Zehn Jahre Hilfe für Syrien

Fünf junge Frauen in Businesskleidung sitzen nebeneinander in einem Konferenzraum, eine von ihnen spricht gestikulierend.

Vor zehn Jahren, im Spätsommer 2015, erreichten immer mehr syrische Flüchtlinge Deutschland. Der DAAD unterstützte deutsche Hochschulen bei der Integration der geflüchteten Studierenden und bot mit dem Programm Leadership for Syria mehr als 200 jungen Syrerinnen und Syrern eine akademische Perspektive. Dr. Christian Hülshörster, Leiter Stipendien Südliche Hemisphäre beim DAAD, über die Erfolge und Lehren aus dem Projekt.

Herr Dr. Hülshörster, als 2015 viele syrische Flüchtlinge in Deutschland ankamen, hat der DAAD außergewöhnlich schnell reagiert. Bereits im Oktober 2015 starteten 220 Studierende und Doktoranden in das Stipendienprogramm Leadership for Syria. Wie war das möglich?

Wir hatten uns schon 2014 mit dem Auswärtigen Amt über das Programm verständigt, der Bürgerkrieg in Syrien war ja seit Längerem in vollem Gange. Der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte erklärt, keine „verlorene Generation“ zulassen zu wollen. Insofern fiel der Start der Stipendiatinnen und Stipendiaten dann tatsächlich genau in die Hochphase des Zuzugs.

Wie lief der Auswahlprozess ab?

Das Interesse war überwältigend, binnen vier Wochen erreichten uns 5.000 Bewerbungen – aus Syrien selbst, aus den Anrainerstaaten sowie von Menschen, die bereits in Deutschland waren. Mithilfe eines „Flying Selection Team“ aus rund 20 Professorinnen und Professoren und DAAD-Vertretern haben wir 500 Kandidatinnen und Kandidaten zu persönlichen Gesprächen getroffen – in Beirut, Istanbul und Amman, in Erbil, Kairo und Bonn. 

Wer wurde ausgewählt?

Bundesweit konnten wir 200 Plätze für Bachelor-, Master- und Promotionsstudierende vergeben, plus 21 in einem Programm mit Nordrhein-Westfalen. Von Ingenieur- bis zu den Sozialwissenschaften waren alle Fachbereiche vertreten, wobei ein zentrales Kriterium die Qualifikation für den späteren Wiederaufbau Syriens war. Besonders erfreulich war der hohe Frauenanteil von fast 50 Prozent. 

Wissen Sie, was aus den Geförderten geworden ist?

Ja, wir stehen mit allen in Kontakt. Akademisch wie professionell war Leadership for Syria ein großer Erfolg. Die Abschlussquote war deutlich höher als im Durchschnitt, und viele unserer Alumni und Alumnae sind heute in Top-Positionen tätig – von Unternehmensberatungen über die Tech-Industrie bis zu Juniorprofessuren.

Sind viele der Absolventinnen und Absolventen zurückgekehrt?

Ich weiß nur von einem. Das ist aber keine Überraschung. Die Beschäftigungsverhältnisse in Syrien sind äußerst prekär, und die meisten sind inzwischen deutsche Staatsbürger, viele haben Familien gegründet. Doch die Lage in ihrer alten Heimat beschäftigt alle sehr, viele engagieren sich von hier und reisen zu Besuchen nach Syrien. Auch vom DAAD haben wir eine Konferenz dazu veranstaltet, wie Konzepte des akademischen Wiederaufbaus aussehen können.

Syrien ist ethnisch und konfessionell sehr vielfältig. Hatte das Auswirkungen auf das Stipendienprogramm?

Die Vielfalt spiegelte sich unter den Ausgewählten wider – Aleviten und Muslime waren ebenso dabei wie Drusen und Christen. Anfangs hatten viele tatsächlich Hemmungen, in großen Runden frei zu sprechen. Sehr geholfen hat ein zweisemestriges Begleitprogramm der Universität Konstanz, das alle neben ihrem Fachstudium absolvierten: zu Themen wie Good Governance, Korruptionsbekämpfung und den Strukturen freiheitlich-demokratischer Systeme. Wir konnten regelrecht zuschauen, wie dank dieses Programms zunehmend auch über politisch und konfessionell heikle Themen debattiert wurde – in einer respektvollen und offenen Atmosphäre.

Wie sind Ihre Kontakte nach Syrien nach den jüngsten politischen Umwälzungen?

Zu den Stipendiaten hat sich der Kontakt seit dem Ende des Assad-Regimes noch einmal intensiviert. Im Oktober planen wir eine Veranstaltung in Mainz mit den Leadership for Syria-Alumni, ein Treffen mit anderen syrischen Akademikern und Studierenden ist in Vorbereitung. Ich selbst war Anfang März in Damaskus und werde wieder fahren. Kontakte zur Übergangsregierung gibt es bisher nur über die Deutsche Botschaft – wie es mit dieser weitergeht, ist noch unklar. Man muss jedoch sagen, dass die für uns relevanten Minister im positiven Sinne Technokraten sind. Der Bildungsminister hat in Deutschland studiert, der Hochschulminister war viele Jahre Arzt in Frankreich.

2015 kamen nicht nur Menschen aus Syrien nach Deutschland. Welche Unterstützung gab es für andere Geflüchtete?

Die Hochschulprogramme richteten sich an alle Geflüchteten. Seit April 2021 gibt es außerdem das Hilde-Domin-Programm, das gefährdeten Studierenden und Forschenden Schutz bietet. Und: Leadership for Syria hat als Vorbild gedient: Das Leadership for Africa-Programm ist nicht identisch, aber in seiner Struktur ähnlich und sehr erfolgreich.

Interview: Jeannette Goddar (9. September 2025)


 

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