Wissenstransfer mit Afrika neu denken

Ein Mann erklärt etwas in einem Feld, umgeben von mehreren Menschen in landwirtschaftlicher Umgebung.

In vielen seiner Programme setzt der DAAD auf Joint Knowledge Creation: Internationale Hochschulteams entwickeln gemeinsam mit lokalen Partnern Lösungen für komplexe Herausforderungen. Drei Beispiele aus Afrika zeigen, wie dieser Ansatz Forschung und Praxis verbindet – und so klimaresiliente Landwirtschaft, nachhaltige Energieversorgung und stabile Ernährungssysteme voranbringt.

Staub wirbelt auf, als die Gruppe das kleine Versuchsfeld inmitten der hügeligen Landschaft von Hula betritt. Auf 2.600 Metern Höhe, im Süden Äthiopiens, führt Tadele Geremu Etefa, Doktorand an der Hawassa University, Landwirtinnen und Landwirte sowie Forschende und Projektkoordinatoren aus Äthiopien und Deutschland durch die dicht bepflanzten Ackerbohnen-Parzellen. Dabei steht insbesondere eine Frage im Raum: Wie lassen sich Erträge sichern – und das in einer Region, die zunehmend unter Dürre leidet? „In meiner Dissertation untersuche ich, wie sich die Bodenfruchtbarkeit mithilfe spezieller Bodenbakterien – sogenannter Rhizobien – verbessern lässt“, erklärt Etefa. Er und sein Team testen lokal angepasste Bakterienstämme, die auch in sauren Böden gedeihen und Stickstoff aus der Luft in Pflanzennährstoffe umwandeln können. „Im besten Fall brauchen wir deutlich weniger Kunstdünger – das spart Kosten und schützt die Umwelt.“

Solche Begegnungen zwischen Forschung und Praxis sind Teil von CLIFOOD (Climate Change Effects on Food Security), einem bilateralen Graduiertenkolleg der Universität Hohenheim und der Hawassa University. Seit 2016 fördert es Forschung zu klimaresilienten Agrar- und Ernährungssystemen in Ostafrika – und setzt auf lokales Wissen. Finanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im Rahmen des DAAD-Programms SDG-Graduiertenkollegs ermöglicht die Initiative interdisziplinäre Hochschulausbildung. Neben klima-smarten Anbausystemen, Tierhaltung, Boden- und Wassermanagement sowie Klimamodellen stehen auch soziale Aspekte im Fokus, unterstützt durch die Modernisierung von Uni-Laboren, den Aufbau eines Datenzentrums und den Wissensaustausch mit über 17 Partnerinstitutionen.

Austausch in der Landessprache

Der „Feldtag“ in Hula zeigt exemplarisch, wie Wissenstransfer konkret aussehen kann. Die Teilnehmenden begutachten Versuchspflanzen, vergleichen sie mit ihren eigenen Feldern und bringen ihre Erfahrungen und Vorschläge ein – etwa zu Anbautechniken oder Fruchtfolgen. Das Forschungsteam stellt Bodentests vor, erläutert pH-Werte und erklärt den gezielten Einsatz der Rhizobienstämme. „Zahlreiche Bäuerinnen und Bauern zeigen Interesse, diese Methode selbst anzuwenden“, so Etefa. „Derzeit arbeiten wir daran, die Präparate breiter verfügbar zu machen.“ Alle Gespräche finden in der Landessprache statt: ein entscheidender Faktor für den offenen Austausch. „Die Feldtage vermitteln nicht nur Wissen, sondern geben auch den Anstoß für konkrete Veränderungen – ein wichtiger Schritt hin zur breiteren Anwendung klimaresilienter, evidenzbasierter Landwirtschaft, wie sie CLIFOOD anstrebt.“

