Usbekistan: Bildung und Wissenschaft

Ein Denkmal von einem Mann.

Usbekistan ist das bevölkerungsreichste Land Mittelasiens mit einer gut entwickelten industriellen und landwirtschaftlichen Basis. Die Landwirtschaft, in der circa 25 Prozent der Bevölkerung beschäftigt sind, dominiert das Leben außerhalb der Städte und trägt 20 Prozent zum BIP bei. Der Anteil der Industrie liegt bei 34 Prozent. Seit der Unabhängigkeit 1991 hat der Staat die Transformation von einer sowjetisch zentralistischen Planwirtschaft zu einem marktwirtschaftlich orientierten System noch nicht vollständig vollzogen. Usbekistan nimmt dezidiert nicht an der Eurasischen Zollunion (Russland, Kasachstan und andere) teil. Zu den wichtigsten Ausfuhrgütern gehören in Usbekistan Baumwollfasern, Energieträger, Metalle sowie Nahrungsmittel. Die wichtigsten Einfuhrgüter sind Maschinen und Ausrüstungen, chemische Erzeugnisse, Kunststoffe und Kunststofferzeugnisse, Eisen- und Buntmetalle. Wichtigster Handelspartner sind hier China und Russland.

Usbekistan verzeichnet in den vergangenen Jahrzehnten ein stabiles und stetiges Bevölkerungswachstum. Die demographische Struktur zeigt eine junge Bevölkerung. Das lässt eine ausreichend große, unter Umständen wachsende Zahl von potentiellen Studienbewerbern erwarten. Allerdings gilt zu beachten, dass das Bevölkerungswachstum vorwiegend in den ländlichen Gebieten, in den zumeist agrarisch geprägten Regionen des Landes stattfindet, wo die Situation der Schulbildung, aber auch der Hochschulbildung verbesserungsbedürftig ist. Somit führt das Bevölkerungswachstum nicht automatisch zu einer zunehmenden Zahl von (hoch)qualifizierten Studieninteressenten.

Die Kennziffern der letzten zehn Jahre belegen ein beachtliches Wirtschaftswachstum, das jedoch mit einer beträchtlichen, offiziell allerdings nicht ausgewiesenen Inflationsrate (geschätzt am laufenden, konstanten Verfall der Landeswährung SUM im Vergleich zum US-Dollar - circa 10 Prozent per annum) korreliert werden muss. Gleichwohl sind Entwicklungsschritte in vielen Bereichen von Wirtschaft und Infrastruktur erkennbar. Usbekistan steht im Vergleich zu den kleineren, im Hochgebirge gelegenen und weniger entwickelten zentralasiatischen Staaten Kirgisistan und Tadschikistan wirtschaftlich besser da. Der Nachbar Turkmenistan als dünn besiedelter Wüstenstaat mit beträchtlichen, direkt exportfähigen Gas- und Ölvorkommen genießt einen wirtschaftlichen Sonderstatus. Der flächenmäßig riesige nördliche Nachbar Kasachstan, der bevölkerungsmäßig allerdings nur halb so groß wie Usbekistan ist, zugleich aber über erheblich größere Öl- und Gasressourcen verfügt und zudem dank einer Zollunion eine enge wirtschaftliche Anbindung an Russland betreibt, zeigt in der letzten Zeit eine große Dynamik und zieht massive Investitionen an.

Demgegenüber betrieb Usbekistan seit der Unabhängigkeit 1991 eine Politik der außenpolitischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit und des strikten Schutzes seines Binnenmarktes, die sich aber nun in einem starken Wandel befindet. Vor allem die Abwertung des SUM im September 2017 und die damit einhergehende Liberalisierung des Währungsumtausches sollen zu mehr Investitionen ausländischer Unternehmen führen. Die usbekische Führung setzt auf ausgewogene wirtschaftliche Kooperation mit einer Vielzahl von auswärtigen Partnern unter denen die ost- und südostasiatischen Länder zunehmend an Bedeutung gewinnen. Neben Südkorea, Japan, China, Singapur, Indien, Pakistan, der Türkei und Russland spielt Deutschland als europäischer Partner eine herausgehobene Rolle.

