Integra und NRWege in Zeiten von Corona: Digitalisierung & Lehre

Eine Studentin am PC schaut in die Kamera.

Die Programme Integra und NRWege ins Studium bieten Geflüchteten Sprach- und Fachkurse an Hochschulen, um eine optimale Integration in ein Studium zu ermöglichen. Die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden, recht kurzfristigen Schließungen der Campus stellten die Hochschulen bei der Durchführung der Kurse vor große Herausforderungen.

Gerade für die Zielgruppe der Geflüchteten ist der persönliche Kontakt enorm wichtig, daher wurden die Kurse bisher oft als Präsenzveranstaltungen durchgeführt. Um einen Stillstand der Studienvorbereitung und -begleitung von Geflüchteten und internationalen Studierenden zu verhindern, wurden daher in kürzester Zeit Lernpläne angepasst und technische Voraussetzungen für digitale Lehre geschaffen.

Rechtzeitig reagieren

Die wahrscheinlich größte Herausforderung für die betroffenen Hochschulprogramme war die schnelle und unerwartete Veränderung. „Als Mitte März die Hochschule für Präsenzveranstaltungen geschlossen wurde, standen wir vor der Herausforderung, von einem auf den anderen Tag die Lehre auf digitale Formate umzustellen“, erklärt Dr. Ursula Hassel, Leiterin des Sprachlernzentrums der TH Köln. „Dies betraf zunächst die Intensivkurse zur Vorbereitung auf die DSH, die im Rahmen von NRWege durchgeführt werden. In mehreren konzeptionellen Sitzungen haben wir in einer Arbeitsgruppe, bestehend aus den Fachkoordinatorinnen für die jeweiligen Sprachen, der Fachkoordinatorin für digital gestütztes Fremdsprachenlernen, den angestellten Lehrkräften und der Leitung, ein Konzept für das digitale Lehren und Lernen entwickelt.“ Erfahrungen mit Blended-Learning-Formaten waren zwar vorher schon vorhanden, aber eine komplett virtuelle Lernumgebung war Neuland: „Uns war klar, dass dieses Semester ein 'Work in Progress' sein würde, bei dem wir ständig neue Erfahrungen sammeln und diese in die weitere Arbeit einfließen lassen müssten.“

Auch Silvia Ben Mahrez, Koordinatorin des Pre-Study-Programms der Alice-Salomon-Hochschule, berichtet von einer schnellen Umstellung. „Das hat gut funktioniert, da wir sehr eng im Team zusammenarbeiten und einmal pro Woche ein virtuelles Teammeeting haben, um zu besprechen, wie es für die einzelnen Teilnehmenden läuft. Zusätzlich haben wir ehemalige Teilnehmende des Programms, die jetzt wiederrum die neuen Teilnehmenden begleiten. Und das kommt uns auch sehr zugute.“ Zudem lief ein Teil des Programms schon vorher digital: „Die Teilnehmenden kannten das System bereits, so war die Umstellung weniger schwer“, ergänzt Ben Mahrez. Seit Beginn des Kurses wurde der Unterrichtsinhalt wöchentlich von der Lehrkraft aufgearbeitet und via E-Mail an die Teilnehmenden verschickt, damit diese den Stoff nacharbeiten und nachvollziehen konnten. Inzwischen finden alle Einheiten online statt. Der Inhalt wird vorher bereits an die Teilnehmenden geschickt, damit sie sich auf die nächste Woche vorbereiten können; in Online-Treffen mit dem Kurs und in Kleingruppen werden neue grammatikalische Konzepte erarbeitet und Fragen beantwortet. Präsentationen der Teilnehmenden werden auf Video aufgenommen und allen zur Verfügung gestellt, ein ausgiebiges Feedback gibt es dann via E-Mail oder am Telefon.