Kontextsensibler Umgang mit Wissen

Am Beispiel des SDG-Graduiertenkollegs wird deutlich: Projekte, die auf gleichberechtigte Partnerschaft und geteilte Verantwortung setzen, schaffen Raum für Lösungen regionaler und globaler Herausforderungen. Wissen einfach von A nach B zu übertragen – das greift zu kurz. „Der Begriff Wissenstransfer suggeriert einen linearen Prozess“, sagt Dr. Ruth Fuchs, Referentin für Entwicklungszusammenarbeit im DAAD. „Das entspricht nicht der Realität komplexer Lern- und Innovationsprozesse, die oft dialogisch und zirkulär verlaufen.“ Gefragt sei ein kooperativer, kontextsensibler Umgang mit Wissen: nicht nur über Fach- und Ländergrenzen hinweg, sondern auch zwischen Wissenschaft, Praxis, Zivilgesellschaft und Politik. Joint Knowledge Creation – die gemeinsame Erarbeitung von Erkenntnissen – gilt als Schlüssel. Denn das Wissen für gesellschaftliche Veränderungen liegt nicht nur in Hochschulen, sondern auch in den Erfahrungen der Menschen vor Ort. „Dieses lokale Wissen wird jedoch bislang nicht systematisch genug erfasst oder genutzt“, so Fuchs. „Praxisorientierte Forschung sollte alle relevanten und verfügbaren Wissensquellen prüfen, nutzen und weiterentwickeln.“

Klimafreundliche Stromversorgung im Globalen Süden

Wie sich dieser Grundgedanke umsetzen lässt, zeigt ebenso ein Beispiel aus Kenia. Die Landschaft ist weit, das Stromnetz reicht nicht bis hierher. In Olderkesi, einer abgelegenen Gemeinde im Süden des Landes, steht eines der Living Labs des Projekts SEED (Sustainable Energies, Entrepreneurship and Development). Hochschulteams und Gemeindemitglieder bauten hier gemeinsam ein solarbetriebenes Mini-Grid – eine unabhängige Stromversorgung, die auch Forschung, Lehre und unternehmerische Ideen ermöglicht. DAAD-Alumnus Tobias Belle, der das Vorhaben an der Jomo Kenyatta University of Agriculture and Technology (JKUAT) mehrere Jahre kommunikativ begleitete, erinnert sich an intensive Gespräche mit den Menschen vor Ort. „Die Umsetzung des Projekts war ein partizipativer Prozess“, sagt er. „Wir haben gelernt, wie Macht- und Führungsstrukturen funktionieren und welche Prioritäten beim Energiezugang und Unternehmertum gesetzt werden.“ 

Olderkesi ist eines von acht Living Labs im Rahmen von SEED – neben Standorten in Äthiopien, Ghana, Indien, Indonesien, Namibia, Peru und Uganda. Das Projekt wird vom DAAD im Programm exceed aus Mitteln des BMZ gefördert und von der Technischen Universität München (TUM) koordiniert. Ziel ist es, gemeinsam mit zehn Partnerhochschulen in Afrika, Asien und Lateinamerika Lösungen für nachhaltige Energiesysteme zu entwickeln – angepasst an lokale Bedingungen und gemeinsam mit den Menschen vor Ort.

Drei Personen unterhalten sich im Freien bei sonnigem Wetter, wobei eine Frau Notizen macht und ein Mann spricht.

Gemeinsames Lernen

In Olderkesi begann dieser Prozess mit einer Bedarfsanalyse. Workshops und Schulungen folgten. Schritt für Schritt erarbeiteten Gemeindemitglieder und Teams der beteiligten Hochschulen ein Modell für die langfristige Nutzung und Verwaltung der Anlage. Daraus entstand die Olderkesi-SEED Cooperative Society Limited – eine offiziell registrierte Genossenschaft, die heute für Betrieb, Wartung und Weiterentwicklung des Systems zuständig ist. Gleichzeitig hat SEED einen Ort geschaffen, an dem gemeinsames Lernen für Studierende, Forschende und die Menschen vor Ort möglich ist: Postgraduierte aus Nairobi und München nutzen das Living Lab beispielsweise für Datenerhebung und Forschung zu den Auswirkungen dezentraler Energieversorgung auf Bildung, Gesundheit und wirtschaftliche Entwicklung. In der aktuell zweiten Förderphase stehen zudem nachhaltige Betreiberstrukturen, eine stärkere Verankerung in der Hochschullehre und digitale Weiterentwicklung im Vordergrund. 

