Aserbaidschan: Bildung und Wissenschaft

Ein Denkmal von einem Mann.

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Die aserbaidschanische Verfassung verleiht dem Präsidenten des Landes umfassende Machtbefugnisse. Er ernennt und erlässt den Ministerpräsidenten, alle Minister sowie die Gemeinderäte der 66 Provinzen. Der Staat ist zentralistisch organisiert. Die Wiederwahl des Präsidenten Ilham Alijev mit einer überwältigenden Mehrheit von 86 Prozent der Stimmen kam im April 2018 erwartungsgemäß. Im Anschluss seiner Wiederwahl, ernannte der Präsident Jeyhun Babayev zum Bildungsminister der Republik Aserbaidschan. Nach längerer Vakanz des Ministerpostens ist abzuwarten, welche Reformen nun auf den Weg gebracht werden sollen.

In Aserbaidschan bestehen staatliche und private Hochschulen sowie Militärakademien. Zudem finden sich für Hochschulen die Bezeichnungen Universität, Institut und Akademie. Ferner ist die Hochschullandschaft von einer starken Zentralisierung auf Baku geprägt. Außerhalb Bakus befinden sich noch Hochschulen in Sumgait, Lankaran, Ganja, Mingechevir, Nakhchivan und Zakatala.
Die Baku Staatliche Universität ist als größte Universität in Aserbaidschan die Einzige, die aufgrund des breiten Fächerangebotes einer deutschen Universität ähnelt. Die anderen Hochschulen sind jeweils auf eine oder einige wenige Fachrichtungen spezialisiert (zum Beispiel Staatliche Wirtschaftsuniversität, Aserbaidschanische Technische Universität).

Seit der Unabhängigkeit wurden zahlreiche (akkreditierte) Privathochschulen gegründet. Die privaten Hochschulen verfügen teilweise über umfangreichere finanzielle Mittel und entsprechend über eine gute Ausstattung. An mehreren Privathochschulen findet der Unterricht vollständig auf Englisch statt (unter anderem an der Azerbaijan University, Baku Engineering Universität, Khazar Universität).
Einen besonderen Status haben ferner die „ADA University“ (ehemals Azerbaijan Diplomatic Academy), die staatlich finanziert wird, aber nicht dem Bildungsministerium unterstellt ist, und die 2011 gegründete, von SOCAR (State Oil Company of Azerbaijan Republic) finanzierte „Baku Higher Oil School “. Beide verstehen sich als die neuen Elite-Hochschulen Aserbaidschans und versuchen, ausländisches Lehrpersonal und auch ausländische Studenten anzuwerben, mit dem Anspruch weltweit wettbewerbsfähig zu sein. Der Unterricht findet vollständig auf Englisch statt.

Auch an den staatlichen Hochschulen wächst die Anzahl der Studiengänge oder auch Fakultäten, die qualitativ hervorstechen, meist aufgrund bestehender internationaler Kooperationen oder internationaler Förderprogramme. So gibt es zum Beispiel Doppelabschlussprogramme zwischen der aserbaidschanischen staatlichen Wirtschaftsuniversität und der University of London in BWL, oder der Aserbaidschanischen Architektur- und Bauuniversität und der Istanbul Technischen Universität in Bauingenieurswesen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Studiensystem

