Computer für den akademischen Aufbau

DAAD

Auch das Verständnis der Hardware gehört zur Ausbildung

Seit 2002 koordiniert der DAAD mit Sondermitteln des Auswärtigen Amtes den deutschen Beitrag zum Aufbau der Hochschulen in Afghanistan. Zu den geförderten Fächern gehört auch der Bereich der Informationstechnologie (IT), der seit Beginn des Aufbauprogramms kontinuierlich von der Technischen Universität Berlin betreut wird. In diesem Rahmen wurde Anfang 2014 das Information Technology Center an der Universität Kandahar eröffnet – als letztes von insgesamt fünf Rechenzentren, die Eckpfeiler eines landesweiten akademischen IT-Netzwerks sein werden.

Es ist ein Meilenstein, der dreizehn Jahre leidenschaftlichen Engagements markiert: Alle fünf Rechenzentren sind in Betrieb. Im Zentrum Afghanistans (Kabul), im Osten (Jalalabad), im Westen (Herat), im Norden (Mazar-i-Sharif) und im Süden (Kandahar) organisieren sie die lokale und regionale akademische IT-Ausbildung. „Jede Person, die wir ausbilden, wird vom Markt gesucht“ – den Satz von Dr. Nazir Peroz, Projektleiter an der Technischen Universität Berlin, können nicht viele Menschen sagen. Doch in Afghanistan ist die IT auf dem Vormarsch, und noch sind nur wenige der 28 Millionen Einwohner des Landes darin geschult. „Die Berufsaussichten sind hervorragend“, resümiert Peroz. Mehr als 4.500 afghanische Hochschulangehörige wurden inzwischen an den fünf Rechenzentren in Informations- und Datenverarbeitung ausgebildet. Eine eigens eingerichtete IT-Abteilung des afghanischen Hochschulministeriums führt jährliche Konferenzen mit den IT-Beauftragten der afghanischen Hochschulen durch. Bereits 50 afghanische Dozentinnen und Dozenten der IT haben in Berlin ihren Master-Abschluss erworben, die ersten Promovenden wurden ausgewählt.

Zu den Rechenzentren gehören Computerlabore, die die Studierenden auch privat nutzen können – zum Surfen wie zum Abfragen ihrer Mails. Die Begeisterung für die neue Technik ist von Anfang an groß gewesen, sagt Nazir Peroz: „Das sind lauter wissbegierige, talentierte junge Leute. Die nutzen die neuen Computer intensiv.“ In der IT-Ausbildung lernt diese hoffnungsvolle Generation mehr als reines Programmieren, findet Dr. Alexander Kupfer, der beim DAAD den Arbeitsbereich Afghanistan leitet: „Sie lernt strukturiertes Denken und erhält damit eine Kompetenz zur Selbsthilfe: Was will ich erreichen, und wie gehe ich es Schritt für Schritt an, damit es am Ende funktioniert? Das ist eine Philosophie fürs Leben.“

IT als Motor der afghanischen Wirtschaft

Die Informatik-Ausbildung ist in Afghanistan mit einem hohen Prestige verbunden und stark nachgefragt – auch bei Frauen. „Vor 2002 gab es keine einzige Studentin in Afghanistan“, sagt Kupfer. „Jetzt sind es schon zwanzig Prozent.“ Gerade die IT bietet einen großen Vorteil für sie: „Es gibt viele Möglichkeiten, von zu Hause aus zu arbeiten“, erklärt Nazir Peroz. „Die Frauen haben ihre Chancen auf eine Karriere erkannt und nutzen sie.“ Er schätzt, dass die IT-Branche bald 20 bis 30 Prozent der Wirtschaftskraft in Afghanistan ausmachen könnte.

Wie in anderen der vom DAAD in Afghanistan geförderten Fachbereiche – deren Labore zu Beginn des Aufbaus noch ohne Strom und fließendes Wasser waren, wo bereits die Beschaffung kleinster Verschleiß- oder Verbrauchsmaterialien größten Aufwand erzeugte und die Qualifikation der Dozenten sich oft kaum auf dem Niveau deutscher Erstsemester befand – ist es in der IT gelungen, die schlimmsten Notstände zu überwinden. Der Weg dorthin war lang und ist noch längst nicht zu Ende beschritten. Immer noch gilt es, etwa im täglichen Kampf mit infrastrukturellen Schwächen wie der unsicheren Stromversorgung, zurechtzukommen.

Ausbildungsniveau der Lehrkräfte erhöhen

Besonders gravierend, meint Alexander Kupfer, sei die wachsende Zahl der jungen Leute, die keinen Studienplatz erhalten, weil die Hochschulen dem Ansturm trotz aller Investitionen nicht gewachsen sind. „Die Hälfte bis zwei Drittel der Bewerber scheitert an den Zulassungsschranken und ist anschließend natürlich frustriert. Diese Situation halte ich für viel gefährlicher als die Taliban und Warlords.“ Doch das Glas sei nicht halbleer, sondern halbvoll: Möglicherweise könne mittel- und langfristig, auch mit Unterstützung des IT-Netzwerkes, ein ergänzendes Angebot der Fernlehre mit Präsenzphasen aufgebaut werden, um zumindest einige dieser Aspiranten aufzufangen.

2014 endet der Stabilitätspakt für Afghanistan – doch 2015 beginnt die Transformationsdekade, für die auf der Grundlage der bisherigen Aufbauarbeit unter dem Motto der „Übergabe in Verantwortung“ die Weichenstellung für eine nachhaltige und eigenständige afghanische Entwicklung angestrebt ist. „Wir werden das Ausbildungsniveau der Dozenten erhöhen und deutlich mehr Stipendien anbieten“, kündigt Kupfer an. „Das ist die nachhaltigste Investition in die Zukunft.“ Um die neu implementierten Bachelor-Curricula unterrichten zu können, wird eine ausreichende Zahl an Lehrkräften mit Master-Abschluss benötigt. Für die Master-Ausbildung wiederum brauchen die Hochschulen eine entsprechende Anzahl von Lehrkräften mit Ph.D. „ Wir müssen dieses akademische Lehrpersonal weiterbilden, das die aktuellen und kommenden Reformen tragen muss. Es ist das A und O eines nachhaltigen akademischen Aufbaus“, erklärt Kupfer. „Die IT wird in diesem Kontext eine wichtige Rolle spielen. Hinzu kommen internationale Akkreditierungen von Studiengängen und eine fortschreitende Integration in die globale Wissensgemeinschaft, auch durch die Ankurbelung von Forschung und die Vernetzung mit der Wirtschaft.“ Zukunftsmusik? Natürlich, meint Alexander Kupfer und fügt hinzu, dass es darum ja gerade gehe – die Zukunft. In Afghanistan habe sie, jenseits der üppigen Berichterstattung über Bombenanschläge und Korruption, längst begonnen.

Redaktion (14. April 2014)