Das usbekische Hochschulsystem umfasst nach der Gründung einer Universität für Journalismus 62 Hochschulen und Universitäten und gliedert sich in zwei Gruppen: Die erste, bei weitem überwiegende Gruppe umfasst staatliche usbekische Hochschulen und Universitäten. Zu der zweiten Gruppe, zahlenmäßig gering, gehören Hochschulen, die als Filialen oder Gründungen ausländischer akademischer Einrichtungen in Usbekistan nach innerstaatlichem Recht und entsprechender nationaler Akkreditierung in privater Trägerschaft aktiv sind.
Die Gruppe der ausländischen Hochschulen setzt sich gegenwärtig aus acht Universitäten bzw. Hochschul-Niederlassungen zusammen, soll aber noch weiter wachsen. Das dort angebotene Fächerspektrum ist auf Technik-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften beschränkt. Die ausländischen, beziehungsweise mit ausländischer Unterstützung gegründeten Universitäten, sind allesamt in der Hauptstadt Taschkent konzentriert, sie erheben durchweg Studiengebühren in beträchtlicher Höhe, was zu einer sozialen Selektion der Studierenden führt und zugleich dem Leistungsanspruch und dem Karrieredenken der Studierenden und ihrer Familien entspricht. Diese Hochschulen sind:

  • die Filiale der Plechanov-Wirtschaftsakademie (Russland),
  • die Filiale der Lomonossov-Universität Moskau (Russland),
  • die Filiale der Gubkin-Hochschule für Erdölwirtschaft und Petrolchemie (Russland),
  • die Westminster International University in Taschkent (Großbritannien),
  • die Turin Polytechnic University in Taschkent (Italien)
  • das Management Development Institute of Singapore (MDIS) Taschkent (Singapur)
  • die INHA Hochschule für Informationstechnologie (Republik Korea).
  • Ab Wintersemester 2018/19: Webster University in Tashkent (USA)

 Das usbekische Hochschulsystem operiert mit einem zweistufigen Studienmodell, das an das angelsächsische beziehungsweise EU-Modell - BA / MA - angelehnt ist. Der erste, grundständige Studienabschnitt der als voller, berufsbefähigender Studiengang ausgelegt ist, ist das Bakkalaureat, welches bisher eine Studiendauer von vier vollen akademischen Jahren vorsah, nun aber (Stand Juni 2018) in vielen Fächern auf drei Jahre verkürzt werden soll. Das Bakkalaureat wird durch Leistungsnachweise im Laufe des Studiums, zumeist als benotete oder nicht-benotete mündliche Prüfungen und eine BA-Abschlussarbeit erworben. Das ECTS System ist noch nicht eingeführt, soll aber wahrscheinlich schon im Wintersemester 2018/19 an ausgewählten Hochschulen erprobt werden. Das Studium ist stark verschult, das Curriculum besteht überwiegend aus Pflichtveranstaltungen, die in einem strikten, jeweils semesterspezifischen Stundenplan zusammengefasst sind. Die Studierenden durchlaufen das Studium in festen, starren Studiengruppen, in denen sie vom ersten bis zum letzten Semester gemeinsam lernen. Individuelle Wahlmöglichkeiten im Studium sind weit-gehend unbekannt, eine Unterteilung in obligatorische und fakultative Veranstaltungen sowie das Angebot von Wahlpflichtveranstaltungen sind nicht verbreitet.