„Was sich als hilfreich bewiesen hat, ist eine große Spende an Notebooks, die wir erhalten haben und an die Teilnehmenden weitergeben konnten. Häufig scheitert es ja nicht nur am Know-how, sondern auch an der Technik“, erzählt Dr. Sabine Voigt vom Service-Center für Studierende der Universität zu Lübeck.  „Außerdem haben wir großartige Tutoren und Tutorinnen, die ein Talent dafür haben, komplizierte Sachverhalte zu erklären. Sie haben sich nicht nur intensiv mit den verschiedenen Plattformen auseinandergesetzt, sondern machen inzwischen auch schon ganz tolle Sachen damit. Wenn das funktioniert, macht das für alle Beteiligten natürlich auch viel Spaß!“, berichtet Dr. Voigt weiter. An der Hochschule werden die Tutorien als Videos festgehalten und ins Internet gestellt. Das hat auch den Vorteil, dass die Teilnehmenden sich die Videos jederzeit wieder anschauen können, auch bei schlechter Verbindung oder bei Verständnisproblemen ist das hilfreich. „Es gibt viele Kümmerer, viele Leute, die einfach Lust haben, etwas zu machen und sich über die Maße engagieren“, beschreibt Dr. Voigt die Situation an der Hochschule. „Dadurch nehmen sie auch viel für sich selbst mit, sie lernen viele Dinge, die sie auch später noch anwenden können.“

Ein Video-Beispiel der Universität zu Lübeck. Physik-Tutorin Sophia Tovornik erklärt in einem Video die Grundlagen der Thermodynamik für die Kursteilnehmenden.

Schwierigkeiten überwinden

Alle Überlegungen, die zu Kursinhalten und Digitalisierung gemacht werden, stehen allerdings einem großen Problem gegenüber: Technische Lösungen funktionieren nur dann, wenn eine technische Ausrüstung vorhanden ist. Viele der Kursteilnehmenden haben allerdings nur ein Smartphone zur Verfügung und dazu nicht immer ein stabiles Netz und oft keinen WLAN-Zugang. Aufgabenstellungen online zu erledigen oder an Videoveranstaltungen teilzunehmen, gestaltet sich demnach oft schwierig. „Die Teilnehmenden verfügen über begrenzte finanzielle Mittel“, erklärt auch George Susan vom Akademischen Auslandsamt der Technischen Hochschule Georg Agricola (THGA) in Bochum. „Dies spiegelt sich auch in ihrer Hardware- und Software-Ausstattung wider. Die meisten Teilnehmenden besitzen keinen Drucker oder Scanner. Viele verfügen nicht über einen PC, ein Notebook oder die entsprechende Software und verwenden Smartphones, um online zu gehen, am Unterricht und sonstigen Maßnahmen teilzunehmen“.

„Die Bearbeitung von komplexeren Aufgaben ist für die Lernenden schwieriger,“ erklärt auch Dr. Hassel, „da hier ihre Fähigkeit zum selbstgesteuerten Lernen gefragt ist, die ein hohes Maß an Selbstmotivation und Eigenständigkeit erfordert. Diese Fähigkeit auszubilden und weiterzuentwickeln ist ein wesentliches Ziel des aktuellen Lernformats. Die begrenzte technische Ausstattung einiger Teilnehmenden – etwa Smartphone statt Laptop – erschwert zudem mitunter die Bearbeitung komplexerer Aufgaben. Auch in diesem Fall wird jedoch versucht, technisch wie didaktisch passgenaue Lösungen zu entwickeln.“

Die THGA hat für dieses Problem jedoch eine überraschend simple und doch analoge Lösung gefunden: dort bekamen alle Teilnehmenden die passenden Lehrbücher per Post zugeschickt. Einfach und doch effektiv. „Lernmaterialien per Post an die Teilnehmenden zu verschicken, empfanden wir als besten Kompromiss zwischen den Möglichkeiten, welche der Onlineunterricht eröffnet und den Stärken der analogen Lernmethoden“, erklärt Susan. „Somit können unsere Teilnehmenden gleichzeitig am Onlineunterricht teilnehmen und in ihren Kurs- und Übungsbüchern arbeiten. Ein positiver Nebeneffekt dieser Lösung ist, dass Teilnehmende die Bücher zur Prüfungsvorbereitung nutzen können“. Hanna Sommer vom Studierenden Service Center (SSC) der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) berichtet, dass auch die Teilnehmenden in ihren Lösungen kreativ sind. Hausaufgaben werden zum Beispiel handschriftlich verfasst und als Foto eingereicht und an die Lehrkräfte geschickt – fehlende Technik hält den Lernprozess also kaum auf, wenn genügend Kreativität vorhanden ist.

