Wilhelm Burmeister übernimmt in den 1930er Jahren die Leitung des DAAD und verändert ihn grundlegend. Durch die enge Anbindung des Austauschdienstes an das nationalsozialistische Regime und das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung macht er den DAAD zu einem zentralen Werkzeug der nationalsozialistischen Außenpolitik. 

Von Gemma Pörzgen 

Burmeister (Illustration)

Aufstieg in der NS-Diktatur  

Der Historiker Volkhard Laitenberger beschreibt den 1905 in Berlin geborenen und aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Wilhelm Burmeister als qualifizierten Verwaltungsjuristen und „Mann von rascher Auffassungsgabe und Improvisationstalent“. Nach dem Abitur studiert Burmeister Rechtswissenschaften, Volkswirtschaftslehre, Geschichte und Philosophie in Berlin und Kiel (1924 bis 1929). Nach dem ersten Staatsexamen (1929) folgt der juristische Vorbereitungsdienst. 1933 nimmt er im Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung eine Tätigkeit auf und wird noch im selben Jahr Regierungsrat.  

Sein steiler Aufstieg im preußischen Verwaltungsdienst hängt eng mit seiner frühen Begeisterung für die NS-Ideologie zusammen. Bereits im Studium ist er im NS-Studentenbund (NSDStb) aktiv. Er tritt 1931 in die NSDAP ein, zu einer Zeit, als die Partei immer mehr Wählerinnen und Wähler gewinnt, und wird Mitglied im NS-Rechtswahrerbund, einer Standesorganisation für nationalsozialistische Juristen. In den folgenden Jahren folgen weitere Mitgliedschaften, unter anderem in der SA (bis zum Rang eines Sturmführers) und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Das Engagement zahlt sich bereits 1934 aus: Burmeister wird Oberregierungsrat im neu gegründeten Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (REM) – eine Beförderung, die ihm den Weg in den DAAD ebnet. Zu diesem Zeitpunkt ist die Anbindung des DAAD an das REM bereits eingeleitet, nachdem zuvor eine stärkere Anbindung an das Auswärtige Amt bestanden hatte – ein Prozess, den Burmeister weiter vorantreibt und konsolidiert. Im Ministerium wird der NS-Mann bald beurlaubt, da er nach der Absetzung des DAAD-Geschäftsführers Adolf Morsbach im Kontext des sogenannten ‘Röhm-Putsches’ zunächst kommissarisch und ein Jahr später auch hauptamtlich zum Leiter des DAAD ernannt wird. 

Überzeugter NS-Ideologe  

In seiner neuen Position ist Burmeister bestrebt, die Auswärtige Kulturpolitik zu zentralisieren. Eine Eingliederung des DAAD in den Deutschen Studentenbund (DSt) verhindert er – stattdessen stärkt er dessen Bindung an das REM, um ihn gezielt als Instrument nationalsozialistischer Kulturpolitik zu nutzen. Die ideologische Ausrichtung des DAAD erfolgt dabei im Sinne der kultur- und bildungspolitischen Leitlinien des REM, die auf völkischer Weltanschauung und der Erziehung im Sinne des Nationalsozialismus basieren. Damit wird der DAAD aus dem Einflussbereich des Auswärtigen Amtes herausgelöst und stärker zentralstaatlich gesteuert. Es kann davon ausgegangen werden, dass Burmeisters aktive Rolle bei der ideologischen Ausrichtung des DAAD im Sinne des REM seiner Karriere zuträglich war. 

Der neue DAAD-Leiter ist aus voller Überzeugung Nationalsozialist, wie seine Reden und Aufsätze belegen. In DAAD-Stipendiatinnen und -Stipendiaten sieht er Botschafter der NS-Ideologie im Ausland. In einer Rede vor DAAD-Geförderten im Jahr 1936 formuliert er klar, was er von ihnen erwartet: Sie sollten als „Vertreter des jungen nationalistischen Deutschlands, Träger des deutschen völkischen Geistes“ agieren. „In Ihnen sieht das Ausland eine lebendige Funktion des Nationalsozialismus und was Sie tun und sagen, das ist vom Ausland her gesehen der Nationalsozialismus selbst.“  

In Aufsätzen grenzt er sich scharf von Ideen der Aufklärung, des Humanismus und eines „beziehungslosen Bildungsrelativismus“ ab. Bildung bedeutet für ihn vor allem Dienst an der „Volksgemeinschaft“.  

Der Rückhalt geht verloren 

1937 verändern sich die Rahmenbedingungen für Burmeisters Wirken: Mit dem wachsenden Einfluss von Außenminister Joachim von Ribbentrop und dem gleichzeitigen Bedeutungsverlust des Reichserziehungsministeriums (REM) unter Bernhard Rust verliert das Ministerium an Gestaltungsmacht in der Auswärtigen Kulturpolitik. In diesem systemtypischen Machtkampf wird auch Burmeisters Position zunehmend untergraben. Diese strukturelle Verschiebung fällt zusammen mit mehreren krankheitsbedingten Auszeiten, die Burmeisters Präsenz und Wirkmacht zusätzlich einschränken. Im selben Jahr wird er nach Österreich versetzt – ein Schritt, der in der Forschung teils als Dämpfung seiner Karriere gewertet wird, zumal er zentrale Funktionen in Berlin aufgibt. Gleichwohl bleibt Burmeister auch in der Folge in leitenden Funktionen tätig, was auf eine gewisse Kontinuität seines Einflusses hinweist.  