Das Fächerspektrum im BA-Studium umfasst einen relativ großen Anteil (bis zu 30 Prozent) von allgemeinbildenden Pflichtveranstaltungen, zum Beispiel Hochschulsport, Landesgeschichte, allgemeine Kulturgeschichte, mathematische Grundlagen, Vorlesungen zu patriotischen Themen und Reden des Präsidenten der Republik Usbekistan. Dieser allgemeinbildende Studienanteil lässt sich in gewissen Grenzen mit einem „Studium Generale“ vergleichen, allerdings mit obligatorischen Momenten an „vaterländischer Erziehung“ und „politischer Bildung“, die jedoch mit dem bundesdeutschen Modell der politisch-demokratischen Bildung und der ihr innewohnenden Reflexions-, Diskussions- und Toleranzkultur absolut keine Ähnlichkeit besitzt.

Der zweite, nur für einen geringen Anteil der BA-Absolventen offenstehende Studienabschnitt ist das MA-Studium, das als zweijähriges Studium konzipiert ist, nun aber für viele Disziplinen auf ein Jahr verkürzt werden soll. Die usbekische Bezeichnung lautet „Magistratura“, als Abschluss wird der Magistergrad vergeben. In diesem Studium sind die fachspezifischen und auf eigenständige Forschung orientierten Anteile deutlich höher als im BA-Studium. Die Leistungsnachweise werden allerdings auch in diesem Abschnitt vorwiegend durch schriftliche und mündliche Prüfungen erworben, größere eigenständige Haus- und Semesterarbeiten sind eher die Ausnahme. Das Studium wird mit einer Abschlussarbeit beendet, die benotet und in der Regel in einer mündlichen Prüfung zu verteidigen ist.

Im Vergleich zu anderen Staaten der Region ist das Bildungsniveau jedoch als durchaus hoch anzusehen, insbesondere in bestimmten Wissenschaftsdisziplinen wie Physik und Mathematik sowie in Teilbereichen der Sozial- und Geisteswissenschaften sind respektable Leistungen zu erkennen. Die Nachfrage nach Studienplätzen übersteigt das Angebot deutlich; der usbekische Staat reguliert und beschränkt den Hochschulzugang stark. Es besteht ein Mangel an hochqualifizierten Lehrkräften, was unter anderem an den niedrigen Gehältern im Hochschulsektor liegt. 2009 erfolgte im Schulsystem eine Umstellung von elf auf zwölf Jahre Schulbildung. Ebenfalls bis Ende 2009 führte Usbekistan das Bachelor- und Mastersystem an den Hochschulen des Landes abschließend ein. Nun wurde die Dauer der Schulbildung ein weiteres Mal geändert, zurück zu elf Jahren, wobei nun auch die bisherigen Mittelschulen bis zur 11. Klasse unterrichten dürfen. Dies führte zu einer Schließung einer Vielzahl an Lyzeen, da der Verbleib auf der Mittelschule als oftmals attraktiver angesehen wird. An Lyzeen sollen nur noch die wirklich talentiertesten Schüler auf ein Studium vorbereitet werden. Für das DSD-Programm der ZfA entsteht durch diese ohne große Vorankündigung durchgeführte Reform ein großes Problem, da das DSDII auf eine Dauer von zwölf Schuljahren ausgelegt ist. Zudem schrumpft wie erwähnt die Zahl der Lyzeen zusammen.
Russisch ist weiterhin die entscheidende Verkehrssprache in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Die Sprachumstellung vom Russischen auf das Usbekische und das Fehlen von aktueller Fachliteratur in usbekischer Sprache erschweren den Bildungsprozess. Die wichtigsten Fremdsprachen sind Englisch und mit erheblichem Abstand Deutsch und Französisch.

Verfasserin: Dr. Claudia Nospickel, DAAD Bonn

Der DAAD ist in Usbekistan durch ein Informationszentrum in Taschkent vertreten. Darüber hinaus besteht je ein Lektorat an der Nationalen Mirzo-Ulugbek-Universität (NUU) inTaschkent und an der Staatlichen Universität Fergana.