Afghanistan: Bildung und Wissenschaft

Ein Denkmal von einem Mann.

Das afghanische Bildungswesen lag in den Jahren des Bürgerkriegs (1992-1994) und der Taliban-Herrschaft (1996-2001) nahezu brach. Zahlreiche Schulen wurden zerstört. Gerade Mädchen und Frauen waren fast vollständig vom Zugang zu Bildungseinrichtungen ausgeschlossen. Dies hat sich seit dem Fall der Taliban und dem Beginn des Wiederaufbaus grundlegend verändert. Dennoch haben bis heute rund 70 Prozent der Männer und über 90 Prozent der Frauen keinen Schulabschluss. Zudem hat Afghanistan eine der niedrigsten Alphabetisierungsraten weltweit: sie wird bei Erwachsenen über 15 Jahre auf gerade einmal 31% geschätzt (ca. 45% bei Männern und 17% bei Frauen).

Bedingt durch die massive internationale Unterstützung der letzten Jahre ist in Afghanistan eine Vielzahl von Hochschulen entstanden. Nach dem Fall der Taliban 2001 entwickelte sich das Hochschulwesen in rasanter Geschwindigkeit. Gab es 2003 lediglich 11 Universitäten (Hochschulen mit mehreren Fakultäten; vier davon in Kabul) und 6 „Institution of Higher Education (IHE)“ (vergleichbar mit hiesigen Berufsschulen) mit 31.000 Studierenden und ca. 1.800 Dozenten, wuchs diese Anzahl auf 17 Universitäten und 17 IHE in 2014. Die älteste Universität des Landes ist die Kabul Universität mit aktuell ca. 25.000 Studierenden (davon gut 9.000 Frauen).

Trotz aller Bemühungen, das Hochschulwesen mit internationaler Hilfe auszubauen, reichte das Angebot nicht aus, um die steigende Nachfrage nach Studienplätzen zu bedienen. Aus diesem Grund entschloss sich die afghanische Regierung zu zwei Maßnahmen: zum einen wurde der akademische Schichtbetrieb mit Morgen- und Abendangeboten eingeführt, zum anderen wurden im April 2006 erstmals auch private Hochschulen zuzulassen. Allein im letzten Jahrzehnt wuchs die Anzahl der öffentlichen Hochschulen um 36. Insgesamt studieren an allen öffentlichen und privaten Hochschulen 263.000 Studierende. Auch wenn es inzwischen tertiäre Bildungseinrichtungen in 33 der 34 Provinzen gibt, ist der Wiederaufbau in Kabul deutlich am weitesten fortgeschritten, wo u.a. die Universität Kabul, die Technische Universität, die Medizinische Universität und die Pädagogische Hochschule einen Lehrbetrieb aufweisen.

Eine pauschale qualitative Unterscheidung zwischen staatlichen und privaten Hochschulen kann nicht getroffen werden. Dennoch ist festzuhalten, dass angebotene Studiengänge nicht auf internationalem Niveau sind und nahezu ausschließlich zum Bachelor, kaum jedoch zu einem Masterabschluss führen. Ein PhD kann an keiner afghanischen Hochschule erworben werden. Es findet keinerlei Forschung statt. In unmittelbarem Zusammenhang hiermit steht die geringe Qualifikation der Dozentenschaft. Zwei Drittel der ca. 6.000 Dozenten (2014, davon ca. 500 Frauen) verfügen lediglich über einen Bachelor-, 30% über einen Masterabschluss, und nur 5% haben promoviert. Viele der Dozenten sind überdies nicht mit modernen Lehrmethoden vertraut. Zu guten Teilen liegt dies auch an einem vergleichsweise hohen Altersdurchschnitt der Professorenschaft an den Universitäten. Ein Generationswechsel, auch unter Berücksichtigung jüngerer, im Ausland ausgebildeter Akademiker ist so noch nicht möglich gewesen.

Der afghanische Staat ist durch die Verfassung verpflichtet, sämtliche Unterbringungs- und Verpflegungskosten der Studierenden zu tragen (Studiengebühren gibt es nicht). Der größte Teil der afghanischen Ausgaben im Sektor der Hochschulbildung wird für diesen Zweck und die Personalkosten aufgewendet. Gleichzeitig lässt sich festhalten, dass die staatliche Finanzierung des Hochschulsektors zu den niedrigsten weltweit gehört. So investiert die afghanische Regierung gerade einmal ca. 60 USD pro Studierendem/r. Zum Vergleich: Iran investiert ca. 500 USD pro Person, Pakistan 250 USD pro Person. Lange Zeit ließ der Mangel an institutioneller Autonomie den strukturell unterfinanzierten Hochschulen kaum eine Möglichkeit, zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen – bspw. durch unternehmerische (Forschungs-)Aktivitäten. Dies wurde im National Higher Education Strategic Plan (NHESP) 2015-2020 aufgeweicht. Dennoch wird das afghanische Hochschulsystem auf absehbare Zeit auf externe, internationale Finanzierung angewiesen sein.

Die größte Herausforderung für den Sektor ist jedoch nach wie vor die zunehmende Zahl von Schulabgängern, die sich auf zu wenige Studienplätze bewerben. Nach offiziellen Zahlen gab es in 2015 246.229 Schulabgänger, von denen 219.145 den Hochschul-Zugangstest wahrnahmen. Angenommen wurden hingegen lediglich 118.145 (90.645 an staatlichen und 27.500 an privaten Hochschulen). Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage (immerhin gut 101.000 in 2015) wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen, selbst wenn nicht alle Schulabgänger ein Hochschulstudium aufnehmen wollen. Dies wiederum ist Nährboden für eine erhebliche soziale Brisanz.

So sehr das afghanische Hochschulwesen somit auch mit strukturellen Herausforderungen konfrontiert ist, spielt natürlich auch die anhaltend prekäre Sicherheitslage, die Misswirtschaft und der Klientelismus eine nachteilige Rolle. Diese Missstände werden auch durch das Hochschulministerium (MoHE) benannt und sollen gezielt bekämpft werden, etwa durch die Einführung von Sanktionsmaßnahmen sowie der Einrichtung einer Petitionsstelle am Ministerium und den Universitäten. Bis zu einer angestrebten internationalen Anschlussfähigkeit sind jedoch noch große Hürden zu nehmen.

Verfasser: Felix Wagenfeld, DAAD Bonn