Ingrid Dybwad ist eine wichtige Mitarbeiterin aus den frühen Jahren des DAAD. Sie prägt den internationalen Austausch mit Fachkompetenz und Hingabe. Als sich die Organisation in der NS-Zeit bereitwillig ideologisch instrumentalisiert und an den Vorgaben des Regimes ausrichtet, verliert sie ihre Position – ein prägnantes Beispiel für das strukturelle Unrecht und persönliche Leid, das durch die ideologische und politische Vereinnahmung des DAAD durch den Nationalsozialismus verursacht wird. 

Von Sabine Giehle 

Dybwad (Illustration)

Ingrid Dybwad kommt kurz vor Weihnachten 1899 zur Welt, als Älteste von acht Kindern einer gutsituierten Leipziger Familie. Ihr Vater Peter Dybwad, gebürtiger Norweger, ist ein angesehener Architekt, der in Leipzig viele repräsentative Bauten verwirklicht. Mütterlicherseits wiederum entstammt sie einer wohlhabenden, großbürgerlichen Bankiersfamilie. Ihr Großvater Valentin Weisbach ist ein angesehener Mäzen und Sozialreformer. Das Elternhaus ist – so ihre Schwester Gudny – ein „Mittelpunkt geistiger und gesellschaftlicher Kreise.“ Diese Herkunft prägt Dybwads Weltgewandtheit und ermöglicht ihr den Zugang zu kulturellen Netzwerken. 

Sie erhält eine „höhere Schulbildung“ und eine vielseitige Ausbildung – im Zuge von Nachkriegs-Recherchen zu ihrer Person vermuten Nachfahren Dybwads, dass sie eine Ausbildung zur Dolmetscherin absolviert habe. Ihre Arbeit als Assistentin von Dr. Adolf Morsbach, dem damaligen Geschäftsführer des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, beginnt 1928. Dybwad geht ganz in ihrem Beruf auf. Ihre Austauschstudentinnen und -studenten nennt sie „meine lieben Kinder“. Für diese ist sie einfach „die Dyb“.  

Gruppenbild Schloss Koeppenick Jg. Stipies 129032 bis 34 mit Schwarz, Dybwad, Morsbacht u.a.

„Enorme Verantwortung“ beim Studierendenaustausch 

Als engste Mitarbeiterin Morsbachs und Leiterin des akademischen Hauptreferats begleitet Dybwad ihren Vorgesetzten 1930 auf einer USA-Reise. Die Reise dient dazu, den Austauschdienst im ersten und prägendsten Kooperationsraum des DAAD an weiteren Hochschulen bekannt zu machen und neue Partnerinstitutionen zu gewinnen. Eine studentische Zeitung des Vassar Female College in New York berichtet über ihren Besuch und beschreibt Dybwad als zentrale Ansprechpartnerin im Austauschprozess: Sie bearbeite alle Bewerbungen – sowohl diejenigen deutscher Studierender, die für ein Jahr in den USA studieren wollten, als auch diejenigen amerikanischer Bewerberinnen und Bewerber für einen Aufenthalt in Deutschland. Sie prüfe Zeugnisse und Empfehlungen und führe, wenn möglich, persönliche Gespräche – ihre Position sei mit großer Verantwortung verbunden.  

Dass Ingrid Dybwad eine Schlüsselrolle im DAAD spielt, zeigt sich auch daran, dass Morsbach ihr – wegen eigener terminlicher Verpflichtungen – eigenverantwortlich einen der wichtigen Antrittsbesuche anvertraut. Ein deutliches Zeichen des Vertrauens in ihre fachliche und persönliche Stärke. 

