„In Kopf und Herz eine Markierung für die Ewigkeit“: DAAD-Stipendiaten über die Lindauer Nobelpreisträgertagung 2017

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Academic Dinner: die Gruppe der DAAD-Stipendiaten mit Nobelpreisträger Martin Chalfie (3. v. r.) und Holger Finken (2. v. r.), Leiter des Referats Forschungsprogramme im DAAD

Einmal im Jahr treffen sich in Lindau am Bodensee rund 30 Nobelpreisträger, vorwiegend aus den naturwissenschaftlichen Disziplinen, zum Fachgespräch mit den talentiertesten Nachwuchsforschern aus aller Welt. Unter den 420 ausgewählten Talenten waren im Juni 2017 auch wieder sieben DAAD-geförderte Doktoranden, Postdocs und Studierende der Chemie – aus Armenien, China, Indien, dem Libanon, den Palästinensischen Gebieten sowie aus Russland und Tschechien. „Im direkten Gespräch hatten sie die Chance, mit den Nobelpreisträgern über wissenschaftliche Theorien, Karrierewege, Lehrerfahrungen oder Lebensentscheidungen zu sprechen“, erzählt Dr. Holger Finken, Referatsleiter für Forschungsprogramme im DAAD. Bei dem vom DAAD ausgerichteten Academic Dinner mit Professor Martin Chalfie aus den USA (Nobelpreis für Chemie 2008) ging es außerdem um die politische Dimension und gesellschaftliche Rolle der Wissenschaft.

Holger Finken zieht begeistert Bilanz: „Besonders beeindruckend war das sehr hohe Niveau des Austauschs in allen konkreten Fragen. Vielleicht haben bei dieser Gelegenheit auch künftige Nobelpreisträger Fragen an die erfahrenen Laureaten gestellt.“ Finkens Vorfreude gilt nun zwei weiteren Treffen mit nominierten DAAD-Stipendiaten: der 6. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften, bei der Ende August rund 20 Nobelpreisträger und 350 junge Ökonomen erwartet werden, und dem 5. Heidelberg Laureate Forum für Mathematik und Informatik Ende September 2017.

DAAD-Stipendiaten auf der Lindauer Nobelpreisträgertagung 2017

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Vanda Dašková: "Die Atmosphäre war so inspirierend, offen und locker"

Vanda Dašková aus Tschechien arbeitet im Bereich Organische Chemie und mit DAAD-Stipendium an ihrer Masterarbeit am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr.

Frau Dašková, welche Erwartungen hatten Sie an Ihre Begegnung mit den Nobelpreisträgern?

Vanda Dašková: Ich hatte große Erwartungen – und dann übertraf die Wirklichkeit meine Vorstellungen. Die Atmosphäre war so inspirierend, offen und locker. Es gab zum Teil wunderbar lustige Tipps dazu, wie man eine Nobelpreismedaille bekommt. Aber natürlich waren die fachlichen und menschlichen Ratschläge für die Organisation meiner eigenen Karriere ernst gemeint und hilfreich. Martin Chalfie hat zum Beispiel konkrete Hinweise gegeben, wie man erfolgreich eine Bewerbung für die PhD- oder Postdoc-Phase schreibt. Das nützt mir sehr. Alle Nobelpreisträger haben zudem eindringlich davon gesprochen, worauf wir uns konzentrieren sollten, um in der Zukunft gute Chemiker, aber gleichzeitig auch gute Menschen zu werden!

Wie wird man ein guter Chemiker und ein guter Mensch?

Indem man als Wissenschaftler darauf achtet, was man wie und warum tut. Mit Professor Mario José Molina aus Mexiko, der 1995 mit zwei Kollegen den Nobelpreis für Arbeiten zur Atmosphärischen Chemie bekam, haben wir zum Beispiel über den Klimawandel und Kohlenstoffdioxid diskutiert. Ihm ist es zu verdanken, dass man die Gefahr von Sprühdosen für die Ozonschicht erkannt hat.

Wie war der Austausch mit den vielen jungen Kollegen?

Anders als ich waren die meisten schon Doktoranden und Postdocs. Zusätzlich zum spannenden fachlichen Austausch haben sie mir auch weitere wertvolle Tipps gegeben, etwa zu Stipendienbewerbungen. Wir haben außerdem darüber debattiert, ob wir uns der akademischen Forschung und Lehre oder einem Job in der chemischen Industrie zuwenden möchten. Der niederländische Nobelpreisträger Bernard Feringa hat beides gemacht: Nach zehn Jahren Arbeit in der Industrie ist er noch ein sehr erfolgreicher Universitätsprofessor geworden und hat 2016 den Nobelpreis erhalten. Die Wege bleiben also offen. Für mich ist die Universität zur Zeit interessanter.

DAAD-Stipendiaten auf der Lindauer Nobelpreisträgertagung 2017

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Wassim W. Ayass: "Es war eine überwältigende Erfahrung"

Wassim W. Ayass, Chemieingenieur aus dem Libanon, schließt mit DAAD-Stipendium seinen PhD in Chemie Ende September 2017 an der Jacobs University Bremen im Bereich Anorganische Synthese und Katalyseforschung ab.

Herr Ayass, was bleibt Ihnen vom Nobelpreisträgertreffen in Erinnerung?

