Äthiopien: Bildung und Wissenschaft

Ein Denkmal von einem Mann.

Über die letzten zwei Jahrzehnte hat Äthiopien eine enorme Expansion seiner Hochschullandschaft erlebt. Während es 1995 – dem Gründungsjahr der Demokratischen Bundesrepublik Äthiopien – nur zwei staatliche Hochschulen in Äthiopien gab, ist diese Zahl auf derzeit 36 angestiegen. Auch die Anzahl der eingeschriebenen Studierenden ist von 33.000 in 1995 auf mehr als 860.000 in 2016 um ein Vielfaches gewachsen. Die Bildungspolitik der Regierung priorisiert mit 70% die ingenieurwissenschaftlichen, technischen und naturwissenschaftlichen Fächer, da diese als Motor für die Entwicklung zu einem Land mittleren Einkommens bis 2025 angesehen werden. Es wurden zwei technische Hochschulen gegründet sowie 12 halbautonome Technologie-Institute. Neben den staatlichen Universitäten existierten 2015 auch 98 private Institutionen der tertiären Bildung, davon allerdings nur vier mit einem breiten Angebot an Fächern. (Quelle: Ethiopian Federal Ministry of Education, UNESCO Institute of Statistics)

Die gesamten Bildungsausgaben betragen (entsprechend der neusten verfügbaren Zahlen) 4,7% des BIP. Der Anteil des Bildungsbereichs an den Gesamtausgaben der Regierung belaufen sich auf 27% - einer der höchsten Werte in Subsahara-Afrika und nennenswert besonders in Anbetracht dessen, dass Äthiopien zu den fünfzehn ärmsten Ländern der Welt zählt.

2016 (neueste verfügbare Zahl) lag die Zahl der immatrikulierten Studierenden bei 860.378, der Frauenanteil betrug 34%, die absolute Zahl der Doktoranden 3.369. Die Zahl der Abschlüsse erreichte 159.716 und diese verteilten sich wie folgt: 141.700 Bachelor, 15.210 Master und 2.806 Promotionen.

Die äthiopische Regierung hat groß angelegte Stipendienprogramme (BSc, MSc und PhD) in Kooperation mit internationalen Ausführungsorganisationen aufgelegt. Grundlage dieser Maßnahme ist die Annahme, dass Äthiopien nach dem „südkoreanischen Modell“ 4.000-5.000 Forscher pro 1 Mio. Einwohner benötigt, um die für die kommenden 25 Jahre gesteckten sozioökonomischen Ziele zu erreichen. 2013 lag die Zahl bei 45.

Voraussetzung für den Hochschulzugang ist der erfolgreiche Abschluss der Ethiopian Higher Education Entrance Certificate Examination (EHEECE) nach 12 Schuljahren. Der Zugang zu öffentlichen Hochschulinstitutionen wird zentral durch die National Educational Assessment and Examination Agency (NEAEA) geregelt, die dem Bildungsministerium (Ministry of Education: MoE) untersteht. Schulabgänger mit dem EHEECE reichen ein Antragsformular ein, in dem sie bis zu 10 Wünsche hinsichtlich Studienfach und Hochschule nennen können und die Agentur weist einen Studienplatz zu. Neben der Note des EHEECE bilden wirtschafts- und hochschulpolitische Vorgaben die Entscheidungsgrundlage. Den Zugang zu privaten Hochschulen regeln diese selbst, ohne Beteiligung der Agentur.

Wurde der Studienplatz durch die NEAEA zugewiesen, dann ist das Studium an staatlichen Hochschulen gebührenfrei. Als Kompensation ist nach erfolgreichem Studienabschluss ein zeitlich begrenzter und durch die Regierung bestimmter Berufseinsatz vorgeschrieben. Jegliche Reglementierungen während und nach dem Studium können umgangen werden, indem man sich als Privatstudierender immatrikuliert. Dies impliziert, dass Programme und Kurse gedoppelt werden: Für die Regierungsstudenten finden sie werktags und tagsüber statt, für Privatstudenten werktags abends und am Wochenende. Welche Programme für Privatstudierende angeboten werden, liegt im (ökonomischen) Ermessen der Hochschulen. Entsprechend ist ein Privatstudium mit hohen Studiengebühren verbunden, die sich nur wenige leisten können.

