Wie viel politische Verantwortung trägt Wissenschaft?

Collage aus zwei Porträtfotos – links eine Frau mit hochgestecktem Haar, Perlenkette und schwarzem Oberteil, rechts ein Mann in dunklem Anzug mit Krawatte.

Wissenschaftskooperationen sind zunehmend von außen- und sicherheitspolitischen Interessen betroffen. Was das für die Außenwissenschaftspolitik bedeutet, diskutierten am 18. März 2026 im Rahmen des KIWi Policy Talk „Sicherheit, Freiheit, Wohlstand: Aktuelle Schwerpunkte der Außenwissenschaftspolitik“ Bundestagsabgeordnete und Mitglieder des Unterausschusses Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik. Ergänzend dazu haben wir zwei Stimmen aus der Wissenschaft eingeholt. Professor Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik und Dr. Hanna Pfeifer vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg über geopolitische Herausforderungen, den Schutz sensibler Daten – und warum internationale Kooperation trotzdem unverzichtbar bleibt.

Wir brauchen so viel Kooperation wie möglich
Prof. Dr. Volker Perthes

Herr Professor Perthes, Sie arbeiten seit Jahrzehnten an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Wissenschaft und staatlichen Sicherheitsinteressen verändert?

Zunächst einmal erleben wir als Institut, das die Politik berät, wie stark das Interesse an sicherheitspolitischer Expertise seitens Regierung und Parlament zugenommen hat. Eine andere Seite ist, dass auch wir, die wir keine Raketen oder Roboter produzieren, heute Objekt geopolitischer Konflikte sind. Wir erleben einen Anstieg von Spionage- und Phishing-Versuchen durch ausländische Dienste, die Zugang zu unseren Analysen und Netzwerken suchen. 

Mit welchen Ländern sollte Deutschland Ihrer Ansicht nach in diesen Zeiten kooperieren, etwa wenn Sie an China denken? 

Als Wissenschaftler und ehemaliger Diplomat im Dienst der Vereinten Nationen sage ich: Wir brauchen so viel Kooperation wie möglich. Ich sehe die geopolitischen Zwänge – denken Sie etwa an die Frage, ob ein iranischer Student hier Atomphysik studieren sollte. Gleichwohl glaube ich, dass gerade Thinktanks und Forschungsinstitute zur internationalen Politik die Aufgabe haben, Austausch auch mit Kolleginnen und Kollegen aus herausfordernden Ländern zu betreiben. Wichtig ist in diesem Zusammenhang allerdings auch zu betonen: Grenzen entstehen nicht nur auf unserer Seite. Wenn Russland oder China, wie wir ja erlebt haben, Einreiseverbote oder andere Sanktionen gegen deutsche Institute verhängen, wird Kooperation unmöglich.

Worin sehen Sie den Beitrag der Wissenschaft angesichts der aktuellen geopolitischen Herausforderungen?

Der wichtigste Beitrag ist ganz schlicht, belastbares, anwendungsorientiertes Wissen bereitzustellen. Und auch hier gilt wieder: Internationale Kontakte sind unverzichtbar. Wer kluge Politik gegenüber Staaten wie China, Russland oder dem Iran machen will, braucht dafür ein tiefes Verständnis dieser Gesellschaften. Um die Welt zu verstehen, müssen wir akzeptieren, dass sie aus Neu-Delhi, Pretoria oder Brasília anders aussieht als aus Berlin. Ein weiteres wichtiges Argument: Wissenschaft schafft und hält informelle Gesprächskanäle offen. Solche sogenannten „Second Tracks“, die neben den offiziellen diplomatischen Kontakten existieren, können gerade in Krisenzeiten von großer Bedeutung sein.

Politik muss die Verletzlichkeit der Wissenschaftsfreiheit ernst nehmen
Dr. Hanna Pfeifer

Frau Dr. Pfeifer, Sie forschen an der Schnittstelle von internationalen Beziehungen und Sicherheitspolitik. Wie erleben Sie die Spannung zwischen internationaler Kooperation und dem wachsenden Druck, Forschungsdaten stärker zu schützen?

Ich erlebe die Spannung als sehr real – allerdings womöglich anders, als die Frage gemeint ist. Wenn wir in die USA blicken, sehen wir auf dramatische Weise, wie stark wissenschaftliche Praxis in politische Dynamiken eingebunden ist. In der Klimaforschung etwa gibt es systematische Versuche der Trump-Administration, kritische Datensätze zu zerstören. Das zwingt uns hierzulande zu „Rettungsaktionen“, um diese global wichtigen Daten auf eigenen Infrastrukturen zu sichern. Und auch in meinem Feld, der Friedens- und Konfliktforschung, geht es immer wieder um den Schutz sensibler Daten. Denken Sie etwa an Interviews mit Aussteigern aus extremistischen Szenen, deren Daten nicht in die falschen Hände geraten dürfen.

Welchen außenpolitischen Beitrag kann Wissenschaft in dieser Lage – über die angesprochene Datenrettung hinaus – leisten?

Zentrale Aufgabe von Wissenschaft ist, im Wortsinn gesichertes Wissen bereitzustellen, und zwar auch dann, wenn politische Stimmungen in eine andere Richtung gehen. Wichtig ist zudem, dass Wissenschaft in Deutschland eng mit dem demokratischen System verbunden ist. Die Friedens- und Konfliktforschung hat eine klare normative Orientierung am Frieden. Wir sind also nicht neutral im Sinne völliger Wertfreiheit, sondern versuchen zu verstehen, unter welchen Bedingungen Frieden möglich ist. Dazu gehört auch, Dinge klar zu benennen – etwa einen Bruch des Völkerrechts, selbst wenn politische Akteure versuchen, solche Fragen als umstritten darzustellen. 

Was erwarten Sie von der Politik?

Dass sie die Verletzlichkeit der Wissenschaftsfreiheit, wie wir sie derzeit in den USA sehen, ernst nimmt. Wir sind von diesen Entwicklungen nicht so weit entfernt, wie es scheinen mag. Es ist allerhöchste Zeit, dass die Politik institutionelle Schwachstellen des Systems identifiziert. Das betrifft etwa Beschlüsse der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz zur Wissenschaftsfinanzierung, die im Augenblick nur zustande kommen, wenn alle Bundesländer zustimmen. Neue politische Mehrheiten in einzelnen Ländern dürfen die Finanzierung der Wissenschaft und die Gewährleistungen der Wissenschaftsfreiheit in Deutschland nicht gefährden. Ich erwarte von der Politik, dass sie entsprechende Vorkehrungen trifft.

Interviews: Jeannette Goddar (24. März 2026)
 

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