Ein Jahr nach Nordamerika

Fabian Stürtz

Dierk Peters: "Aus New York kommt der progressive Gedanke des Jazz"

Sie sind Künstler, Ingenieure, Biologen, Geistes- oder Sozialwissenschaftler – aber eines verbindet sie: Sie packen zurzeit die Koffer. Und sie nehmen sich Zeit, ein anderes Land und seine Kultur, ein neues Studienumfeld und seine Besonderheiten kennenzulernen: 130 junge deutsche Studierende werden ab September 2016 mit einem DAAD-Stipendium im Rahmen des Nordamerika-Programms für mindestens ein Jahr an Universitäten in den USA und Kanada studieren. Der Jazzmusiker Dierk Peters, die Soziologin Malou Windeler und die Maschinenbauerin Johanna Ehlers erzählen von ihren Motiven, Plänen und Hoffnungen.

„Wenn ich in 20 Jahren auf mein Leben zurückblicken würde und dann sähe, dass ich immer in Köln gewesen bin – das könnte ein wehmütiger Moment werden.“ So dachte Dierk Peters, der noch nie länger im Ausland studiert oder gearbeitet hat. Mit einem Diplom von der Musikhochschule Köln hat er sich schon vier Jahre lang als Musiker in der Kölner Szene etabliert – er unterrichtet, konzertiert und tourt. Doch der Schritt, sich nochmal ganz aus der deutschen Jazzszene zu verabschieden, ist für ihn eine Notwendigkeit. Daher bewarb er sich für ein DAAD-Jahresstipendium, um in den USA ein Masterstudium zu beginnen.

Aufbruch ins Abenteuer Auslandsaufenthalt

Jetzt packt Dierk Peters die Koffer, verkauft sein Vibraphon, wird in New York ein neues kaufen und an der New York University (NYU) Jazz studieren. „Denn New York ist das Mekka für meine Musik.“ Ohne an die Quelle seiner Musikrichtung zu gehen, fehle ihm eine wichtige Perspektive, sagt er. „Köln steht für eine spezielle Art von Jazz, eine sehr freie abstrakte Musik, die sich an der europäischen Klassik und an der Neuen Musik orientiert.“ New York sei die andere Seite der Medaille: vielseitige Szenen, jedoch mit einem konkreten Bezug zu 100 Jahren Tradition in der Jazzmusik. „Von dort kommt der progressive Gedanke dieser Musik, deshalb wird New York sicher ein großer Zugewinn für mich.“

Im Porträt: Jahresstipendiaten des Nordamerika-Programms

privat

Malou Windeler: "Mein Thema ist in Deutschland noch nicht sehr etabliert"

Kanada ist das Ziel von Malou Andrea Windeler – und die tiefgehende Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragestellungen, für die das langfristige Eintauchen in ein neues Umfeld besonders wertvoll ist. Die Berlinerin ist schon im zweiten Semester im Master „Nordamerikastudien“ an der Freien Universität Berlin mit einem Schwerpunkt in der Soziologie. Bereits für ihre Bachelorarbeit ging sie zur Feldforschung nach Nordamerika. Jetzt wird sie mit einem DAAD-Jahresstipendium an der University of British Columbia (UBC) in Vancouver an ihrer Masterarbeit im Bereich Gesundheitswesen und Medizinsoziologie schreiben. „Mich interessiert die soziologische Perspektive von Wertung und Bewertung“, sagt sie. Wie wird beispielsweise in der Krebsvorsorge Prävention gewertet? Welche Akteure aus Politik oder Ökonomie setzen Standards, bewerten die Maßnahmen? „Es geht um eine Netzwerkanalyse – eine Methode, die ich bereits an der Universität von Kalifornien in Berkeley gelernt habe und nun im Gesundheitswesen anwenden will.“

