Unterstützung für das ukrainische Hochschulsystem
„Humankapital für die Zukunft“ – das ist ein Fokusthema der vierten „Ukraine Recovery Conference“, die am 10. und 11. Juli 2025 in Rom stattfindet. Gut ausgebildete junge Menschen seien für den nachhaltigen Wiederaufbau der Ukraine unentbehrlich, sagt DAAD-Referentin Katja Thevs: „Ein sehr wichtiges Ziel der ukrainebezogenen Programme des DAAD ist, dass die Zahl hochqualifizierter ukrainischer Hochschulabsolventinnen und -absolventen trotz der zahlreichen physischen, psychischen und finanziellen Belastungen durch den Krieg nicht dramatisch sinkt.“
Unterstützung für das ukrainische Hochschulsystem leistet der DAAD in drei Bereichen: mit Stipendien für ukrainische Forschende, Lehrende und Studierende, mit Programmen zur Weiterentwicklung und Internationalisierung ukrainischer Hochschulen sowie durch die Förderung von Forschung und Wissenstransfer.
Seit dem russischen Angriff auf die gesamte Ukraine 2022 hat der DAAD nicht nur Angebote zur unmittelbaren Nothilfe ins Leben gerufen, sondern auch Programme, die auf die langfristige Stärkung ukrainischer Hochschulen abzielen. Im Juni 2025 startete das neue Programm Deutsch-Ukrainisches Hochschulnetzwerk (DUHN), in dem 30 Kooperationsprojekte deutscher Hochschulen mit ukrainischen Partnern vier Jahre lang aus Mitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert werden. Die Projekte der Programmlinie „Studium und Lehre“ zielen auf die Entwicklung gemeinsamer Lehr- und Lernmodule und mittelfristig gemeinsamer Studiengänge ab.
Dialog mit Verwaltung und Zivilgesellschaft
Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) bietet im Rahmen seines DUHN-Projekts schon ab dem Wintersemester 2025/26 gemeinsame Lehrveranstaltungen für deutsche und ukrainische Studierende im Fach Stadtplanung an. „Die notwendige Erneuerung in ukrainischen Städten bietet die Chance, langfristig resiliente Quartiere zu entwickeln. Zugleich besteht die Gefahr, dass aufgrund der kurzfristigen Notwendigkeit, Wohnraum und Infrastruktur zu schaffen, Aspekte der Nachhaltigkeit außer Acht gelassen werden“, sagt Professorin Barbara Engel, Dekanin der KIT-Fakultät für Architektur. Ein wichtiger Aspekt des Projektes sei deshalb der Dialog mit lokalen Akteurinnen und Akteuren aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Bürgerinitiativen: „Verantwortliche Planung kann nur im Miteinander der an der Stadtplanung Beteiligten gelingen.“
Die Universität Stuttgart erarbeitet im Rahmen ihres DUHN-Projekts mit der Nationalen Technischen Universität Donezk (DonNTU) und der Nationalen Universität der Vorkarpaten vier digitale Lehrmodule zum Schwerpunkt „Wiederaufbau/Bekämpfung der Kriegsschäden“, unter anderem in den Bereichen Siedlungswasserwirtschaft, Computer Engineering und Erziehungswissenschaften. Sie sollen dazu beitragen, insbesondere die derzeit russisch besetzte Region Donezk nach dem Kriegsende mit dringend benötigten Expertinnen und Expertinnen zu versorgen – von Lehrkräften bis zu Fachleuten, die die Versorgung mit sauberem Trinkwasser wiederherstellen.
Stipendien für digitale Mobilität
Ein Fokus von DUHN liegt auf dem Austausch von Lehrenden und Studierenden. „Stipendien gibt es auch für digitale Mobilität. Das bietet den Vorteil, dass die Geförderten mit ihren ukrainischen Hochschulen eng verbunden bleiben und dennoch von der Kooperation mit Deutschland profitieren“, so Tilman Fietz-Bockard, der beim DAAD für das Programm verantwortlich ist. In einer zweiten Programmlinie fördert der DAAD Fortbildungen für Lehrende und Verwaltungsmitarbeitende an ukrainischen Hochschulen, um deren Internationalisierung und Integration in den Europäischen Hochschulraum voranzubringen.