Einladung Dybwad_Reisetagebuch Schwarz

Weichenstellerin und Wegbereiterin 

Wie wichtig Ingrid Dybwad für den Studierendenaustausch ist, schildern Geförderte aus dieser Zeit: „Ich hatte um ein Auslandsstipendium eingegeben und bekam nun die Aufforderung, im Austauschdienst im [Berliner] Schloß zu erscheinen. Dort war ein ungeheurer Andrang. Ich hatte ziemliche Angst. Es wurde Tee gegeben, und alle paar Minuten wurde ein Name aufgerufen. Es war ersichtlich, daß Fräulein Dybwad, die Assistentin von Dr. Adolf Morsbach, dem Leiter des Akademischen Austauschdienstes, die Leute erst einmal beim Tee ‚unauffällig‘ beobachten sollte, ob man nicht den Kuchen mit dem Messer aß und ähnliches, und das eigentliche ‚Examen‘ dann bei Morsbach vor sich ging. Gerade die Unauffälligkeit machte mich nervös.“, beschreibt Barbara Schütz-Sevin, die 1934 mit dem DAAD in die USA geht.   

Für andere Studierende ist sie weit mehr als nur eine prüfende Beobachterin. Karl Korn, der 1934 nach einem Frankreichaufenthalt einen „Schlupfwinkel“ vor dem sich ausbreitenden Nationalsozialismus sucht, sagt über Dybwad, sie sei die „Seele des Austauschdienstes" gewesen, eine „grundgescheite, charmante Person“, die „jeder Austauschkandidat kannte“. Für Korn arrangiert sie ein Volontariat beim bislang liberalen, demokratischen, wenn auch mittlerweile schwer angeschlagenen und unter Druck stehenden Berliner Tageblatt. Später gehört er zu den Mitbegründern der renommierten Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dass sie ihm in einer unsicheren Lebensphase Halt und Perspektive bot, vergisst er nicht: „Ingrid Dybwad bestimmte in zehn Minuten Gespräch meinen beruflichen Lebensweg“, erinnert sich Karl Korn in einer autobiografischen Rückschau. 

Ideologische Ausrichtung des DAAD und Entlassung  

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 beginnt für Dybwad die schrittweise Ausgrenzung, als ihre „jüdische Abstammung“ öffentlich bekannt wird. Obwohl ihre Mutter zum Christentum konvertiert ist, wird Dybwad vom NS-Regime aufgrund jüdischer Wurzeln mütterlicherseits – ihre Großeltern sind laut Heiratsurkunde ‚mosaischer Religion‘ – als „Halbjüdin“ eingestuft. 

In einem Schreiben vom 8. Mai 1933 mahnt das Reichsministerium des Innern den DAAD an, das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 umzusetzen. Dieses Gesetz verlangt, dass „Nichtarier“ im öffentlichen Dienst – einschließlich Beamte, Arbeiter und Angestellte – in den Ruhestand versetzt oder entlassen werden. Laut der Durchführungsverordnung vom 11. April 1933 gilt als „Nichtarier“, wer von „nicht-arischen“, insbesondere jüdischen Eltern oder Großeltern abstammt. Bereits ein „nicht-arisches“ Elternteil oder Großelternteil reicht aus, um als „Nichtarier“ klassifiziert zu werden.  

Obwohl die gesetzlichen Vorgaben bereits im Frühjahr 1933 in Kraft treten, wird Ingrid Dybwad nicht sofort entlassen. Vermutet wird, dass ihre Fachkompetenz sowie bestehende Netzwerke sie zunächst schützen. 1934 jedoch gerät der DAAD im Kontext des sogenannten „Röhm-Putsches“ tiefer in die Strudel nationalsozialistischer Ideologisierung. Dybwads Vorgesetzter Morsbach, der enge Verbindungen zur SA und zu Ernst Röhm pflegt, wird aufgrund dieser Beziehungen verhaftet und verliert seinen Posten. Auf Morsbach folgt Wilhelm Burmeister, Mitarbeiter des Reichs-Erziehungsministeriums und eindeutig auf Parteilinie. Mit dem Wechsel an der Spitze verschärft sich die nationalsozialistische Ausrichtung des DAAD. Für Dybwad wie auch für andere jüdische bzw. als jüdisch verfemte Mitarbeitende, deren Namen und Schicksale teils nicht mehr nachzuvollziehen sind, bedeutet dies das endgültige Aus ihrer beruflichen Perspektiven innerhalb der Organisation – sie werden entlassen. Zudem sind sie nationalsozialistischem Terror und Verfolgung ausgesetzt.  