Für Tobias Belle war die Teilnahme am SEED-Projekt ein entscheidender Meilenstein – sowohl beruflich als auch wissenschaftlich. Heute verantwortet er die Kommunikation beim Kenya Climate Innovation Center, das Unternehmerinnen und Unternehmer darin unterstützt, innovative Klimaschutzlösungen zu entwickeln. „Meine heutige Arbeit ist stark von meinen bisherigen Erfahrungen geprägt – und das SEED-Projekt hat daran einen maßgeblichen Anteil“, sagt Belle. „Ich habe gelernt: Eine gute Lösung allein reicht nicht, wenn der Mensch nicht im Mittelpunkt steht.“

Resiliente Ernährungssysteme im südlichen Afrika

Auch in Südafrika und Malawi setzt ein neues Projekt auf lokale Lösungen – und auf die Verbindung von Wissenschaft, Praxis und gemeinsamer Verantwortung. In der Anfang 2025 gestarteten Initiative UKUDLA (African-German Centre for Sustainable and Resilient Food Systems and Applied Agricultural and Food Data Science), die der DAAD im Rahmen des Programms African Excellence – Fachzentren Afrika fördert, arbeiten Forschende der Universitäten Hohenheim, Mpumalanga, Pretoria, der University of the Western Cape sowie der Lilongwe University of Agriculture and Natural Resources (LUANAR) daran, lokale Ernährungssysteme besser zu verstehen und gemeinsam mit der Bevölkerung weiterzuentwickeln. 

Acht Personen posieren gemeinsam lächelnd für ein Gruppenfoto im Freien vor einem Backsteingebäude.

Als Pilotprojekt schafft UKUDLA Synergien durch das gemeinsame Engagement dreier Bundesressorts: des Auswärtigen Amtes (AA), des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH). In Südafrika sind außerdem das Ministerium für Wissenschaft, Technologie und Innovation (DSTI) und die Nationale Forschungsstiftung (NRF) beteiligt. „Wir tauschen uns mit Vertreterinnen und Vertretern der Gemeinden und privaten Unternehmen über ihre Herausforderungen im Bereich der Landwirtschaft aus und verbinden ihr Wissen mit unserer Forschung“, erklärt Professor Ndomelele Ndiko Ludidi, Dekan der Fakultät für Agrar- und Naturwissenschaften an der University of Mpumalanga. „So entstehen gemeinsame Lösungen.“

Lokales Wissen integrieren

Erste Studien laufen bereits an: Ein Doktorand beschäftigt sich mit Süßkartoffeln und der Frage, wie sich Nachernteverluste reduzieren lassen – etwa durch bessere Lagerung, Verknüpfung der Wertschöpfungspartner, Logistik oder regionale Weiterverarbeitung. Auch die Vermarktung spielt eine zentrale Rolle: In vielen ländlichen Regionen Südafrikas fehlt es an funktionierenden Wertschöpfungsketten. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern finden keine Abnehmer, obwohl Bedarf besteht – ihre Produkte verderben oder bringen kaum Einkommen. Das Projektteam untersucht deshalb, wie sich Marktzugänge verbessern lassen und digitale Tools dabei helfen können, die Preisbildung transparenter zu gestalten und Transportketten effizienter zu organisieren. Auch das erste Masterprogramm in Südafrika ist bereits gestartet; ergänzend dazu sind Summer Schools, Seminare zur Datenanalyse und Mikro-Zertifikate geplant – etwa zu Themen wie Bodensensorik, Drohnentechnologie oder App-Nutzung für Kleinbetriebe. Lokales Wissen wird dabei nicht nur abgefragt, sondern konsequent und nachhaltig in den Forschungsprozess integriert. „Das bildet die Grundlage für langfristige Veränderungen vor Ort“, sagt Ludidi.

Christina Pfänder (4. September 2025)



 

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