Wassim W. Ayass: Es war eine überwältigende Erfahrung. Ich habe bestimmt schon 15 wissenschaftliche Konferenzen in meiner Laufbahn besucht, aber diese Woche in Lindau hinterlässt in Kopf und Herz eine Markierung für die Ewigkeit. Es sind die vielfältigen enthusiastischen Vorträge und Diskussionen über Wissenschaft, Politik, Ökonomie und Lebenserfahrungen inmitten der wunderschönen Natur am Bodensee, die bleiben werden – das Netzwerk, das ich knüpfen konnte, und die neuen Freunde, die ich gefunden habe.

Welche Debatten haben besondere Spuren hinterlassen?

Neben der Wissenschaft an sich haben die Nobelpreisträger auch die großen Fragen nach der Rolle der Wissenschaft für die Gesellschaft angesprochen. Warum tun wir, was wir tun? Wir sprachen über Wirkstofftransporte, über Antibiotika und Resistenzen, über globale Erwärmung. Außerdem hatte ich Gelegenheit, mit einer Direktorin von BASF einen Diskurs mit jungen Wissenschaftlern zu leiten, bei dem es um Kreislaufwirtschaft und ihre Umsetzung ging. Lindau war also auch eine ideale Plattform für die Begegnung von Wissenschaft und Industrie. Zentral waren für mich zudem Debatten über die Verantwortung des Wissenschaftlers als Führungspersönlichkeit in der Gesellschaft. Auf dem Academic Dinner mit Nobelpreisträger Martin Chalfie haben wir von dessen Engagement im Ausschuss für Menschenrechte der National Academies of Sciences in den USA erfahren. Solches Engagement brauchen wir heutzutage und wir, die Jungen, sind jetzt dran, das zu machen. Ich glaube, wir können Wissenschaft nicht von der Gesellschaft trennen.

Ist es Ihr Traum, als Chemiker in die Welt der Besten zu gelangen?

Chemie ist meine Passion. Aber manchmal muss ich auch meine Batterien aufladen und das mache ich mit Musik. Ich habe auch eine klassische Stimmausbildung, singe Konzerte und mein zweiter Traum ist eine Karriere als Opernsänger. Aus dem Gesang erhalte ich meine Inspiration für die Chemie. Während ich singe, nehme ich eine Denkpause und bin danach wieder in der Lage, kreativ zu arbeiten. In jedem Fall halte ich es so, wie es uns die Laureaten empfohlen haben: Nie vergessen, das Leben und die Familie zu genießen! Deshalb bin ich in Lindau auch mit einem Kollegen mit dem Boot raus auf den Bodensee gefahren. Die Alpen im Blick, sind wir dann auch geschwommen. Das Leben ist wie die Wissenschaft ein Abenteuer!

DAAD-Stipendiaten auf der Lindauer Nobelpreisträgertagung 2017

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Lyaysan Amirova: "Man erfährt vieles über Inspiration in der Wissenschaft"

Dr. Lyaysan Amirova, Chemikerin aus Russland, arbeitet mit einem DAAD-Postdoc-Stipendium am Leibniz-Institut für Polymerforschung in Dresden.

Frau Dr. Amirova, das Nobelpreisträgertreffen diente auch dem Dialog der Generationen – was konnten Sie von den älteren Laureaten lernen?

Lyaysan Amirova: Mich hat interessiert zu erfahren, wie so ausgezeichnete Forscher ihr der Wissenschaft verschriebenes Leben mit dem ganz normalen Alltagsleben kombinieren konnten. Wie lassen sich Partnerschaften und Familienwünsche organisieren, wenn beide Partner erfolgreiche Forscher sind? Wie wichtig Gleichberechtigung ist, weiß in der Theorie jeder − aber in der Praxis? Wie geht man mit dem wissenschaftlichen Wettbewerb um, der sich möglicherweise in einer Beziehung einstellt? Die Nobelpreisträger haben uns auch zu ihren privaten Erfahrungen und Lebensentscheidungen sehr offen und freundlich Auskunft gegeben.

Wer hat Sie besonders beeindruckt?

Ich war zum Beispiel von Dan Shechtman aus Israel tief bewegt, der 2011 den Nobelpreis für Chemie erhielt und am Technion in Haifa Professor ist. Er hat Familie – und aus meiner Sicht waren seine Erklärungen zum Thema Wissenschaft und Familienleben und dazu, wie er sein persönliches Leben nach dem Erhalt des Nobelpreises gemanagt hat, sehr einleuchtend und weise. Er hat sich dann stärker auf die Lehre konzentriert und unterrichtet nun sogar sehr junge Kinder. Von solchen Lebenswegen zu erfahren, hat mich sehr inspiriert.

Welche fachlichen Fragen hatten Sie?

Mein Forschungsgebiet ist eigentlich etwas entfernt von dem, was auf dem Treffen in Vorlesungen vorgestellt wurde. Bei mir geht es um Kunststoffe und neue Materialien, die in der Flugzeugindustrie verwendet werden. Trotzdem waren die Vorträge für mich ein Genuss. Man erfährt vieles über Inspiration in der Wissenschaft und darüber, unter welchen Bedingungen in der Forschung Entdeckungen gemacht werden.

Interviews: Bettina Mittelstraß (12. Juli 2017)