Teilnehmende unterstützen

Für viele der Teilnehmenden war der Umstieg auf Online-Maßnahmen eine große Umstellung. Während für einige von ihnen die neue Situation auch Vorteile hat – gerade für diejenigen, die Kinder oder Familienangehörige betreuen und nun nicht mehr an Präsenzveranstaltungen gebunden sind –, berichten doch die meisten, dass ihnen der Campus und der Kontakt zu anderen Menschen sehr fehlt. Auffangmöglichkeiten sind an dieser Stelle viele der an den Hochschulen.

Die zusätzliche Belastung durch die Schließung der Schulen und Kindergärten ist für viele nicht einfach zu tragen, einige Kursteilnehmenden berichten davon, wie schwer es ist, den Unterricht und die Betreuung der Kinder miteinander zu vereinbaren. „Nicht jede Online-Veranstaltung kann deswegen von jedem wahrgenommen werden. Aber dafür werden Hausaufgaben eingereicht. Jeder versucht, das, was ihm oder ihr gerade möglich ist, mitzumachen. Die Teilnehmenden sind motiviert und engagiert und der Wunsch ist groß, weiter an den Kursen teilzunehmen“, berichtet Sommer.

Potenzial erkennen

An der HHU Düsseldorf finden jeweils zwei Integra- und NRWege-Projekte statt. „Die Lehrkräfte wurden kreativ und aktiv und haben in enger Absprache mit DaF und dem SSC geschaut, wie sie das möglichst unkompliziert umsetzen können,“ berichtet Sommer. „Sie sind sehr flexibel mit dieser Situation umgegangen und haben auf Online-Angebote umgestellt, in permanentem Austausch mit anderen Lehrkräften. Wir haben gemeinsam überlegt, welche Formate es geben kann. So haben unsere Lehrkräfte haben zum Beispiel auch Sprachnachrichten aufgenommen und haben diese den Teilnehmenden zugeschickt: ein Diktat als Sprachversion, oder ein Dialog, den die Teilnehmenden ergänzen sollten.“ Sie ist positiv gestimmt: „Mein Eindruck ist, dass diese Umstellung sehr viele kreative Kräfte freigesetzt hat. Es gab natürlich anfangs keinen didaktischen Fahrplan, da alles Neuland war – wie kann das, was vorher Präsenzunterricht war, digital übertragen werden? Die Lehrkräfte wurden kreativ und aktiv und haben geschaut, wie sie das möglichst unkompliziert umsetzen können.“

Ähnliches berichtet Dr. Voigt von der Universität zu Lübeck. Sie ist der Meinung, dass die Digitalisierung der Kurse auch viel Potenzial für die Zukunft bereithält. Zum Beispiel besteht dadurch die Möglichkeit, mehr Teilnehmende aufzunehmen: „Wir bekommen viele Bewerbungen bundesweit und viele haben das Problem, dass sie in Lübeck keine Wohnung finden können“, berichtet sie. „Jetzt entwickeln wir Ideen, wie wir diese Teilnehmenden digital zuschalten können. Vielleicht finden sich auch Mischformen aus digitalem und Präsenzunterricht, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Das macht das Programm breiter und nimmt mehr Leute mit, es kann zum Beispiel barrierefrei und individualisiert gestaltet werden.“

Auch Dr. Hassel von der TH Köln berichtet Positives: „In diesem Semester kommen die Vorteile des digitalen Lernens in besonderer Weise zum Tragen. Dadurch, dass die Teilnahme an den semesterbegleitenden Modulen ortsunabhängig ist, können auch die Studierenden daran teilnehmen, die wegen der Corona-Pandemie während ihres Auslandssemesters nicht nach Deutschland einreisen können.“ Die Lehrenden und Lernenden erhalten zudem die Möglichkeit, neue digitale Formen kennenzulernen und auszuprobieren, was die mediendidaktische Kompetenz sowie das selbstgesteuerte Lernen unterstützt. Die Flexibilität kommt somit Geflüchteten wie auch anderen Studierenden und Lehrenden zugute.

Die Hochschulen konnten ihre Programme schnell und engagiert an die gegebenen Umstände anpassen und versuchen, die positiven Aspekte daran hervorzuheben: das Engagement der Lehrkräfte, Studierenden und Teilnehmenden sowie die Möglichkeit zur Digitalisierung, die auch dann beibehalten werden wird, wenn alles zur Normalität zurückkehrt. Ein anhaltender Lernprozess, der Chancen und Möglichkeiten bietet, trotz, oder gerade wegen, der Krise.