Im Frühjahr 1939 beschwert sich das Auswärtige Amt – so geht es aus einem Vermerk des REM hervor –, Burmeister habe keinen Rückhalt beim NS-Lehrerbund, beim Reichsjugendführer und beim Reichstudentenführer – Organisationen und Personen, die jeweils eigene Ansprüche auf den DAAD geltend machen. Die Kritik verdeutlicht, wie umstritten seine Rolle in einem zunehmend von konkurrierenden Machtansprüchen geprägten Feld ist. Im Zentrum der Auseinandersetzungen steht die Frage, welches Ministerium künftig die ideologische Ausrichtung und operative Kontrolle des Austauschdienstes dominieren soll. Dabei geht es nicht nur um Zuständigkeiten, sondern auch um Einfluss auf die Auswahl von Geförderten und die strategische Ausrichtung internationaler Kontakte. Charakteristisch für das nationalsozialistische Herrschaftssystem ist dabei das Fehlen klarer Kompetenzzuweisungen – ein bewusst offengehaltener Zustand, der Konkurrenz fördert, Loyalität fordert und zentrale Machtkonzentration verhindert. Auch die Angriffe auf Burmeister sind in diesem Kontext zu lesen: weniger Ausdruck fachlicher Kritik als Teil eines politischen Ringens um Deutungshoheit und Ressourcenzugriff im Bildungsbereich. 

Neue Aufgaben in Riga  

1941 wechselt Burmeister zum „Reichskommissariat Ostland“ (RKO), wo er als Leiter der Zentralabteilung beim Reichskommissar in Riga mit der Koordination und Steuerung der zivilen Verwaltung in den besetzten Gebieten betraut wird. Das RKO ist kurz zuvor nach dem Angriff NS-Deutschlands auf die Sowjetunion gebildet worden und umfasst Lettland, Litauen, Estland und den größten Teil von Belarus. Es wird zum „Kernterritorium des Holocaust“, in dem zwischen Juni 1941 und August 1944 eine Million Jüdinnen und Juden ermordet werden.  

Erst 1942 scheidet Burmeister schließlich ganz aus dem DAAD aus. Ob dies freiwillig oder auf Druck geschieht, bleibt in der historischen Betrachtung unklar. Unstrittig ist jedoch, dass in dieser Zeit eine vollständige Übernahme des DAAD durch die Reichsstudentenführung erfolgt – was den Weg für eine noch stärkere ideologische Ausrichtung der Austauschorganisation ebnet. 

Burmeisters tatsächliche Rolle im DAAD zwischen 1937 (nach Aufnahme einer Position in Österreich) und 1942 bleibt unklar. Es ist davon auszugehen, dass er die Leitung des DAAD spätestens mit seinem Wechsel nach Riga nur noch formal innehat. Die operativen Aufgaben werden in dieser Zeit zunehmend von seinem Stellvertreter Herbert Scurla übernommen, der später ins Reichserziehungsministerium wechselt. 

Keine Konsequenzen in der Bundesrepublik  

Obwohl Burmeister in einer Schlüsselposition innerhalb der Verwaltung tätig ist, die die Besatzung aktiv organisiert, bleibt seine Beteiligung und Kenntnis der Verbrechen im „Reichskommissariat Ost“ unklar. Dies ist auch der Grund, warum er nach dem Zweiten Weltkrieg 1947 von der Spruchkammer Lüneburg als „entlastet“ eingestuft wird. Die Einstufungsverfahren durch die Spruchkammern werden rückblickend oft als Teil der unzureichenden Aufarbeitung der NS-Verstrickungen in der Nachkriegszeit kritisiert, die die Schwierigkeiten der damaligen Gesellschaft widerspiegeln, sich mit der Verantwortung für die nationalsozialistische Vergangenheit auseinanderzusetzen. In vielen Fällen bleibt eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den Vergehen aus, was dazu führt, dass viele der betreffenden Personen ihre Karrieren weitgehend ungehindert fortsetzen können. So auch in Burmeisters Fall: Nach Kriegsende wird er für kurze Zeit in einem britischen Internierungslager in Gewahrsam genommen, bevor er in der jungen Bundesrepublik eine Karriere als Unternehmer und ab 1963 als Rechtsanwalt in West-Berlin fortsetzt. Eine Aufarbeitung seiner Vergangenheit bleibt aus und sein weiterer Lebensweg davon unbelastet. Seinen Lebensabend verbringt er in Oberbayern und stirbt 1983 in Bad Tölz.  

 

Die Vergangenheit als Mahnung, die Zukunft als Chance  

Wilhelm Burmeisters Rolle im DAAD steht exemplarisch für die Instrumentalisierung des Austauschs im Dienste nationalsozialistischer Ideologie. Die Auseinandersetzung mit dieser belasteten Vergangenheit bietet heute Anlass zur Reflexion und Mahnung, die Werte des internationalen Dialogs und der interkulturellen Zusammenarbeit zu bewahren und vor ideologischer Vereinnahmung zu schützen.