Miteinander lernen, miteinander leben

FU Berlin/Bernd Wannenmacher

Dialog zwischen Israelis und Palästinensern ermöglicht der Studiengang "Intellectual Encounters of the Islamicate World"

Im DAAD-geförderten Masterstudiengang „Intellectual Encounters of the Islamicate World“ lernen palästinensische, israelische und deutsche Studierende gemeinsam. Mit einer dreitägigen Konferenz wurde der Abschluss des vierten Jahrgangs gefeiert.

Wenn Sara Sviri über das vergangene Jahr nachdenkt, blitzen ihre Augen aufmerksam. „Dieses Programm ist magisch“, sagt sie dann verschwörerisch. „Es ist viel mehr als ein akademischer Rahmen für eine visionäre Idee – hier passiert etwas, und irgendwie ist Magie im Spiel.“ Sara Sviri ist emeritierte Professorin für islamische Mystik und mystische Philosophie an der Hebrew University of Jerusalem und lehrt seit einem Jahr im onlinebasierten Masterstudiengang „Intellectual Encounters of the Islamicate World“ der Freien Universität Berlin. Bis zu 20 Studierende beschäftigen sich darin mit dem vielfältigen Erbe der islamischen Welt des Mittelalters. Acht Plätze sind für Palästinenser reserviert, acht für Israelis, und immer wieder absolvieren auch deutsche Studierende den Studiengang − das macht ihn einzigartig. Ende August 2017 haben sich erstmals Absolventen aller vier bisherigen Jahrgänge in Berlin getroffen: zu einer dreitägigen Konferenz und der Graduiertenfeier des vierten Jahrgangs.

„Ich wollte einfach mehr wissen und habe schon immer für Philosophie gebrannt“, erklärt die 25 Jahre alte Hala Shakhshir ihre Entscheidung für den Masterstudiengang. Hala Shakhshir lebt in Nablus, einer Stadt in den Palästinensischen Autonomiegebieten mit etwa 150.000 Einwohnern. Vor Kurzem hat sie dort ein Zentrum für Kunst und Kultur aufgebaut, in dem Kinder von fünf bis 15 Jahren nach der Schule zusammenkommen und künstlerisch aktiv werden können. „Nablus hat so viele Einwohner – und bietet kein Angebot für die Kinder nach der Schule. Da spielen schon Grundschüler stundenlang am Handy oder Tablet“, sagt Shakhshir. Sie hat im Masterstudiengang Freundschaft mit einer Israelin geschlossen und sagt: „Ich hätte nie für möglich gehalten, dass das einmal passieren könnte.“ Doch vor allem hat das eigenständige Arbeiten in den Onlinekursen ihr Selbstvertrauen und ihre Motivation gestärkt. „Ich habe gesehen, dass ich etwas schaffen kann. Das ist jetzt mein Motto: ,Geh einfach hin und pack’s an.‘“

Sprungbrett für eine akademische Karriere

Dass der Studiengang sie verändert habe, berichten die meisten der Masterabsolventen. Borhan Osman beispielsweise lebte in Afghanistan und arbeitete als Journalist, als er im Internet das Programm entdeckte. „Ich hatte einige sehr spezifische Erwartungen“, erzählt er. „Doch dass es für mich ein Sprungbrett für einen PhD sein könnte, hätte ich eigentlich nicht gedacht.“ Inzwischen lebt der 33-Jährige sowohl in der Türkei als auch in Afghanistan. „Das Programm hat mich in ein multireligiöses und multikulturelles Umfeld gebracht. Das war eine enorm wertvolle Erfahrung, gerade für jemanden wie mich, der aus einer in Bezug auf Religion und Kultur monolithischen Gesellschaft wie Afghanistan kommt.“

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Die Berliner Klezmer-Gruppe Bohai begleitete die Graduiertenfeier musikalisch

Zweimal drei Stunden pro Woche verbringen die Studierenden zusammen in virtuellen Hörsälen, diskutieren und treffen sich in digitalen Gruppenräumen zur Projektarbeit. Tatsächlich sitzen sie vor Computern in Ramallah, Tel Aviv, Kairo, Kabul oder Hebron. Ganz bewusst geht es in dem Master darum, disziplinäre, religiöse, kulturelle und philologische Grenzen von Disziplinen wie Islamwissenschaft, Judaistik oder Christliche Orientalistik zu überschreiten.