Es existiert noch kein Ranking der Hochschulen in Äthiopien, ist aber in Vorbereitung. Das Ministry of Science and Higher Education (MoSHE) kontrolliert durch die Higher Education Relevance and Quality Agency (HERQA) die Qualität der tertiären Ausbildung. HERQA kann Kurse und Studiengänge akkreditieren oder ihre Durchführung verweigern.

Zentrale Herausforderungen des Bildungs- und Wissenschaftssystems sind:

  • Personelle und strukturelle Anpassung an die steigenden Studierendenzahlen: Trotz der Angebotserweiterung bietet der Hochschulmarkt weiter nicht annährend genug Studienplätze. Veraltete oder fehlende ICT, unzuverlässige Energieversorgung und Investitionslücken sind weitere Hindernisse für adäquate Lehre. Auch verfügte Äthiopien im Jahre 2016 über einen Lehrkörper von lediglich 32.734 akademischen Mitarbeitern. (davon 34% mit einem Bachelorabschluss, 51% mit einem Masterabschluss und 12% mit einer Promotion). Die Ausbildung wissenschaftlichen Nachwuchses ist dringend erforderlich, Äthiopien muss bisher in großem Maße aus anderen Ländern rekrutieren (Indien, Philippinen, Deutschland, Südkorea u.a.) um den extrem schnell wachsenden Bedarf an Hochschulpersonal auch nur annährend befriedigen zu können. 2016 waren 1.899 Ausländer an äthiopischen Hochschulen beschäftigt. Es ist erklärtes Ziel der Regierung, den Anteil der Promovierten deutlich anzuheben.
     
  • Doktorandenausbildung und Forschung findet sehr stark zentralisiert an der Addis Ababa University statt. Dies betrifft insbesondere die Doktorandenausbildung. Forschung findet an den staatlichen Hochschulen nur eingeschränkt statt. Die Einschränkung ist einerseits auf infrastrukturelle und finanzielle Defizite zurückzuführen. Andererseits wird Personal, das für Forschung qualifiziert ist, durch extrem schnell wachsende Studierendenzahlen zeitlich sehr stark durch Lehrverpflichtungen in Anspruch genommen. Ein stärkerer Fokus auf die Forschung ist an äthiopischen Universitäten aus diversen Gründen dringend erforderlich: Als Motor für Entwicklung, für eine bessere Qualität in der Lehre, und um wissenschaftliche Kollaborationen mit äthiopischen Wissenschaftlern und Einrichtungen für das Ausland attraktiver zu machen.
     
  • Zentralisierung: Die föderale Regierung bemüht sich, die Regionen stärker in das Bildungswesen einzubinden; jedoch können vor allem die vielen ländlichen Hochschulen weder in Bezug auf Angebot noch auf Qualität mit den Institutionen der Hauptstadt konkurrieren. Ansätze für zumindest in manchen Feldern stärkere Einrichtungen gibt es in einigen größeren Städten (u.a. Bahir Dar, Gondar, Jimma, Mekelle). Die Situation insgesamt erschwert bislang einheitliche Reformen, nachhaltiges Qualitätsmanagement und gerechte Finanzierung.
     
  • Soziale Dimension: Zugang zu tertiärer Bildung in Äthiopien bleibt in vielerlei Hinsicht von starken Ungleichheiten beeinträchtigt. Der vergleichsweise niedrige Frauenanteil hat sich insgesamt leicht verbessert (von 26% in 2002 auf 34% in 2016), nimmt aber in Abhängigkeit zur Ausbildungsstufe graduell ab. 2016 betrug sie im Bachelor-Bereich 36%, im Master-Bereich 18% und bei den Promotionen schließlich nur noch 9%. 14% der akademischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren Frauen.

Verfasser: DAAD-Informationspunkt in Addis Abeba, Außenstelle Nairobi und DAAD-Zentrale Bonn

Der DAAD ist in Äthiopien mit einem Informationszentrum in Addis Abeba vertreten.