auch das MMRC. Es war auch das erste Mal, dass ich mit meinem Vorgänger, dem langjährigen Direktor des MMRC Dr. Leonard Maboko, zusammenarbeiten konnte. Seit 2008 arbeite ich für das Zentrum. Leonard Maboko und Professor Michael Hölscher von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) haben mich von Anfang an sehr unterstützt. Die LMU hat das Zentrum gemeinsam mit dem Mbeya Zonal Referral Hospital und dem Mbeya Regional Medical Office im Jahr 1996 gegründet. 2013 habe ich die Leitung der Tuberkulose-Abteilung übernommen. Ich war der erste Tansanier in dieser Position, anknüpfend an die Übergabe der Leitung des Zentrums von der deutschen zur tansanischen Seite. Forschung hat mich schon immer fasziniert. Ich wollte dort sein, wo die Antworten auf Krankheiten gefunden werden. Auch weil die meisten Krankheiten vermeidbar sind, wenn man den Betroffenen adäquate Hilfe ermöglicht.

exceed: Interview mit Alumnus Dr. Nyanda Elias Ntinginya

Florian Peljak

Nyanda Elias Ntinginya: „Mein Lehrer sagte: ‚Ihr müsst dem Jungen eine Chance geben‘“

Ihre Eltern sind Bauern. Was waren Ihre ersten Schritte zu einer wissenschaftlichen Laufbahn?

Als ich noch in der Grundschule war, starb eine meiner Schwestern an Malaria. In Erinnerung an sie wollte ich verstehen, wie man Infektionskrankheiten heilen kann. Viele Menschen haben mich ermutigt und unterstützt, an erster Stelle meine Eltern. Mein Vater verkaufte sogar eine unserer wenigen Kühe, um die Gebühren für die weiterführende Schule zahlen zu können. Ich war der erste in meiner Familie, der auf eine weiterführende Schule gehen konnte. Ein Grundschullehrer hatte meine Eltern überzeugt, in meine Bildung zu investieren. Er hat an meine Begabung geglaubt und gesagt: „Ihr müsst dem Jungen eine Chance geben.“ Ich habe immer hart gearbeitet und als einer der besten Schüler meiner Highschool-Klasse ein Regierungsstipendium für ein Medizinstudium an der Universität von Daressalam erhalten. An der Universität haben mich viele Professoren und Dozenten dazu ermutigt, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen.

Sie haben am Center for International Health (CIH) der Ludwig-Maximilians-Universität promoviert. Wie hat die Zeit am CIH Ihre Laufbahn als Wissenschaftler geprägt?

Die Unterstützung des CIH durch das exceed-Programm des DAAD hat es mir ermöglicht, in München zu promovieren. Der Doktortitel war der entscheidende Schritt, um meine Laufbahn als Wissenschaftler in Tansania fortsetzen zu können. In der Zeit der Promotion habe ich nicht nur wissenschaftliche Erfahrung gesammelt, sondern auch organisatorische und interkulturelle Kompetenzen erworben. Am CIH hatte ich die großartige Möglichkeit, mit zahlreichen international anerkannten Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten. Internationale Kooperation ist entscheidend für unsere Arbeit am Mbeya Medical Research Center. Am Zentrum gab es schon immer einen engen Austausch zwischen den deutschen und den tansanischen Forschern, aber wir haben auch sehr viele internationale Partner, zum Beispiel das Walter Reed Army Institute of Research (WRAIR), das Teil des HIV-Forschungsprogramms des amerikanischen Militärs ist. Zu unseren zahlreichen weiteren Kooperationspartnern zählen unter anderem auch die University of St Andrews in Schottland, das Radboud University Medical Center in den Niederlanden, das Aurum Institute in Südafrika oder der Medizinische Forschungsrat Gambias.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft des Mbeya Medical Research Center?

Nachhaltiger internationaler Austausch und Kooperation haben für uns Priorität. Auf diese Weise können wir auch weiterhin Wertvolles für unser Land leisten, aber auch für die Welt der Wissenschaft und Forschung. Wir wollen noch mehr Ressourcen aktivieren, um unsere Ideen und Pläne zu realisieren. Dazu gehört auch, dass wir mehr Forschungsstipendien für internationalen Austausch und Zusammenarbeit nutzen können. Mit Blick auf das Capacity Building haben wir erst vor Kurzem ein Grundstück gekauft, um dort ein College zu bauen. So haben auch die Studenten, die sich keinen Auslandsaufenthalt leisten können, die Chance auf einen Abschluss. Wir sind in der Grenzregion zu Malawi, Sambia und der Demokratischen Republik Kongo; von dem College werden nicht nur tansanische Studenten profitieren.

Interview: Johannes Göbel (27. Oktober 2017)