Initiiert von drei Islamwissenschaftlern

Initiiert haben den Studiengang 2013 drei Freunde und Kollegen, die fachlich das Wesen des Masters verkörpern: die Islamwissenschaftlerin und Judaistin Professor Emerita Sarah Stroumsa, ehemalige Rektorin der Hebrew University of Jerusalem, die deutsche Islamwissenschaftlerin und ehemalige Diplomatin Professor Sabine Schmidtke, ständiges Mitglied der Fakultät am Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey, und der Professor für islamische und politische Philosophie und ehemalige Präsident der Al-Quds University in Ostjerusalem, Sari Nusseibeh. „Wir wollten etwas verändern und Räume für Austausch bieten, die durch die aktuelle Politik rar geworden sind“, erzählt Sarah Stroumsa. „Ich verbinde mit diesem Programm vor allem Hoffnung.“

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FU Berlin

Bei der Graduiertenfeier kamen der stellvertretende Generalsekretär des DAAD, Ulrich Grothus, und die Studiengangs-Initiatorin Sarah Stroumsa ins Gespräch

Wie vielfältig die Betätigungsfelder der Absolventen des Masters sind und wie viele Freundschaften aus dem gemeinsamen Studium erwachsen sind, zeigte sich auf der dreitägigen Konferenz in den Räumen der Freien Universität Berlin. Einige Alumni, die inzwischen einen PhD machen, stellten ihre aktuellen Forschungen vor – vom Freiheits- und Pflichtbegriff in der Bibel bis hin zu pädagogischen Aspekten in der Lehre des ägyptischen Juristen und Reformers Muhammad Abduh. Außerdem besuchten die Teilnehmer gemeinsam das Ethnologische Museum Berlin und erarbeiteten Strategien, wie Alumni sich besser vernetzen können. Sie diskutierten auch über die Frage, wie eine Zeitungsannonce formuliert sein sollte, damit Studierende in Israel und den Palästinensischen Gebieten auf den Master aufmerksam werden.

Durch Dialog etwas verändern

„Herausragend und einzigartig“, so nannte der stellvertretende Generalsekretär des DAAD Ulrich Grothus den Masterstudiengang bei der Graduiertenfeier. Der DAAD fördert den Master aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Grothus lobte, dass die Studierenden trotz der schwierigen Situation in ihrer Heimatregion miteinander gelernt, gesprochen und einander zugehört hätten. „Dialog garantiert noch keine Verständigung – aber ohne Dialog kann es keine Verständigung und keinen Frieden geben“, sagte er.

Von Anfang an sei man im DAAD von der Idee angetan gewesen, dass Studierende unterschiedlicher Herkunft gemeinsam etwas über die zahlreichen Verbindungen von Islam, Judentum und Christentum lernen können. Der DAAD unterstützt palästinensische Studierende mit Stipendien, die Yad-Hanadiv-Stiftung der Familie Rothschild israelische. „Die Absolventen werden sich ihr Leben lang an ihre Kommilitonen und Lehrer erinnern und die Diskussionen, die sie mit ihnen geführt haben“, sagte Grothus. „Sie können etwas verändern, jeder von ihnen.“

Sarah Kanning (5. September 2017)

Weitere Informationen

Masterstudiengang „Intellectual Encounters of the Islamicate World“ 

Dialog fördernde Fachstudiengänge

DAAD-Referat Hochschulstrukturförderung in der Entwicklungszusammenarbeit / P 31: 

Lars Gerold

gerold@daad.de

0228 882-685

Christian Stegmann

stegmann@daad.de

0228 882-8971