Vermittlerin zwischen den Kulturen

Catherina Hess

Die ägyptische Germanistin und Literaturwissenschaftlerin Hebatallah Fathy lehrt derzeit als Gastprofessorin an der LMU München 

Seit 20 Jahren fördert der DAAD mit seinem Gastdozentenprogramm die Lehrtätigkeit ausländischer Hochschullehrer an deutschen Hochschulen und stärkt damit die internationale Dimension in der Lehre. Die ägyptische Germanistin und Literaturwissenschaftlerin Hebatallah Fathy hält derzeit eine Gastprofessur in München. Im Interview spricht sie über ihre Leidenschaft für die deutsche Kultur und Sprache, ihre langjährigen Verbindungen zum DAAD und das Leben in Deutschland.

Frau Professor Fathy, wann und unter welchen Umständen sind Sie das erste Mal mit Deutsch in Berührung gekommen?

Hebatallah Fathy: Das war in meiner Kindheit. Mein Vater wurde als Diplomat in die DDR entsandt. Wir lebten mehrere Jahre in Ostberlin, wo ich Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre auch die Grundschule besuchte. Die Liebe zur deutschen Sprache und Literatur prägte sich zur damaligen Zeit sehr aus. Deshalb waren sich meine Eltern einig, dass ich nach der Rückkehr nach Ägypten im deutschen Bildungssystem bleiben sollte. In Kairo war ich an einem deutschen Gymnasium, das von katholischen Ordensschwestern betrieben wird. Abgeschlossen habe ich meine Schulzeit in Wien, da mein Vater nach Österreich versetzt wurde. Dort habe ich 1990 maturiert, also das Abitur abgelegt.

Und dieses Interesse für die deutsche Sprache und die deutsche Kultur – Sie sprechen sogar von „Liebe“ –, die sich in ihrer Kindheit entwickelte und in der Jugend verfestigte, beeinflusste Ihre Studienwahl?

Ja, ich entschloss mich zum Studium der Germanistik, und zwar in Kairo, wo ich dann auch mit einer Dissertation über die barocke Ode promoviert wurde. Veröffentlicht habe ich die Arbeit 2007 in Hamburg. Immer wieder hielt ich mich während der Studienzeit in Deutschland auf, was für mein Forschungsgebiet und meine wissenschaftlichen Interessen unabdinglich war – und auch jetzt noch ist. Allein für die Dissertation war ich zwei Jahre in Münster. Im Laufe der Zeit konnte ich durch diese längeren Aufenthalte ein Netzwerk mit deutschen Kollegen in Münster, München, Gießen, Bayreuth und Berlin bilden.

Welche Rolle kam dem DAAD dabei zu?

Der DAAD war von Anbeginn sehr wichtig, und das in vielerlei Hinsicht. Seit meiner Studienzeit habe ich einen intensiven Kontakt zum DAAD als Förderorganisation und in unterschiedlichen Phasen meiner akademischen Karriere von verschiedenen Programmen profitiert: vom Hochschulsommerkurs für Germanistikstudenten weltweit beispielsweise, aber auch von Stipendien zu Materialsammlungen für meine Magisterarbeit und einem Stipendium für die Promotion. Hervorheben möchte ich die Beratungen, die die DAAD-Außenstelle in Kairo leistet und die Betreuung durch die DAAD-Lektoren. Mittlerweile arbeite ich in Kairo in der DAAD-Alumni-Akademie mit und sitze in mehreren DAAD-Auswahlkommissionen verschiedener Förderprogramme.

Seit Herbst 2016 sind Sie DAAD-Gastprofessorin in München. Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Ich biete verschiedene Veranstaltungen zu interkulturellen und komparatistischen Fragestellungen an. Im Wintersemester 2016/2017 habe ich zum Beispiel eine Vorlesung zu den Konvergenzen, Kontakten und zum Austausch zwischen deutschsprachiger und arabischer Literatur gehalten. Zu meiner großen Freude darf ich sagen, dass die Lehrveranstaltungen in aller Regel besonders gut besucht sind. Und die Rückmeldungen der Studierenden sind ebenfalls positiv. Ich habe den Eindruck, dass meine Erfahrungen und meine fachliche Expertise in der Lehre hier in Deutschland optimal genutzt werden. Auf ganz persönlicher Ebene sehe ich die Gastprofessur an einer so renommierten Universität wie der LMU München als großen Pluspunkt für meine weitere berufliche Karriere.

Welche Anliegen verfolgen Sie mit Ihren Veranstaltungen? Was ist Ihnen wichtig?

Für die Absolventen des Instituts für Deutsch als Fremdsprache in München, die als zukünftige Lehrer in fremdsprachlichen Kontexten die deutsche Sprache und Kultur weltweit vermitteln werden, ist es besonders wichtig, dass sie über die Literatur Einblicke in andere Kulturen erhalten, gerade in die vielfältigen arabischen Kulturen. Dazu möchte ich einen Beitrag leisten. Gleichzeitig habe ich hier die Möglichkeit, durch meine Lehrveranstaltungen die Studierenden für kulturspezifische Bedingungen des Lehrens und Lernens der deutschen Sprache zu sensibilisieren. Ich sehe das als wichtigen Teil meiner Aufgaben, zwischen den Kulturen zu vermitteln.

Seit vielen Jahren haben Sie immer wieder längere Zeit in Deutschland gelebt. Was hat sich aus Ihrer Sicht verändert?

Anders als früher sehe ich mich gezwungen, ständig den Islam erklären zu müssen. Die im Namen des Islam verübten Anschläge der letzten Jahre haben, so mein Eindruck, zu einer tiefen Verunsicherung geführt, die selbst gebildete Schichten erfasst hat. Man merkt das schon bei den Reaktionen auf das Kopftuch. Gleichzeitig gibt es offene, angeregte Diskussionen mit meinen Studenten, die sich aufgrund der aktuellen Situation in Deutschland und der Aufnahme vieler Flüchtlinge aus der arabischen Welt sehr für die Kulturen dort interessieren und nach sachlichen Informationsquellen suchen. Ich bin sehr dankbar, dass ich hier zu differenzierten Perspektiven beitragen kann. Besonders positiv habe ich die großartige Hilfsbereitschaft und das ehrenamtliche Engagement der Deutschen im Umgang mit den Geflüchteten wahrgenommen. Es ist bemerkenswert, wie diese Menschen umfangreiche Unterstützung erfahren und dadurch einen Weg zurück ins Leben gefunden haben.

Hebatallah Fathy ist Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Kairo. Nach mehreren Forschungsaufenthalten in Deutschland hat sie derzeit eine Gastprofessur an der LMU München inne.

Marcus Klein PhD/cleevesmedia (8. August 2017)

Weiterführende Informationen

Förderung ausländischer Gastdozenten