„DAAD-Lektoren berichten aus...“: Jerusalem – Kristina Reiss

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Als die Lektorin Kristina Reiss nach Jerusalem kam, war sie sofort verzaubert von der Stadt, den Menschen und der kulturellen Vielfalt

Dr. Kristina Reiss unterrichtet säkulare, orthodoxe und arabische Israelis. In den Seminaren diskutieren sie auf Deutsch, lesen Kant und hören Musik von „Rosenstolz“ oder Tim Bendzko. Kristina Reiss kennt die schwierige Sicherheitslage in Jerusalem – und erlebt zugleich viel Herzlichkeit in der Stadt.

„Israel ist ein wichtiges Partnerland für Deutschland“, sagt Kristina Reiss. Zahlreiche Forschungskooperationen und Förderprogramme zeugen davon. Die promovierte Sprachwissenschaftlerin unterrichtet im vierten Jahr als DAAD-Lektorin an der renommierten Hebräischen Universität in Jerusalem – der ältesten Universität des Landes Israel. Dort erlebt sie engagierte Studierende, deren Deutschlandbild überaus positiv ist und die leidenschaftlich gern über Politik, Gesellschaft, Religion, soziale Verhältnisse und die deutsche Sprache diskutieren.

Zwischen Alltag und Konflikten

„Für junge säkulare Israelis ist Deutschland ein großes, grünes Land, das funktioniert“, berichtet Kristina Reiss. Für manche stelle es ein Gegenbild zu ihrer Heimat dar: Israel – nicht mal so groß wie Mecklenburg-Vorpommern – hat etwas mehr als acht Millionen Einwohner, seine Landesfläche besteht zu 50 Prozent aus Steppe und Wüste und der Staat kämpft mit zahlreichen Problemen – wirtschaftlicher, politischer, religiöser und sozialer Art.

Hohe Lebenshaltungskosten, der Mangel an bezahlbarem Wohnraum und etliche andere soziale Unstimmigkeiten führten in den Jahren 2011 und 2012 zu Massenprotesten im ‚Heiligen‘ Land. Hinzu kommt der ständig schwelende und zuletzt wieder eskalierte Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. In keiner anderen israelischen Stadt spürt man das wohl so deutlich wie in Jerusalem. „Jerusalem ist ein Pulverfass“, sagt Kristina Reiss, die mitten in der Altstadt Jerusalems wohnt. „Hier ist man mittendrin im Nahost-Konflikt.“

Dennoch war die Lektorin „sofort verzaubert von der Stadt, von den Menschen, den Kulturen und Religionen – der Diversität in dieser Stadt“, als sie nach Jerusalem kam. Vor dem DAAD-Lektorat an der ältesten und bedeutendsten Universität des Landes sammelte Kristina Reiss bereits vielfältige Lehr- und Forschungserfahrungen an den Universitäten in Oxford und Portsmouth in Großbritannien, am Goethe-Institut in Helsinki in Finnland, als Juniorprofessorin an der Universität Oldenburg und schließlich an der Schmidt-Schule für palästinensische Mädchen in Ostjerusalem.

Kristina Reiss wohnt in der Altstadt unweit der Grabeskirche. Die achte Station des Kreuzweges, die von Touristen und Pilgern hochfrequentierte Via Dolorosa, ist nur 50 Meter entfernt. „Ich fühle mich hier relativ sicher“, sagt sie und erzählt von Wanderungen und anderen Aktivitäten mit Freunden und Kollegen. Das stets spannungsgeladene Umfeld wirkt sich aber auch auf ihren Alltag aus. „Am Freitag sollte man Einkäufe auf dem großen Markt eher vermeiden, da dieser durchaus ein Anschlagsziel sein könnte“, sagt die Lektorin.

Spiegel der Gesellschaft

Die Vielschichtigkeit der israelischen Gesellschaft spiegelt sich auch unter den Studierenden wieder, berichtet die DAAD-Lektorin: „Im Seminar studieren säkulare, orthodoxe und arabische Israelis zusammen. Das führt mitunter manchmal zu kontroversen Diskussionen über die politische Lage, religiöse Rituale und soziale Verhältnisse.“ In den Seminaren von Kristina Reiss haben die Studierenden die Möglichkeit, verschiedene Standpunkte kennenzulernen und sich damit auseinanderzusetzen – und zwar auf Deutsch. Sie nutzen diese Chance. „Leider studieren nur wenige Deutsch oder Germanistik, aber die sind dafür sehr gut und sehr engagiert“, erzählt sie. „Wir lesen Kant, Nietzsche und Heine. Die Studenten haben ein großes Interesse an deutscher Sprache und Kultur und es ist toll, wenn sie nach einem halben Jahr Deutschunterricht die Texte des Pop-Duos ‚Rosenstolz‘ oder von Tim Bendzko verstehen.“

Für Israelis der dritten und vierten Generation habe der Holocaust nicht mehr so eine zentrale Bedeutung wie auf der politischen Ebene, so die Erfahrung der Lektorin. Vielmehr begegne ihr Offenheit, hohes Interesse sowie eine enorme Begeisterung junger Israelis für Deutschland und ein fast einhelliges Schwärmen für Berlin, „der großen Schwester von Tel Aviv“. Die Lektorin schätzt ihre Studierenden sehr: „Sie sind sehr freundlich und ausgesprochen herzlich. Nach den Semesterferien freue ich mich richtig auf die Studenten, die Universität und natürlich – auf Jerusalem.“

Claudia Wallendorf (28. Dezember 2015)

Stand: 18.02.2016