Alle Projekte bauen auf bestehenden deutsch-ukrainischen Kooperationen auf, von denen viele erst in den vergangenen Jahren im Rahmen anderer DAAD-geförderter Programme wie Ukraine digital: Studienerfolg in Krisenzeiten sichern entstanden sind. Ukraine digital ermöglichte deutschen Hochschulen seit Juni 2022, ukrainische Partnerhochschulen bei der virtuellen Lehre zu unterstützen, sodass sie ihren Lehrbetrieb aufrechterhalten konnten. Mitte 2025 lief die DAAD-Förderung aus, fünf Projekte werden noch bis Jahresende von der Harald Christ Stiftung für Demokratie und Vielfalt finanziert. „Ukraine digital war ein großer Erfolg“, sagt Tilman Fietz-Bockard. So wurden zusammen mit insgesamt 90 ukrainischen Hochschulen mehr als 2.500 Onlinekurse entwickelt und durchgeführt, von denen mindestens 50.000 ukrainische Studierende profitierten. Darüber hinaus wurden Stipendien an mehr als 5.500 ukrainische Studierende vergeben und Honorare an mehr als 1.700 Lehrende gezahlt.
Eine andere Ausrichtung verfolgen die beiden neuen Zentren für interdisziplinäre Ukrainestudien in Frankfurt/Oder und Regensburg, die 2024 ihre Arbeit aufnahmen: Sie sollen nicht nur die Forschung und das fächerübergreifende Lehrangebot zu ukrainebezogenen Themen stärken, sondern auch in die deutsche Gesellschaft ausstrahlen, indem sie aktuelle Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Zentren, die vom DAAD aus Mitteln des Auswärtigen Amts gefördert werden, vergeben Forschungsstipendien und bieten Ringvorlesungen, Zertifikatskurse für Studierende sowie ein vielfältiges Kulturprogramm an. „In einer Zeit, in der die Ukraine im Zentrum globaler politischer Diskussionen steht, ist es wichtiger denn je, ihre Geschichte, Kultur und Zukunftsaussichten zu erforschen und zu vermitteln“, sagt Professor Guido Hausmann, Co-Sprecher des Zentrums „Denkraum Ukraine“ an der Universität Regensburg, dessen Themenspektrum von Sprach- und Kulturerbe über Krieg und Frieden bis hin zu Flucht, Migration und regionaler Vielfalt reicht.
Zum „Kompetenzverbund Interdisziplinäre Ukrainestudien Frankfurt (Oder) – Berlin (KIU)“ unter Leitung der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) zählen zwei Hochschulen und drei Forschungseinrichtungen in Berlin. Im Juni 2025 startete am KIU das erste strukturierte Doktorandenprogramm für Ukrainistik in Deutschland. „Teil dieser Forschungsgemeinschaft zu sein, bedeutet, sich an interdisziplinärer, kritischer Forschung zu beteiligen, die die ukrainische Gesellschaft nicht nur beobachtet, sondern sich mit ihr auseinandersetzt und mit ihr zusammenarbeitet“, sagt die Doktorandin Mona Richter. Sie forscht am KIU zum laufenden Wiederaufbau in der Ukraine, der neben physischen Baumaßnahmen auch immaterielle Aspekte wie psychosoziale Unterstützung, kulturelle und ökologische Wiederbelebung oder Bildungsinitiativen umfasse: „Die Akteure der Zivilgesellschaft warten nicht auf einen ‚Nachkriegsmoment‘, sondern gestalten den Wiederaufbau jetzt aktiv – mitten im russischen Angriffskrieg und oft auf sehr anpassungsfähige und innovative Weise.“
Miriam Hoffmeyer (8. Juli 2025)