Wichtiger Wechsel der Perspektive

Da sich die nordamerikanischen Gesundheitssysteme und der kulturelle Umgang mit Gesundheit und Krankheit vom deutschen unterscheiden, hat sich Malou Windeler das Studium in Kanada gezielt ausgesucht. „Mein Thema ist in Deutschland noch nicht sehr etabliert, an der UBC aber gibt es einen Schwerpunkt im Bereich Medikalisierung, eine starke theoretische Soziologie und die School of Population and Public Health, ein Zentrum an der medizinischen Fakultät, in das man als Auslandsstudentin Einblick haben kann.“ Die Soziologin ist sich sicher, dass sie der dauerhafte Perspektivwechsel inspirieren wird, um neue Lösungsansätze für Probleme zu finden, die auch die deutsche Gesellschaft betreffen werden. „Die deutsche Bevölkerung altert und die Frage der Bewertung von medizinischen Maßnahmen wird wichtiger werden.“

Im Porträt: Jahresstipendiaten des Nordamerika-Programms

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Johanna Ehlers: "Ich habe die Chance, viele andere Perspektiven und Arbeitsweisen zu erleben"

Johanna Ehlers kommt aus Kiel, ist Maschinenbauerin und packt die Koffer für die Stanford University in Kalifornien. Das Spezialgebiet der Norddeutschen sind Umströmungen von Festkörpern – zum Beispiel von Tragflügeln, in Gasturbinen oder bei Windkraftanlagen. Für ihre Bachelorarbeit an der Technischen Universität (TU) München hat sie in Dampfturbinen die Geometrie eines Doppelhammerkopffußes optimiert, der die Schaufeln der Turbine mit der Welle verbindet. Für diese Forschungsarbeit und für einen Studienaustausch war Johanna Ehlers bereits 2015 in Kanada.

Interkultureller Austausch und Vernetzung

Von Kanada aus orientierte sich Johanna Ehlers für ein Masterstudium im Bereich Maschinenbau in Richtung USA und begeisterte sich für Forschungsprojekte an der Stanford University. „Außerdem erhoffe ich mir, mehr über die amerikanische Kultur zu erfahren und viele weitere Kontakte zu knüpfen.“ Sie ist neugierig auf die amerikanische Organisation des Studiums und die internationalen Studierenden. „Ich habe die Chance, viele andere Perspektiven und Arbeitsweisen zu erleben. Da kann man viel von anderen lernen und vielleicht auch anderen etwas mitgeben.“

Im Porträt: Jahresstipendiaten des Nordamerika-Programms

Paul Gisbrecht

Benjamin Nurgenc: "New York ist die Stadt für die Künste, unvergleichlich die Dichte an Galerien und Museen"

Anregender Erfahrungsaustausch

Ende April 2016, auf dem Bonner Vorbereitungsseminar für deutsche DAAD-Jahresstipendiaten, die nach Nordamerika gehen, kamen die jungen Menschen zunächst einmal untereinander in Kontakt. Der bildende Künstler und DAAD-Alumnus Benjamin Nurgenc, der am Pratt Institute in New York ein Jahr Freie Kunst im Rahmen eines Masterprogramms studierte, teilte dort seine Erfahrungen. „New York ist die Stadt für die Künste, unvergleichlich die Dichte an Galerien und Museen. Ich kam mit einem guten Plan und alles hat funktioniert.“ Benjamin Nurgenc erkundete die Großstadtlandschaft, zeichnete und fotografierte viel und entwickelte aus den Fotos und Zeichnungen abstrakte Skulpturen, baute Landschaften aus dem Bauschutt eines im Wandel befindlichen Industrieviertels in Brooklyn. „Die Stadt in der Fremde gibt einem Impulse für die eigene Weiterentwicklung. Man muss raus und was Anderes sehen, das wirkt und verändert einen.“

Benjamin Nurgenc hat heute ein für ihn wichtiges großes Netzwerk. Er verfolgt Pläne zu Ausstellungen mit Künstlern, die er in den USA kennengelernt hat. Den Musiker Dierk Peters beeindruckt das. Auch er möchte das Jahr in New York nutzen, „um an meiner Musik zu arbeiten und Inspiration zu sammeln“. Johanna Ehlers plant in weiter Ferne auch eine Doktorarbeit, um eines Tages vielleicht international in der Energietechnik zu arbeiten. Und Malou Windeler ist gespannt, ob sich in Kanada eine Lebensfrage für sie löst: „Wo ist in Zukunft mein Platz? In Kanada oder in Deutschland, wohin ich dann andere Perspektiven mitbringen werde?“

Bettina Mittelstraß (22. Juni 2016)