Aserbaidschan ist 2005 dem Bologna-Prozess beigetreten und führte 2006 das ECT-System ein, das inzwischen weitgehend an allen Hochschulen umgesetzt ist. Gesetzlich verankert ist das dreistufige Bologna-System im Hochschulgesetz von 2009. Ein Bachelorstudium umfasst an den meisten Hochschulen 240 ECTS, das heißt vier Jahre. Ein Masterstudium umfasst gewöhnlich 120 ECTS, das heißt zwei Jahre. Für bestimmte Studienfächer, wie zum Beispiel Medizin, erfolgte bislang keine Umstellung.
Nach Angaben des aserbaidschanischen Bildungsministeriums nehmen 20 Prozent aller BA-Absolventen ein MA-Studium auf. Circa 11 Prozent der MA-Absolventen beginnen anschließend ein Doktorstudium.
Die staatlichen Hochschulen erheben Studiengebühren in Höhe von 500 – 1.500 Euro pro Jahr. An privaten Hochschulen oder in speziellen internationalen Studiengängen können die Kosten bis zu 10.000 Euro pro Jahr steigen. Viele Studierende können sich jedoch im landesweiten Hochschulzugangstest für eine Befreiung der Studiengebühren qualifizieren (siehe Hochschulzugang).
Der Unterricht findet in kleinen Gruppen von etwa vier bis 25 Studierenden statt. Diese Gruppen ähneln einem Klassenverband, denn meist können die Studierenden nicht zwischen verschiedenen Lehrangeboten wählen, sondern sie absolvieren alle Fächer gemeinsam. An den meisten Universitäten können die Studierenden nach wie vor zwischen dem aserbaidschanischen und dem russischen Sektor wählen. Der gesamte Unterricht erfolgt dann in dieser Sprache. Zunehmend werden parallel auch Studiengänge auf Englisch angeboten. Dies verstärkt die Tendenz der häufig sehr kleinen Studierendengruppen, besonders in den Masterstudiengängen. Dort kommt es vor, dass teilweise nur ein Student in einen Studiengang eingeschrieben ist.

Hochschulzugang

Das Staatliche Komitee für Immatrikulationsgelegenheiten (Tələbə Qəbulu üzrə Dövlət Komissiyası) führt jährlich eine zentrale Aufnahmeprüfung durch, bei der maximal 700 Punkte zu erreichen sind. Es ist festgelegt, welche Punktzahl die einzelnen Studiengänge erfordern. Abhängig von der erreichten im sogenannten TQDK-Test kann die Person entsprechend einen Studiengang auswählen. Unter anderem erfordern Studienfächer wie Medizin und Jura eine sehr hohe Punktzahl.
Den Studierenden mit den besten TQDK-Ergebnissen in einem Studiengang werden die Studiengebühren erlassen. Somit wählen Studierende häufig den Studiengang, für den sie keine Studiengebühren entrichten müssen, wenngleich der Wunschstudiengang ein anderer wäre.

Lehrpersonal an Hochschulen

Voraussetzung für eine Lehrtätigkeit an einer Hochschule ist ein Master-Abschluss. Aufgrund der traditionellen Trennung von Forschung und Lehre ist das Lehrpersonal an Hochschulen nicht zwingend wissenschaftlich tätig.
Ein wesentliches Problem an (staatlichen) Hochschulen sind die niedrigen Gehälter der Hochschullehrer, durch die der Beruf finanziell unattraktiv ist und teilweise auch die Motivation des Lehrpersonals hemmt. Allerdings bestehen hier deutliche Unterschiede zwischen Hochschulen und auch einzelnen Fakultäten. Private Hochschulen bezahlen teilweise wesentlich höhere Gehälter und ziehen dadurch besser ausgebildetes Personal an. Auch innerhalb der Hochschulen kann es Unterschiede geben zum Beispiel in internationalen Kooperationsstudien-programmen, wie an der juristischen Fakultät, wo teilweise eine zusätzliche Vergütung gewährt wird. Der Unterrichtsstil ist wenig interaktiv oder praxisorientiert und fördert die Wiedergabe von Faktenwissen. Der fachliche Diskurs wird wenig gepflegt. Im aserbaidschanischen Sektor sehen sich einige Fachbereiche auch mit einem Mangel an geeigneten Lehrwerken konfrontiert.

Forschung

Als Erbe des sowjetischen Systems findet Forschung traditionell an den Akademien der Wissenschaften statt. Hochschullehrer sind nach wie vor meistens nicht in der Wissenschaft tätig.
Gemäß dem neuen Hochschulgesetz sollen Hochschulen nicht nur für Lehre, sondern auch für Forschung zuständig sein. Während an den meisten staatlichen Universitäten der Forschungsbereich allerdings nur gering ausgeprägt ist, entwickeln sich bereits einzelne erfolgreiche Projekte und internationale Kooperationen (zum Beispiel Azerbaijan Economic University – Siegen Universität: Bereich Entrepreneurship).

Verfasserin: Stefanie Dufaux, Informationszentrum Baku

Der DAAD ist in Aserbaidschan derzeit mit einem Informationszentrum und einer Lektorin an der Staatlichen Öl- und Industrie-Universität Baku präsent.