Herausragende Fächervielfalt

HCLA

Teilnehmer der internationalen Tagung "Hans-Georg Gadamer und die Hermeneutik des Gesprächs": Auch ambitionierter philosophischer Austausch ist Teil der Forschungsarbeit am Heidelberg Center Lateinamerika

Teil vier der „DAAD Aktuell“-Serie über den erfolgreichen Aufbau von vier „Exzellenzzentren in Forschung und Lehre“ widmet sich dem Heidelberg Center Lateinamerika (HCLA). 2001 als Postgraduierten- und Weiterbildungszentrum der Universität Heidelberg in Santiago de Chile gegründet, organisiert das Exzellenzzentrum seit 2009 mit DAAD-Förderung aus Mitteln des Auswärtigen Amts eine thematisch überaus vielschichtige deutsch-lateinamerikanische Kooperation. Partner sind die Pontificia Universidad Católica und die Universidad de Chile – die am höchsten gerankten Universitäten Chiles.

Wasser ist knapp rund um die Metropolregion Santiago de Chile. Das führt zu Konflikten – zum Beispiel zwischen Industrie und Landwirtschaft, deren Akteure sich um Wasserrechte streiten. Der chilenische Soziologe Tomás Usón kennt die Probleme – er hat sie am Heidelberg Center Lateinamerika (HCLA) in seiner Masterarbeit im interdisziplinären Studiengang „Governance of Risks and Resources“ präzise analysiert und meint: „Für Kompetenz in Umweltfragen braucht man einen fächerübergreifenden Blickwinkel und einen umfassenden theoretischen wie praktischen Einstieg in das Thema – das hat mir dieses Programm geboten.“

Verständnis für Probleme lateinamerikanischer Gesellschaften

Tomás Usón möchte dazu beitragen, dass sich Politik – zum Beispiel wenn es um Umweltfragen geht – verstärkt auf unabhängige wissenschaftliche Information stützt und die Interessen aller Akteure berücksichtigt. Für seine berufsbegleitende Weiterbildung suchte er daher keine Spezialisierung, sondern breiteres Wissen für das Verständnis von komplexen Problemen, die die Gesellschaften Lateinamerikas beschäftigen. „Es gibt bei uns eine neue gesellschaftliche Diskussion um mehr Nachhaltigkeit etwa in der Minenindustrie, aber auch in der Landwirtschaft“, erklärt der Chilene. Die deutsch-chilenische Kooperation am HCLA vermittelt seiner Ansicht nach genau die richtigen Kompetenzen, die in dieser Debatte zunehmend gefragt sind. „Die deutsche Seite bringt viel Erfahrung mit Umweltthemen ein und durch die Zusammenarbeit mit den geografischen Instituten der chilenischen Partneruniversitäten werden neue Perspektiven für die Region entwickelt.“

Kooperation mit überregionaler Ausstrahlung

Die Aktivitäten konzentrieren sich auf Fächer, in denen an der Universität Heidelberg besondere Expertise vorhanden ist und die in Chile und Lateinamerika von prioritärem Interesse sind, sagt Dr. Walter Eckel, Direktor des HCLA mit Blick auf die enorme Fächervielfalt. Nicht nur die Geo- und Umweltwissenschaften kommen gut an, sondern auch die Promotionsstudiengänge in Astrophysik und Psychotherapie und die Masterstudiengänge in Medizinischer Physik und Medizinischer Informatik. Flaggschiff der Kooperation ist nach wie vor der Masterstudiengang in Internationalem Recht, der außer von der Universität Heidelberg und der Universidad de Chile noch vom Heidelberger Max-Planck-Institut für Völkerrecht und weiteren Instituten in Chile sowie vom DAAD mit einem juristischen Fachlektor gefördert wird. „Wir können den großen amerikanischen Law Schools damit das Wasser reichen“, sagt der Direktor des HCLA. „Die besten Absolventen der juristischen Fakultäten Lateinamerikas sind früher immer in die USA gegangen – ein Teil kommt inzwischen zu uns.“ Dieser Erfolg und die vielen juristischen Weiterbildungsangebote, die das Heidelberg Center Lateinamerika nach Argentinien, Brasilien, Costa Rica, Kolumbien, Mexiko und Paraguay exportiert, haben den vom DAAD gewünschten Leuchtturmeffekt.

Lange Erfolgsgeschichte und große Anziehungskraft

Die Zusammenarbeit in der Rechtswissenschaft oder auch auf dem Gebiet der Psychotherapie reicht mehr als zehn Jahre zurück. Mit einer Anschubfinanzierung durch das Land Baden-Württemberg startete das Heidelberg Center Lateinamerika bereits im Jahr 2002. Mit der 2009 im Rahmen der Außenwissenschaftsinitiative bewilligten DAAD-Förderung für den Ausbau der Exzellenz in Forschung und Lehre konnte das angebotene Fächerspektrum dann erheblich erweitert werden. Als „Flying Faculty“ aus Heidelberg halten deutsche Wissenschaftler im HCLA regelmäßig Lehrveranstaltungen. Zudem ergänzen Sommerschulen und internationale Seminare immer wieder das Programm – das alles entfaltet eine große Anziehungskraft. Die Studierenden nehmen große Anstrengungen auf sich, um am Exzellenzzentrum zu lernen, erzählt Walter Eckel. „Ein Kolumbianer kam sogar mit dem Bus aus Bogotá angefahren.“

Das Exzellenzzentrum wurde positiv evaluiert und wird vom DAAD für zunächst zwei weitere Jahre bis 2016 gefördert. Eckel zeigt sich optimistisch, dass der Förderzeitraum auch noch bis 2019 erweitert wird, denn „nach gelungener Vernetzung in der Lehre legen wir den Fokus jetzt stärker auf die Forschung und machen damit dem Namen ‚Exzellenzzentrum in Forschung und Lehre‘ alle Ehre.“ Dass Leuchtturmprojekte wie das HCLA eine Ausstrahlung für die gesamte Region besitzen, zeigte sich kürzlich auch an einer internationalen Tagung zur Philosophischen Hermeneutik Hans-Georg Gadamers, auf der sich namhafte Philosophen aus Lateinamerika, den Vereinigten Staaten und Europa mit Gadamers Theorie des Verstehens auseinandersetzten.

Bettina Mittelstraß (22. April 2015)

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Heidelberg Center Lateinamerika