 

Rückzug aufs Land 

Die Familie Dybwad wird vom NS-Regime enteignet. Ihre Villa in der Berliner Tiergartenstraße 4 wird ab 1940 zur zentralen Planungsstelle der NS-„Euthanasie“-Morde. Heute befindet sich an diesem Ort ein Gedenkort für die Opfer dieser Verbrechen. 

Um der antisemitischen Verfolgung zu entgehen, flieht Dybwad auf einen abgelegenen bayrischen Berghof nahe der grünen Grenze zu Österreich. „Ingrid musste Berlin verlassen und erwarb 1935 den kleinen Besitz Hochleit in Sachrang“, berichtet ihre Schwester. „Ein Grundstückserwerb mit landwirtschaftlicher Fläche war 1935 für die nun nach den NS-Rassegesetzen stigmatisierte und entrechtete Käuferin Ingrid Dybwad noch möglich. Eine berufliche Perspektive bot ihr der Wohnortwechsel jedoch nicht“, erläutert die Kulturwissenschaftlerin Maria Anna Willer, die die Lebensgeschichte Dybwads für ihre Dissertation rekonstruiert hat.  

Es gelingt Ingrid Dybwad, sich ein neues Leben aufzubauen, Kontakt zu ihren alten Freunden zu halten und am neuen Wohnort Kontakte zu knüpfen. Es ist auch für Willer schwer nachvollziehbar, wie Dybwad der Verfolgung bis zu ihrem Tod 1940 entgehen konnte – und im Gegenteil sogar Anerkennung findet: Ein Bericht der lokalen Tageszeitung im September 1939 beschreibt „die Norwegerin Dybwad“ gar als „schönes Zeugnis bester Volksgemeinschaft“. Denn „sie stellte ihre und ihres Hausmeisters Kraft der Schweiberer Bäuerin tagelang zur Verfügung. Durch die Einberufung des Bauern zum Dienst für das Vaterland hatte der Hof zu wenig Leute. Nur durch die vermehrten Arbeitskräfte war es der Bäuerin möglich, die Grummeternte einzubringen“, meldet die Chiemgauer Zeitung.  

„Die Veröffentlichung“, so analysiert Willer, „ist möglicherweise ein Indiz dafür, dass Ingrid Dybwad von übergeordneten Stellen eine Protektion erhielt und ihr ‚Rassestatus‘ entweder nicht registriert war, oder absichtlich über die Veröffentlichung negiert wurde.“ 

Und tatsächlich: Kurz vor dem Zeitungsbericht, so belegt ein Dokument im Bundesarchiv, holt die Rosenheimer Kreisleitung der NSDAP „streng vertraulich“ eine „politische Beurteilung“ der politischen Zuverlässigkeit Dybwads vom lokalen Ortsgruppenleiter ein.  

Die Antwort fällt zu ihren Gunsten aus: „Frl. Dybwad ist Norwegische Staatsangehörige … Politisch ist sie keine Gegnerin und verhält sich ruhig. Sozial ist sie gut eingestellt, außerdem tut sie viel gutes für arme Kinder.“ Ingrid Dybwad stirbt im November 1940, laut Totenschein an einer Lungenentzündung. Ihr kleiner Hof dient auch nach ihrem Tod als Rückzugsort und Rettungsanker für ihre Schwestern Gudny und Marie. 

 

Die Vergangenheit als Mahnung, die Zukunft als Chance  

Die Geschichte von Ingrid Dybwad steht stellvertretend für die Schicksale vieler Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus ausgegrenzt und entrechtet wurden. Ihr Engagement, ihre Integrität und ihre enge Verbundenheit mit den DAAD-Alumni und -Alumnae bleiben unvergessen. Die Entlassung Dybwads und weiterer jüdischer Mitarbeitender machen den Prozess der Anpassung des DAAD an die rassistische und antisemitische Ausrichtung des NS-Staates offensichtlich und zeigen, wie das Arbeitsumfeld des DAAD sich in der NS-Zeit radikal verändert.